"Bigger, better, smarter"?

Dubai Creek Harbour. Bild: Emaar Properties.

Das Golfemirat Dubai übt sich in architektonischen Höhenflügen, aber die Expo 2020 wirft auch Schattenseiten voraus

Längst haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zu einem ökonomischen Schwergewicht entwickelt. Die Lage ist strategisch günstig zwischen Europa, Asien und Afrika, eine exzellent ausgebaute Infrastruktur lockt Investoren aus aller Welt. Dubai, dessen Wirtschaft vor allem dank der beiden Zugpferde Dienstleistungssektor und Bauwirtschaft boomt, gilt als besonders investitionsfreudig; etliche der ehrgeizigen, zum Teil schwindelerregenden Vorhaben sollen noch bis zur Expo 2020 fertig werden.

Ausrichter der kommenden Expo wird ein arabisches Land - eine Premiere. Der Stadtstaat Dubai mit seinen rund 2,5 Millionen Einwohnern (VAE insgesamt: 9,5 Millionen) setzt damit erneut Standards. Zu den Favoriten der laufenden Stadtentwicklung zählen Projekte wie Dubai Creek Harbour (Slogan: "Everything You Want"), Jumeirah Central oder Dubai South. Der im Bau befindliche neue Creek Tower mit seiner spektakulären Architektur wird bereits mit Vorschusslorbeeren überschüttet und gepriesen als "the new icon of the 21st century".

"Der Turm", so soll er schlicht heißen. Ein ikonisches Monument, das als Herzstück der aktuellen Entwicklung gesehen wird. Man will Vorreiter sein (und bleiben), technisch und architektonisch globale Maßstäbe setzen.

Der Dubai Creek Tower ist dabei als ein Turm definiert, der nicht bewohnbar oder für Büroarbeiten geeignet sein wird. Sein Erfinder, der schweizerisch-spanische Architekt Santiago Calatrava Valls (66), sieht in der Konstruktion "a new benchmark for engineering around the world". Die Nutzung wird da zur Nebensache, es geht um einen Fingerzeig, um die "Möglichkeiten von morgen".

Nach seiner Fertigstellung soll "Der Turm" das höchste Gebäude der Welt sein und Burj Khalifa um 100 Meter übertreffen, den mit 2.716 Fuß (rund 828 Meter) bisherigen Rekordhalter. Hinter beiden Bauwerken steht die Projektgesellschaft Emaar Properties. Schon die Fundamente des Neuen sind Weltrekord: Um eine sichere Basis für den Creek Tower zu schaffen, mussten knapp 72 Meter tiefe Gründungspfähle gesetzt werden, Unmengen von Beton kamen dabei zum Einsatz. Aus Schwer wird Leicht: Das extravagante Design des neuen Turms lehnt sich an die Gestalt einer Lilie an. Ein schlanker Stamm dient als Rückgrat der Struktur.

Laut Aussagen von Calatrava ließ er sich bei seinen Plänen von orientalischer und islamischer Architektur inspirieren, beispielsweise von Minaretten oder den Hängenden Gärten der Semiramis. Beim Sonnenschutz, dem Kühlungssystem und dem Recycling von Wasser sollen modernste ökologische, energie- und bautechnische Konzepte zur Anwendung kommen. So wird es eine Art "selbstreinigender" Fassade geben.

Die Spitze des Turms bildet eine ovale Knospe mit zehn Aussichtsplattformen, drei davon werden der Allgemeinheit zugänglich sein. Zwei VIP-Gartendecks dienen dazu, die Pracht der Hängenden Gärten von Babylon nachzuempfinden - eines der sieben Weltwunder der Antike. Rotierende Balkone außerhalb der Fassade sollen nie gekannte Ausblicke aus atemberaubender Höhe bieten.

Ganz ohne profane Nutzung bleibt das Wunderwerk freilich nicht: Auf einem der Decks wird es ein Café geben, andere Räumlichkeiten im Gebäude sollen für Veranstaltungen zugänglich sein. In der ebenerdigen Central Plaza des Turms ist Einzelhandel vorgesehen - selbstredend erstklassig -, dazu ein Museum und ein Auditorium. Bei Nacht wird die gigantische Lilie die Stadt in sanftes Licht tauchen. Der 360-Grad-Blick von oben fällt unter anderem auf das nahegelegene Ras Al Khor Wildlife Sanctuary, eines der wenigen Naturschutzgebiete der Stadt.

Dubai Creek Harbour als Gesamtprojekt wird rund sechs Quadratkilometer in der Ausdehnung messen und damit eine Miniaturstadt für sich sein - doppelt so groß wie Downtown Dubai. Die Planung umfasst neun verschiedene Bezirke wie The Island District, Creekside 18, Harbour Views, The Canal District und The Sanctuary District. Ein Yachtclub der Weltklasse gehört dazu, eigener Hafen, 22 Hotels, 6,8 Millionen Quadratmeter Wohnfläche und fast das Doppelte im Einzelhandel. Ein ausgeklügeltes Netz von Ufergebieten, Öko-Resorts und Landschaftsgärten wird das gesamte Areal umrahmen und über die Creek Bridge mit der Stadt verbinden.

Ein weiteres Projekt, der Bau von Jumeirah Central, wurde von Scheich Mohammed bin Rashid, Herrscher von Dubai und Vizepräsident der VAE, höchstpersönlich ins Leben gerufen, der damit "neue internationale Standards in der Stadtplanung" aufruft.

Die erste Phase von Jumeirah Central, direkt gegenüber der Mall of the Emirates auf der Sheikh Zayed Road, umfasst auf einer Teilfläche von knapp 1,5 Millionen Quadratmetern 67 Projekte zu gemischter Nutzung. Der Mix ist Teil des Konzepts: 2.500 Wohneinheiten, 16 Hotels, dreizehn Bürogebäude, ein Einkaufszentrum, dazu Gemeinschaftseinrichtungen wie Parks, ein Krankenhaus und eine Schule im ersten Ausbaustadium.

Im Endausbau wird Jumeirah Central 4,4 Millionen Quadratmeter Bruttogrundfläche umfassen und damit - so die hehren Absichten - wohl die funktionalste und zugleich wertvollste Immobilie Dubais stellen, ein fortschrittliches Netzwerk aus insgesamt 75 Häuserblocks. Nach offiziellen Angaben will das Scheichtum "die Möglichkeiten der Urbanisierung (…) maximieren", dabei sollen vermehrt öffentliche Investitionen zum Tragen kommen. Damit unterstreicht Dubais Führung ihre Rolle und ihren Anspruch bei der Gestaltung zukunftsträchtiger Stadtlandschaften.

Die Folgen der Immobilienkrise 2009 bekam allerdings auch das erfolgsverwöhnte Golfemirat zu spüren; auf rund 126 Prozent des BIP summierten sich Dubais Schulden Ende 2015. Die hoch gelobte Prosperität - am Ende doch nur eine Fata Morgana?

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