Bienensterben am Oberrhein

Das hochgiftige Insektizid Chlothianidin soll für Bienensterben verantwortlich sein, Imker werden entschädigt, aber der Agrarminister und CropScience (Bayer) weisen die Schuld von sich

Schwere Kritik erntet die Landesregierung in Baden-Württemberg wegen des Vorgehens gegen den Maiswurzelbohrer. Die chemische Keule zur Bekämpfung eines eingeschleppten Maisschädlings hat zum massiven Bienensterben geführt. Zwar sollen die Imker nun entschädigt werden, dabei sind die gesamten Folgen noch längst nicht absehbar. Bayer will nun zahlen, schiebt aber die Schuld genauso von sich wie der Agrarminister.

Westlicher Maiswurzelbohrer. Bild: Baufeld/BBA

Erstmals tauchte der Maiswurzelbohrer 2003 am Oberrhein auf. Es ist ein Käfer mit dem Namen Diabrotica virgifera und kommt aus den USA. Vermutlich wurde er per Flugzeug im Rahmen der letzten Balkankriege nach Europa eingeschleppt und trat zuerst in Serbien auf. Er wird auch Jet-Set Beatle genannt, weil er meist per Flugzeuge eingeschleppt wird. So war es auch kein Wunder, als er zunächst im Umfeld des Flughafens Basel/Mulhouse auftrat. Es handelt sich um einen wirklich gefährlichen Schädling, der große Teile der Ernte vernichten kann.

Doch die Versuche den Schädling massiv chemisch zu bekämpfen scheiterten von Beginn an. Per Hubschrauber wurde die betroffene Gegend mit einer Art Giftdusche mit 1,5 Tonnen des umstrittenen Insektengifts Biscaya bekämpft, das erst im Notverfahren im Juli 2007 gegen den Maiswurzelbohrer zugelassen wurde. Die Giftdusche traf damals auch direkt die Bevölkerung im Elsass.

Doch damit war das Problem nicht gelöst. Im vergangen Jahr wurden die Schädlinge verstärkt auch auf der deutschen Rheinseite festgestellt und eine "konsequente Bekämpfung" angekündigt. Ausgeführt wurde sie mit dem hochgiftigen Insektizid Chlotianidin (Pro Poncho), das nun als Verursacher eines massiven Bienensterbens am Oberrhein identifiziert wurde. Nach der Maisaussaat im Mai waren Millionen Bienen verendet. Der Landesverband badischer Imker beklagt die schlimmsten Bienenverluste seit 30 Jahren.

Das Landwirtschaftliche Technologiezentrum Augustenberg bei Karlsruhe (LTZ) hatte bald den Zusammenhang zum Clothianidin hergestellt Geringste Spuren auf Pflanzen im Mikro- oder sogar Nanogramm Bereich (1 µg = 1 Millionstel Gramm) reichten aus, um Schäden bei Bienen hervorzurufen. Ermittelt hat LTZ allerdings viel höhere Werte. Zunächst hatte das Agrarministerium von Peter Hauk (CDU) erklärt, dass um die Maisäcker höchstens eins bis drei ppm (parts per million) Clothianidin niedergegangen seien. Doch weit gefehlt, denn die Analysten stellten auf Apfelblüten und Blättern bis zu 113 ppm Clothianidin fest.

Nun will CropScience von Bayer den Imkern "unbürokratisch" und auf "freiwilliger Basis" helfen.. Die bisherigen Untersuchungsergebnisse deuteten darauf hin, dass "vermehrt Abriebstaub von einigen fehlerhaft behandelten Mais-Saatgutpartien während der Aussaat in die Umwelt gelangte". Die Herkunft der fehlerhaften Saatgutpartien werde ermittelt. "Die Verwehung von Abriebstaub wurde dabei offenbar vom Einsatz bestimmter pneumatischer Mais-Sämaschinen sowie durch die wochenlange Trockenheit und starke Winde während der Mais-Aussaat begünstigt."

Der unter Druck geratene Agrarminister weist jede Schuld zurück. Im Landtag erklärte Hauk auf die Kritik der Opposition. Ein "unsachgemäßer Umgang durch die Saatgutwirtschaft" mit Chlotianidin habe zu dem Bienensterben geführt. Sofort seien Analysen und Untersuchungen eingeleitet worden, es habe aber zunächst "keine belastbaren Beweise" gegeben. Er betonte, dass das Gift bisher nicht im Trinkwasser festgestellt worden sei, und drohte den Verantwortlichen, die "zutiefst verantwortungslos" gehandelt hätten, Konsequenzen an: "Ich kenne keine Schonung".

Die Opposition machte Hauk für das Desaster verantwortlich. Er stehe im Zweifel an der Seite der Agrar- und Chemieindustrie, sagten die Grünen, und habe erst die Reißleine gezogen, als es längst zu spät war und am 16. Mai "empfohlen", die Aussaat von Poncho Pro gebeiztem Saatgut auszusetzen. Beweise habe es längst gegeben. Der Fraktionschef der Grünen erklärte, schon im März seien in Italien und Slowenien massenweise Bienen verendet und die Italiener hätten Chlotianidin dafür verantwortlich gemacht. Für Winfried Kretschmann ist das Bienensterben keine "Panne, sondern steht exemplarisch für eine verfehlte Agrarpolitik des Landes".

Ähnlich sieht es auch der BUND. Deren Geschäftsführer im Regionalverband Südlicher Oberrhein, einer der am stärksten betroffenen Regionen, weist auch auf die Verluste an anderen Wildtieren und den Schäden im Obstbau, die nicht entschädigt werden sollen. Der Naturschutzbund weist darauf hin, dass man schon im Frühjahr 2004 einen Beitrag des Imkerbundes veröffentlicht hatte, um auf die Gefahren bei der Bekämpfung hinzuweisen. "Der Maiswurzelbohrer kommt, die Biene geht“, lautete die Überschrift.

Dabei sei die Bekämpfung des Maiswurzelbohrers einfach, verweist der BUND auf die benachbarte Schweiz. Dort wird der Käfer ohne Gift mit der traditionellen Fruchtfolge bekämpft. Wird auf dem Feld nicht erneut Mais angebaut, ist das gut für den Boden und führt beim Schlupf der überwinterten Eier dazu, dass die auf Mais angewiesenen Larven keine Nahrung finden und sterben. Immer wieder habe man auf die Folgen des massiven Dünger- und Pestizideinsatzes beim Maisanbau auch für das Grundwasser hingewiesen. (Ralf Streck)