"Beweispflichtig ist, wer in Freiheitsrechte eingreift"

Antworten auf ausgewählte Kommentare von Telepolis-Foristen zum Beitrag "Covid-19 und die wundersame Reproduktionszahl des RKI" von Prof. Stefan Homburg

Aus den knapp 300 Kommentaren unserer Leserinnen und Leser auf den Beitrag „Covid-19 und die wundersame Reproduktionszahl des RKI“ des Hannoveraner Finanzwissenschaftlers Stefan Homburg haben wir einige Beiträge für Repliken des Autors ausgesucht. Dabei fiel die Wahl vorrangig auf fachliche Anmerkungen zu Prof. Homburgs Kritik an der Methodik von Bundesregierung und Robert-Koch-Institut (RKI) sowie nachgeordnet auf politische Kommentare zu seinem Wirken und seinen Kritikern.

Bei den zitierten Kommentaren behalten wir die Originalschreibweise bei, sie sind als Zitate eingerückt. Die Namen der Foristen sind mit den Links zu ihren jeweiligen Kommentaren unterlegt. (Die Redaktion)

selbst bei ro=1 heisst das im moment, dass sich täglich ca 23.000 menschen neu anstecken. bei einer ifr von durchschnittlich 1% sind damit täglich ca 230 tote zu erwarten (bei unserem altersschnitt sogar noch etwas mehr), sodaß covid nach herz/kreislauf und krebs jetzt die dritthäufigste todesursache ist. da helfen solche zahlenspiele wenig

User "Sternfahrers Schatz"

Infolge der Erfassungsvorgaben von Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Robert-Koch-Institut (RKI) ist keineswegs gesichert, dass es sich bei Covid-19 um eine wichtige Todesursache handelt, ganz im Gegenteil. Wenn Covid-19 neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs als zusätzliche Todesursache hinzukäme, müsste man eine Zunahme der Gesamtsterblichkeit in Deutschland feststellen. Diese ist aber in den Daten nicht erkennbar.

Bevölkerung, Wirtschaft und lokale Behörden haben bereits im Februar begonnen, einen viel drastischeren "Lockdown" umzusetzen. Am Anfang einer Epidemie ist der Wille zur Selbsterhaltung stark. Dementsprechend groß ist der Effekt der Selbsterhaltungsmaßnahmen. So groß, daß wir ihn sogar im starken Anstieg der Nachfrage nach Toilettenpapier, Seife und Desinfektionsmitteln im Februar wiederfinden. Es ist also nicht verwunderlich, daß das Infektionsgeschehen der ersten Welle bereits am zehnten März seinen Höhepunkt überschritt. Die Maßnahmen der von den Landes- und der Bundesregierung verhängten "Lockdowns" haben danach keinen großen zusätzlichen Effekt bewirkt, sondern lediglich genügend Druck aufrechterhalten können, um die Lage zu stabilisieren. Das alles hätte Herr Homburg leicht selbst erkennen und sich damit die Mühen seines Artikels ersparen können. Wenn Herrn Homburg wirklich daran gelegen sein sollte, einen konstruktiven Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten, hätte ich einen Vorschlag: Versuchen Sie, mit den Ihnen zur Verfügung stehenden mathematischen Methoden und Ressourcen, die Effekte der Einzelmaßnahmen der "Lockdowns" voneinander zu separieren. Machen Sie daraus eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Vielleicht gelingt es Ihnen damit tatsächlich, weniger geeignete Maßnahmen identifizieren zu helfen.

User "Haarrissiger Halbleiter"

Oft werde ich mit der Aussage konfrontiert, der Lockdown sei unbedingt erforderlich gewesen. Wenn ich entgegne, der Lockdown sei erwiesenermaßen zu spät verfügt worden, heißt es, freiwillige Verhaltensänderungen hätten gereicht. Ironischerweise empfindet die Gegenseite das meist als Bestätigung ihrer Ausgangsthese, der Lockdown sei notwendig gewesen, und man dreht sich im Kreis. Tatsächlich sind freiwillige Verhaltensänderungen gar nicht umstritten, es geht vielmehr um die Zwangsmaßnahmen.

