Big Mother

Sind paranoide Eltern die neuen Überwacher?

Ist die neue Elterngeneration übervorsichtig? Sind die Eltern heute paranoider als ihre Väter und Mütter?

Früher, sagt Frank Furedi, Soziologieprofessor an der Universität Kent in Canterbury, habe man von guter Erziehung gesprochen, „wenn Eltern ihren Nachwuchs gesund ernährten, wenn sie sich darum bemühten, Kinder in ihrer motorischen oder geistigen Entwicklung anzuregen und sie zu fördern und wenn sie dafür sorgten, dass sie mit ihrer Umwelt gut zu Rande kamen.“

Heute bedeutet "gute Erziehung" vor allem, die verschiedensten Aktivitäten von Kindern zu überwachen. Das geht so weit, dass in Kindergärten Videokameras installiert werden, um Eltern jederzeit zu ermöglichen, den eigenen Nachwuchs zu beobachten. Die Erziehungsexperten, die in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, raten Eltern unaufhörlich, immer und überall wachsam zu sein. Mütter, die ihre Kinder heute ohne Aufsicht "auf die Straße" oder auf den Spielplatz schicken oder ihnen gestatten, allein zur Schule zu gehen - so wie es früher Usus war - ernten heute nicht selten schräge Blicke.

Wer auf der Suche nach anekdotischen Belegen für solche Behauptungen ist, wird schnell fündig: bei Diskussionen über Impfschäden etwa, an Spielplätzen, wo Kleinstkinder an der Leine herumgeführt werden und die hypernervösen Eltern, die neuen Helden der Republik, ihrem Nachwuchs ständig zwischen die kleinen Kiefer greifen, um Sand oder Steine aus den großen Zahnlücken zu fischen.

Übertrieben? Mag sein, dass solche Beobachtungen Einzelfälle sind – allerdings schon im größeren Bekanntenkreis nicht schwer zu finden. Vielleicht sind auch die neuen technischen Mittel zur Überwachung des nach größtmöglicher Bewegungsfreiheit strebenden Nachwuchses nur in der Hi-Tech-Gerätekammer weniger Haushalte zu finden. Wessen Baby schläft schon im RFID-bestückten Pyjama?

Anders sieht es mit Handys aus. Ist das Kind erstmal in der dritten oder vierten Klasse Grundschule, gehören diejenigen, die keines haben, anscheinend schon zur Minderheit. Argumente dafür gibt es ebenso gute wie dagegen. Dafür spricht vor allem, dass das Kind die Eltern jederzeit erreichen kann, wenn es will. Dagegen spricht, dass Eltern ihre Kinder jederzeit erreichen können, wenn sie wollen.

In den USA, dem Land, das nach wie vor Trends im technisch-kulturellen Feld setzt, wird nach einer Meldung der LA-Times der Einsatz von Handys mit Satelliten unterstützter Lokalisierungsfunktion immer preiswerter und beliebter. Kein Problem mehr, so erleichterte Eltern, wenn der Zehnjährige nicht zum verabredeten Zeitpunkt am verabredeten Ort ist, das kleine Taschenwunder Handy, das Handheld, der Laptop oder der Computer zuhause zeigen auf Anfrage den genauen Standort, bzw. geben ein lautes Alarmsignal, wenn das Kind bestimmte „No-Go-Areas“ betritt , die vorher programmiert ( „Geo-Fencing“) wurden.

Das ist manchem zuviel an Protektion, auch Kinder hätten Freiheitsrechte, so die Argumentation ihrer „Anwälte“, die darauf verweisen, dass auch Minderjährigen Rechte zustünden, die in der Verfassung verankert sind.

Allem Anschein nach sieht die jüngste Generation das etwas unverkrampfter, sind sie es doch oft selbst, die die Tools einsatzbereit machen und die von Eltern abonnierte Software installieren. Zum anderen verfügen auch sie über die Schläue im Umgang mit Vorschriften, Begrenzungen und Überwachnungsmethoden, die Kinder zu allen Zeiten auszeichnet. Man brauche das Handy nur dem Hund des Freundes, in dessen Elternhaus man sich offiziell aufhält, um den Hals zu binden, sagte ein streetwiser Teenager dem Reporter der LA-Times. (Thomas Pany)

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