Big Brother steckt im Handy

Neue Technologie analysiert das Verhalten von Mobiltelefon-Besitzern

Wenn in ein paar Jahren sich das Handy plötzlich meldet, muss nicht unbedingt eine SMS oder ein Anruf eingegangen sein. Wenn sich nämlich die Erfindung im Bereich Reality Mining von Nathan Eagle und Sandy Pentland vom Massachusetts Institut für Technologie (MIT) in Cambridge tatsächlich durchsetzen sollte, dann könnte das Mobiltelefon beispielsweise klingeln, weil es seinem Besitzer mitteilen möchte, dass es nun Zeit sei, ins Bett zu gehen. Schließlich - auch das weiß das Gerät - steht am kommenden Morgen ein wichtiger Termin an, den der Gute am besten ausgeschlafen und nüchtern absolvieren sollte.

Aber die neuen Geräte wissen und können noch mehr. Via Bluetooth-Technologie registrieren sie, wann und wo sich ihr Besitzer, mit wem und wie oft trifft. Natürlich nur, wenn die anderen ebenfalls Bluetooth-Handys besitzen. Und sie werten Textbotschaften und die Gespräche ihres Eigentümers genau aus. Möglich macht dies eine in das Handy integrierte Software namens Context, die in Finnland von Mika Raento und einem Team von Ingenieuren an der Universität von Helsinki und dem Helsinkier Institut für Informationstechnologie entwickelt wurde.

Diese Software sammelt und analysiert aber nicht nur alle greifbaren Informationen, sondern sendet sie regelmäßig zur weiteren Auswertung an einen Zentralcomputer. Dort wiederum kann dann ein genaues Bild des Sozialverhaltens einer via Handy überwachten Gruppe erstellt werden. Und Mediziner träumen jetzt schon davon, dass sie auf diese Weise zukünftig genau untersuchen können, wie sich Epidemien entwickeln.

Erste Tests mit Studenten des MIT, die mit 100 entsprechend ausgerüsteten Nokia-Geräten versehen wurden, waren offenbar, wie der New Scientist berichtet, so erfolgreich, dass die absolut perfekte Rundumüberwachung der Bürger nun ein Stück näher gerückt ist. Vorausgesetzt alle machen mit. Und das ist zumindest aus heutiger Sicht zum Glück kaum vorstellbar. (Ernst Corinth)

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