Misst man die freiwilligen Verhaltensänderungen am Mobilitätsindex von RKI und Humboldt-Universität, sind aber auch diese nicht der wesentliche Erklärungsfaktor, weil die Mobilität ungefähr zeitgleich mit dem R-Wert sank, die Infektionsdynamik dem R-Wert aber, wie in meinem Artikel beschrieben, rund elf Tage vorhergeht.

Ihre Anregung, zu diesem Thema wissenschaftlich zu publizieren, habe ich übrigens bereits mehrfach aufgegriffen. Man findet die Artikel leicht im Google Scholar.

Die implizite Annahme mit der Generationszeit (hier: 4 Tage) ist, dass bis dahin alle Personen, die ein Infizierter anstecken kann auch bereits infiziert wurden, quasi in Nullzeit. Das berücksichtigt halt überhaupt nicht, dass man nach 4 Tagen gerade einmal anfängt infektiös zu werden und dies für mindestens eine Woche bleibt. Jetzt ist mir auch so langsam klar, wieso die Zahl der gemeldeten Neuinfektionen schon so lange offensichtlich exponentiell stieg, während R noch mit ca. 1 angegeben wurde. Dabei sollte es ein leichtes sein, aus dem Kurvenverlauf der Neuninfektionen ein R zu schätzen.

User "Zynischer Beobachter"

Persönlich verwende ich nicht den R-Wert, da in dessen Berechnung tatsächlich eine Annahme über die Generationszeit eingeht, sondern den in meinem Artikel beschriebenen Wachstumsfaktor der Neuerkrankungen.

Wie die Graphik zeigt, sank er schon Anfang März massiv. Bei Berechnung aus dem Sieben-Tage-Schnitt folgt dieser Indikator der Infektionsdynamik mit einer Verzögerung von etwa acht Tagen.

Der R-Wert ist nur eine Ableitung der "Neuinfektionen", das Casting im Grunde nur eine Trendanalyse eben dieser Ableitung. Man kann beim R-Wert sicherlich kritisieren, dass er kommentarlos über Bereiche der "Kurve" fortgeschrieben wird, die über die Zeit ganz unterschiedliche Prävalenz und Testzahlen beinhaltet. Denn so wird ja suggeriert, dass ein R-Wert aus dem März mit dem R-Wert aus dem September vergleichbar wäre, was faktisch nicht der Fall ist.

User "ex_"

Der R-Wert ist keineswegs eine "erste Ableitung", sondern vielmehr ein Wachstumsfaktor, der allerdings nicht Echtzeitwachstum misst, sondern generationelles Wachstum. Es ist von zentraler Bedeutung, diesen Unterschied zu verstehen, da etwa die erste Ableitung der Funktion f(x) = x2 für positive x stets zunimmt, ihre Wachstumsrate 2/x aber streng monoton fällt, sich also genau umgekehrt verhält.

Auf der Verwechslung von Ableitung und Wachstumsrate beruhen viele Denkfehler zum sogenannten "exponentiellen Wachstum".

(Zitat aus dem Artikel: "Bei Annahme einer Messverzögerung von acht Tagen, wie in der obigen Tabelle entwickelt, fiel die Infektionsdynamik keineswegs am 21. März unter eins, sondern schon am 13. März.") Falsch! das bedeutet, dass das RKI erst am 29. März eine halbwegs gesicherte Aussage über das Infektionsgeschehen am 21. März treffen konnte. Und wenn Sie, Herr Homburg, sich nur ein klein wenig Mühe geben, können Sie das einfach auf der Website des RKI recherchieren.

User "Abteilung2702

Ihre Aussage steht nicht in Widerspruch zu meinem Text. Ich behaupte nicht, dass man die R-Zahl schon am Tag des Lockdowns kannte; sie wurde erst ab Ende März errechnet. Allerdings wusste man am 15. April, als man die Verlängerung des Lockdowns verfügte, sehr wohl, dass die R-Zahl schon vor dem Lockdown unter Eins gelegen hatte.

