Bienenstöcke und Volkskasse

Rudolf Diesel widmete sich neben der Technik auch der sozialen Utopie

Vor 100 Jahren wurde Rudolf Diesel, der geniale Erfinder der Verbrennungsmaschine, bei einer Überfahrt über den Ärmelkanal an Bord vermisst, einige Tage barg man seine Leiche aus dem Meer. Wirtschaftliche Probleme könnten der Grund für einen Selbstmord des Ingenieurs sein, so damalige Mutmaßungen.

Wie auch immer, seit dieser Zeit ist der Name Diesel untrennbar mit Millionen von Motoren und einem Kraftstoff verbunden. Überall auf dem Globus treiben Dieselmotoren Lastkraftwagen, Lokomotiven, Schiffe, Autos oder Stromaggregate an und erinnern so an den 1858 als Sohn deutscher Emigranten in Paris geborenen Tüftler. Wenig bekannt ist hingegen, dass Diesel sich nicht nur technischen, sondern auch sozialen Fragen zuwandte. "Solidarismus. Natürliche wirtschaftliche Erlößung des Menschen", lautete der Titel einer Schrift, die von "Rudolf Diesel, Ingenieur in München", 1903 veröffentlicht wurde. Darin legt er das Konzept einer solidarischen Wirtschaft vor, bei der die ehemals abhängig Beschäftigten die Finanzierung, Produktion und Verteilung von Gütern selbst in die Hand nehmen.

"Ihr seid in Deutschland 50 Millionen Menschen, die von Gehalt, Lohn, Salär abhängen", schreibt Diesel zu Beginn des ersten Kapitels über die "Grundlagen des Solidarismus". Und rechnet weiter vor, wenn jeder eine geringen Betrag von nur einem Pfennig pro Woche in eine "Volkskasse" einzahlen würde, ergäbe dies ein Kapital von einer halben Million Mark pro Woche. Würden gar jeden Tag ein Pfennig beiseitegelegt, "so habt ihr pro Jahr 182 Millionen und in 10 Jahren schon 2 Milliarden Mark zu eurer wirtschaftlichen Erhöhung zur Verfügung".1

Dieses Sparverfahren ist die Grundlage für das wirtschaftliche Prinzip des Solidarismus, den Diesel als die "vollkommene Gleichsetzung des Einzelinteresses mit dem Gesamtinteresse", "die freie Vereinbarung der Menschen zu gegenseitiger Gerechtigkeit durch Arbeit, Einigkeit und Liebe" versteht:

Der Solidarismus ist die Sonne, welche gleichmäßig über alle scheinend, durch ihre milde Wärme und ihr glänzendes Licht die Menschheit aus ihrem Winterschlaf zu wirtschaftlichen Erlösung erwecken wird.

Solidarismus

Dreh und Angelpunkt dieses Sonnenaufgangs ist die Gründung einer "Volkskasse", in der die Millionen Pfennige zusammengeführt werden. Diese Volkskasse mit ihrem angesammelten Kapital dient als Kreditgeber und Bürge für gemeinschaftliche Betriebe der Kassen-Mitglieder, die Diesel als "Bienenstöcke" bezeichnet: "Ebenso wie für Schuhe errichtet ihr unter dem Schutz der Haftung der Gesamtheit - der Volkskasse - noch andere Bienenstöcke für Kleider, Wäsche, Möbel, Hausgerät usw.,"2 die schließlich die wichtigsten Lebensbedürfnisse der Mitarbeiter, den "Bienen", und anderer Menschen befrieden können.

