Bezaubernder Cheney

Kriegsszenarios in Iran und den USA

Mildernde Töne im Kalten Krieg zwischen den USA und Iran ist von diesem erzkonservativen Männerzirkel nicht zu erwarten: Irans Mystery-Man, Präsident Ahmadinedaschad, hat am Sonntag seine Kabinettsliste vorgestellt. Scharfzüngige Kritiker lassen keinen Zweifel daran: dies sei ein Kriegskabinett. Zu befürchten ist, dass das Säbelgerassel zwischen Washington und Teheran und die Spekulationen über die Möglichkeiten militärischer Aktionen und Reaktionen noch lauter werden.

Der Kern des neuen Kabinetts sei von einem militaristischen Hintergrund gefärbt, habe beste Verbindungen zu den Revolutionären Garden, die auch Ahmadinedschad teilt, und zu geheimdienstlichen Organisationen, so die düstere Analyse des oppositionellen iranischen Bloggers Shahram Kholdi, der sich in seinem Weblog ausführlich mit Herkunft und Geschichte der neuen Politiker-Generation in Iran befasst. Für Kholdi ist es im Kern die "zweite Generation der iranischen Revolution", welche jetzt an Machtpositionen gelangt ist.

Auch ein nüchterner Blick auf die neue Regierung, wie ihn etwa die Neue Zürcher Zeitung liefert, kommt nicht umhin von einem Kabinett aus "Hardlinern" zu sprechen, das sich in der Nuklearpolitik standfest zeigen wird - selbst wenn die Zeitung zu bedenken gibt, dass der neue Außenminister Muttaki zwar als "erzkonservativ" eingestuft wird, aber seiner Biographie nach ein "differenziert denkender, erfahrener Politiker" sei. Und: trotz der scharfen Worte scheinen die Beratungen zwischen der EU und Iran im Hintergrund weiterzugehen.

Die scharfen Worte wurden am vergangenen Wochenende laut. Nachdem Präsident Bush am vergangenen Freitag erklärt hatte, dass er ein militärisches Eingreifen gegen Iran nicht ausschließen könne, reagierte der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Hamid Asefi, darauf mit der entsprechenden Warnung, dass "die Kapazitäten Irans größer als die der USA" seien:

We don't think that the United States will make such a mistake.

Vielleicht doch? Obwohl einiges dagegen spricht, die Vorgeschichte des Irak-Krieges mit dem kalten Krieg zwischen Iran und den USA zu parallelisieren, erhalten Schwarzseher von der derzeitigen US-Regierung doch immer neues Futter für ihren Verdacht und auch nüchterne Beobachter des verbalen Schlagabtauschs zwischen den beiden Regierungen können bei den Ideen, die US-Vizepräsident Cheney ins Spiel bringt, schon ins Grübeln kommen.

So soll Cheney, laut einem Anfang August erschienenem Bericht des Magazins "The American Conservative", das sich ausbedingt, nicht mit allem einverstanden zu sein, was die derzeitige konservative US-Regierung an Ideen hegt, einen Plan für das strategische Oberkommando der USA (STRATCOM) zur Ausarbeitung in Auftrag gegeben haben, der es in sich hat. Demnach soll Iran nach einem weiteren 9/11-type-Terroranschlag auf die USA großräumig angegriffen werden " mit konventionellen wie mit "taktischen" Nuklearwaffen.

Deren Verwendung wird damit begründet, dass einige der mehr als 450 wichtigsten strategischen Ziele, wie etwa die zahlreichen mutmaßlich zur Atombombenherstellung geeigneten Anlagen, unterirdisch lägen. Die Pointe an diesem haarsträubenden strategischen Konzept, das von einem früheren CIA-Mitarbeiter enthüllt und Anfang August die Runde in den News-Circles machte:

Wie im Fall des Irak ist die Antwort (der USA, Einf. d.A.) nicht an die Bedingung geknüpft, dass Iran tatsächlich in den Terrorangriff involviert ist.

Man mag es kaum glauben, gäbe es die dazu passende Vorgeschichte des Irak-Konflikts (vgl. Die Bush-Regierung, die Geheimdienste und die Mär vom irakischen Atomwaffenprogramm) nicht. Widerspruch zu Militärschlägen als Antwort auf das iranische Nuklearprogramm gibt es jedoch nicht nur vom deutschen Bundeskanzler im Wahlkampf, sondern auch von amerikanischen Experten - aus dem konservativen Lager.