Diese Entscheidung war daher ein klarer Fehler. Mitte März hätte man anhand der Entwicklungen etwa in China und Südkorea unabhängig vom R-Wert erkennen können, dass SARS-CoV-2 keineswegs ein Killervirus ist.

"die reproduktionszahl lässt sich doch nachträglich viel genauer berechnen und damit könnte man dann auch besser evaluieren wie welche maßname gewirkt hat wird/hat jemand das schon gemacht?"

User "brechtverbot"

Es existieren mittlerweile unzählige Studien zur Wirksamkeit der Lockdowns. Viele, etwa der internationale Vergleich, gelangen zum Ergebnis, dass die Maßnahmen wenig oder nichts gebracht haben. Beweispflichtig ist, wer in Freiheitsrechte eingreift.

Wen interessieren eigentlich diese alten Geschichten? Den ganzen Oktober über hatten wir einen R7 von ziemlich konstant 1,5. Eindeutig exponentielles Wachstum. Genau das, was Schwurbler wie Wodarg, Bhakdi, Köhnlein, Kuhbandner und Homburg immer kategorisch ausgeschlossen hatten. Dazu äußern sie sich natürlich nicht.

User "Artur_B"

Man kann jede stetige Funktion lokal durch eine beliebige andere stetige Funktion approximieren und somit auch behaupten, in bestimmten Zeitabschnitten habe "näherungsweise exponentielles Wachstum" vorgelegen. Das ist trivial und zirkulär.

Im gesamten November sehen wir einen Querbewegung der Fallzahlen. Somit wäre eine "exponentielle" Fortschreibung der Oktoberzahlen genau so verfehlt wie sie im Frühjahr war. In der Natur wächst nichts exponentiell.

Dieselben Querdenker-Lügen hat "Experte" Homburg schon vor einem halben Jahr in der AfD-Futterkrippe "WELT" verbreitet. Bereits am 22. April wurden seine seltsamen Statistiken einem Faktencheck unterzogen.

User "Don Obi"

Das Propagandaportal "Correctiv" macht sich einen Spaß daraus, wissenschaftliche Dispute zwischen Professoren durch Studenten und Studienabbrecher klären zu lassen. Vorliegend hatte "Correctiv" zur Debatte zwischen dem RKI und mir das RKI befragt und sein Urteil auf Grundlage von dessen Antwort gefällt. Ich wurde nicht befragt.

Hätte man mich befragt, wäre das Urteil entgegengesetzt ausgefallen. Eine solche Vorgehensweise kann man nicht ernst nehmen.

Anfang März sah man die Situation in Italien und Frankreich, und der Schock war gross, als auch bei uns die Zahlen hochgingen.
Was passierte: Die Menschen wurden vorsichtiger. Der R-Wert sank.
Nur- und das unterschlagen die 711er R-Werte-Interpretierer - hält so ein "Schock" im Allgemeinen nicht lange. Zumindest nicht lange genug, um ein konsistentes Verhalten Aller zu erzeugen, wie man es bei einer Seuchenbekämpfung braucht.
Diese Aufgabe erfüllte der Lockdown.

User "Frank_Drebbin"

Sie stellen die Hypothese auf, die Infektionsdynamik sei zwar aus anderen Gründen gesunken, doch hätte der Lockdown einen Wiederanstieg verhindert. Belege hierfür erbringen Sie nicht, auch keine Plausibilitätsüberlegungen.

In epidemiologischen Modellen und auch in der Realität klingen Infektionswellen automatisch ab, was der Volksmund "Grippewelle" nennt. Ein Wiederanstieg erfolgt dann in der nächsten Saison, aber nicht sofort.

Eine treibende Kraft für das Ausklingen einer Welle ist der Umstand, dass die Anzahl der noch infizierbaren Personen während der Ausbreitung der Infektionswelle ständig fällt, dem Virus also sozusagen der Nachschub ausgeht. (Stefan Homburg)