Unschwer ist hier die Idee der genossenschaftlichen Selbsthilfe zu erkennen, wie sie etwa Wilhelm Raiffeisen 1864 mit dem "Heddesdorfer Darlehnskassenverein" verwirklichte und die Nachfolger in vielen Tausend Genossenschaftsbanken fand. Auch industrielle Produktionsgenossenschaften gab es zu Zeiten der Veröffentlichung des "Solidarismus" bereits, etwa die Glashütte Albi in Südfrankreich, die 1896 gegründet und durch eine Kapitalgesellschaft der Arbeiter finanziert wurde.3

Rudolf Diesel erweiterte allerdings die Idee der genossenschaftlichen Finanzierung und Produktion durch die Hinzufügung von genossenschaftlicher Konsumtion: "Eure Bienenstöcke tauschen also ihre Waren aus; in jedem derselben entsteht auf diese Weise ein Tauschlager, dessen Waren den Bienen und deren Familienmitgliedern ... zu den denkbar billigsten Preisen, da keinerlei Zwischenspesen darauf lasten", zur Verfügung stehen.4 Diesel entwirft so einen relativ geschlossenen Kreislauf von Finanzierung, Produktion und Konsum von genossenschaftlichen Gütern, die weder in Konkurrenz zu anderen Produzenten treten noch auf Märkten auftauchen:

Die wahre Genossenschaft tritt gar nicht in die allgemeine Konkurrenz ein, weder für die Produktion noch für den Konsum, sie arbeitet lediglich für ihren eigenen Bedarf.

Solidarismus

An den zur damaligen Zeit bestehenden Produktionsgenossenschaften wie der Glashütte Albi kritisierte Diesel, diese seien als allgemeine Betriebsform einer Volkswirtschaft undenkbar. Dies einfach aus dem Grund, "weil sie sich wegen ihrer meist ungenügenden Mittel gegen die übermächtige Konkurrenz der verschiedenen Formen großkapitalistischer Produktion oder kapitalistischer Vereinigung nicht halten können".5 Sie seien nach innen zwar genossenschaftlich, nach außen aber kapitalistisch.

Rudolf Diesel ergänzt sein Modell genossenschaftlichen Arbeitens durch Sozialeinrichtungen. So habe jeder "Bienenstock", also jeder genossenschaftliche Betrieb, eine "geräumige, helle, gut ventilierte und geheizte Speiseanstalt" zu errichten, in denen wohlschmeckende Speisen zu "Bienenpreisen" angeboten werden, auch habe er für "gesunde, helle, luftige geräumige Wohnungen" zu sorgen. Zudem seien Krankenhäuser, Schulen, Lehrlingswerkstätten und Gesellschaftshäuser "mit Restaurant und möglichst mit Garten" zu errichten.6

Es drängt sich hier die Idee des Betriebes als Lebensmittelpunkt auf, wie sie von realsozialistischen Ländern, aber durchaus auch von marktwirtschaftlichen Betrieben wie früher Siemens oder Krupp her bekannt ist. Doch der entscheidende Unterschied zu beiden ist die Freiwilligkeit der Assoziation. Im Unterschied zum Sozialismus sei der Solidarismus "im Rahmen bestehender Gesetze, in friedlicher Entwicklung bei vollkommener individuellen Freiheit" zu erlangen.7 Im Unterschied zum Kapitalismus beruht er nicht auf dem Spiel der Marktkräfte, sondern "auf dem natürlichen Spiel der solidarischen Kräfte".

Für Diesel hatte dieses Konzept dabei nichts Utopisches. Ganz der Techniker und Ingenieur glaubte er an diese sozialökonomische Konstruktion, wie er an die Konstruktion des Diesel-Motors geglaubt hatte. Wenn dieser funktionierte, warum sollte man nicht mit naturwissenschaftlicher Herangehensweise auf dem Fundament eindeutiger Sätze eine Art soziale Maschine errichten, wobei Diesel mit dem "Bienenstock" begrifflich allerdings eher Anleihen bei der Biologie nahm.

Realisiert wurde seine Idee des "Solidarismus" noch am ehesten in verschiedenen Genossenschaftsprojekten wie etwa bei der spanischen Industriekooperative "Mondragon". Dort finanziert eine eigene Bank, die "Cacha Laboral", neue Produktionsgenossenschaften.

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