So hat ein Professor des U.S. National War College, Michael J. Mazaar, jüngst in einem Artikel, erschienen im Magazin The New Republic, das als eher Neocon-freundlich eingestuft wird, die These aufgestellt, dass die militärische Option gegenüber dem iranischen Nuklearprogramm "weit gefährlicher (ist), als es Teheran zu erlauben, das Programm weiterzuführen".

Was der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Hamid Asefi, am Wochenende mit den "Kapazitäten Irans" andeutete, führt Mazaar im Detail aus: Als Reaktion auf einen amerikanischen Militärschlag hätte Iran gemäß des Militärexperten ein großes Repertoire an Möglichkeiten - zumal im Augenblick, da die Möglichkeiten der USA durch den Irak-Krieg deutlich eingeschränkt seien.

Choosing the battle on Iran's terms could mean choosing it now.

Nicht nur, dass Iran den Irak zur "Hölle für die USA machen" könnte, wie der stellvertretende iranische Außenminister bereits im Februar andeutete, indem man beispielsweise Truppen der Revolutionären Garden über die unkontrollierbare Grenze ins Nachbarland einsickern lässt oder über iranische Agenten, Zellen und willige Selbstmordattentäter die Zahl der Anschläge auf US-Truppen um das Zigfache vergrößert, es läge für Iran auch innerhalb der Möglichkeiten, die Lage in Israel und den besetzten Gebieten erheblich zu destabilisieren, indem man die Hisbullah und andere Terrorgruppen noch stärker unterstütze.

Darüber hinaus könnte Iran mit seiner zwar beschränkten Luft-und Seeflotte doch einige empfindliche Schläge gegen US-Truppen ausführen; iranische Raketen könnten gegen US-Militärbasen im ganzen Nahen Osten abgefeuert werden. Die schlimmsten Folgen, so Mazaar, hätten Angriffe, die den Ölnachschub für die Industrieländer gefährden. Mazaar hält es für möglich, dass Iran zusammen mit einem Ausfuhrstopp des eigenen Öls (aber womit würde das Land dann notwendige Einnahmen erzielen?) den Tankerverkehr in der Straße von Hormus mit Seeminen empfindlich stören und sogar Ziele der saudischen Ölproduktion angreifen könnte.

Zum weiteren Repertoire Irans zählen für Mazaar einmal der Einsatz der berüchtigten "Quds-Kämpfer" als weltweit operierende Terroristen, die über beste Verbindungen zu Zellen vom Irak, Afghanistan, Pakistan, Türkei, Europa und Nordamerika verfügen und eine ganze Welle an weltweiten Anschlägen auslösen könnten.

Zuletzt führt der Professor auch die Möglichkeit an, wonach Iran die USA in einen zermürbenden Bodenkrieg verwickeln könnte:

Ein Militärfachmann hat einem westlichen Journalisten Anfang 2005 erklärt, dass Iran das ganze letzte Jahr damit zubrachte, eine eigene Taktik des asymmetrischen Krieges zu entwickeln, der nicht darauf abzielen würde, sich der Invasion feindlicher Truppen entgegenzustellen, sondern einen Guerilla-Krieg zu entfachen, sobald die Amerikaner ins Land eingedrungen sind. Teheran könnte einen Widerstand ins Leben rufen, der um ein Vielfaches destruktiver ist " und in den Augen der Bevölkerung legitimierter " als der im Irak.

Andererseits: Teheran sperrt sich bislang nicht gegen eine Überwachung seiner Nuklearanlagen. Wie oben bereits beschrieben, ist Teheran auch nach wie vor zu Verhandlungen mit der EU bereit. Dazu kommt, dass Iran nach Angaben des amerikanischen Geheimdienstes noch zehn Jahre von der Entwicklung einer Atombombe entfernt ist. Warum also sollte man Iran nicht sein Nuklearprogramm in stark eingeschränktem Maße weiter betreiben lassen, ist das Risiko doch für diese Option augenscheinlich geringer als bei einer militärischen Operation. (Thomas Pany)