Bilderberger Ausflüge, Verschwörungstheorien und Nebenwirkungen

Eine kommentierte Betrachtung eines "geheimen" Facebook-Meetings der Upper-Class

Im Astir Palace Hotel (griechisch Asteras = Stern) im Athener Vorort Vouliagmeni trafen am 14-17.Mai die Mitglieder und Gäste der Bilderberger Gruppe zusammen. Ein Treffen über das eigentlich alles geheim bleiben sollte. Selbst Tagungsort und Datum sollten unbekannt bleiben. Wie kann jemand, insbesondere ein aktiver Politiker erwarten, dass einige Hundertschaften Polizeibeamte, Terrorexperten und Absperrungen in einer zwar abgelegenen, aber touristischen Region nahe einer Millionenstadt unentdeckt bleiben?

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Das Luxushotel liegt, strategisch günstig, auf einer engen Landzunge. Bereits im April 1993 hatten die „auserwählten Thinktanks“ die Vorzüge der Luxusherberge genossen. Der Zugang kann leicht kontrolliert und gesperrt werden. Bereits Tage vor dem Meeting streiften in- und ausländische Sicherheitsbeamte durch die nähere Umgebung. Taucher und Boote untersuchten die Seeseite.

Teilweise wirkte die „Geheimhaltung“ der Aktionen komisch. Wie unauffällig ist eine Gruppe von Männern, die im mittlerweile warmen Athen (23-29°C) mit einer kugelsicheren Weste unter einer Anzugjacke am Strand entlang spazieren?

Offensichtlich fehlten die Beamten an anderer Stelle. Mitten in Athen wurde von einer Terroristengruppe ein ganzes Bankgebäude gesprengt. Auch hier wirkte die Polizei unfreiwillig komisch. Denn den Wachbeamten waren die Terroristen und ihr Tun zwar aufgefallen, sie griffen mangels Erfahrung und Ausbildung aber nicht ein.

Die Elite der Sicherheitskräfte sollte die Elite der Bilderberger schützen. Günstiger Nebeneffekt: Die gesprengte Bank war Tagesthema in den Medien, die Polizisten wurden als „Trottel der Nation“ verhöhnt und die Bilderberger wurden weniger beachtet. Böse Zungen behaupten, die Beamten hätten die Terroristen für „Bilderberger auf Erlebnisausflug“ gehalten.

Wieso trafen sich die Bilderberger gerade in Athen? Dort, wo im heißen Dezember (Video) die Demonstranten vor nichts zurück steckten. Und dort, wo die Teilnehmer sich nicht an die Omerta halten.

Anna Diamantopoulou, hochrangige Funktionärin der griechischen Oppositionspartei PASOK, plauderte (Video) bei einer Fernsehdebatte vor den Parlamentswahlen 2007 freimütig über ihre Teilnahme am elitären Kreis. Die Politikerin beschrieb den Diskussionszirkel als Thinktank, der sich paritätisch aus Politikern, Industriellen und Geistesgrößen zusammensetze. Wichtige Probleme wie der Umweltschutz und sogar Youtube seien Tagesordnungspunkte. Bei den beteiligten Politgrößen würden die Veranstalter Wert auf eine Meinungsvielfalt legen. Daher würden sie sowohl Sozialdemokraten als auch Konservative einladen. Ihr Kontrahent in der Fernsehdebatte, Dimitris Avramopoulos, derzeit Gesundheitsminister der konservativen Regierung Karamanlis, pflichtete ihr – ein in Griechenland ungewöhnlicher Vorgang - bei und versicherte, auch er würde gerne teilnehmen. Anna Diamantopoulou war 2009 wieder präsent. Der sicherlich enttäuschte Avramopoulos hat als Gesundheitsminister genug mit Konferenzen zum A/H1N1-Virus und mittlerweile mit den ersten Infektionen in seinem Zuständigkeitsgebiet zu tun.

Für die Bilderberger ist die Youtube-Hype anscheinend vorbei. Unter den werten Gästen der Elite weilte dieses Jahr einer der Facebook-Gründer (auszugsweise Übersetzung). Inwieweit die angereiste niederländische Königin Beatrix mit ihrer spanischen Amtskollegin Sophia Emailadressen und Facebook – Freundschaftslisten ausgetauscht haben, wurde leider nicht bekannt.

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Da alle Teilnehmer ihre Anreise, den Aufenthalt und ihr Essen angeblich selber zahlen, kann es durchaus sein, dass künftige Bilderbergerveranstaltungen virtuell werden . Die Staatskasse der Herbergsländer und den Reiseetat ausländischer Sicherheitskräfte würde ein solcher Schritt auch entlasten.

Fern von zahlreichen Verschwörungstheorien, welche „die sektenähnliche Struktur der Bilderberger als Beweis für eine geheime Weltregierung“ sehen [Keine Angst vor den globalen Eliten), wirkte die Geheimhaltung in Athen eher gespielt. Teilnehmerlisten kursierten bereits im Vorfeld und während der Veranstaltung. Dadurch wurde die Recherche für Interessierte einfacher. Paparazzifotos allerdings waren wegen der Lage des Hotels und der weiträumigen Absperrung nicht möglich. Den Wachbeamten wurde ein striktes Handyverbot auferlegt, so dass diese keine Schnappschüsse machen konnten. Die „geheim“ Beratenden blieben, wie ein Athener Paparazzi klagte „dem wunderschönen Pool fern und mieden jeden Ausflug zum Strand oder zu antiken Stätten “. Dabei war die Akropolis dieses Mal nicht geschlossen.

Außer dem immer noch auf eine Einladung wartenden Dimitris Avramopoulos konnte auch sein Chef, Premier Karamanlis, nicht kommen. Er sandte von einer Wahlkampftour aus eine Grußbotschaft.

Die Kommunistische Partei, die ebenfalls nicht mit einer Einladung rechnen kann, demonstrierte ohne größere Zwischenfälle. Bei dem Protestmarsch der orthodoxen Sammlungsbewegung LAOS ging es ruppiger zu. Schließlich kommentierte der für kontroverse Meinungen bekannte, streng gläubige Metropolit von Piräus, Serafim, „die Mitglieder des Clubs sind eine verbrecherische, geheime Bande des weltweit operierenden Zionismus. Sie versuchen, eine Weltdiktatur unter Führung des Teufels einzurichten.“ Eine Äußerung, die von „Weltverschwörungsanalysten“ sicherlich gern gehört und zitiert wird. Allerdings sollten diese dann auch die Reaktion des Metropoliten auf den Film "Antichrist" von Lars von Trier warten.

Kurz, das diesjährige Bilderberger Treffen war eher eine Karikatur einer Verschwörung als ein wirklich geheimes Treffen. Die Politiker, die angeblich oder tatsächlich dabei waren, wie der österreichische Bundeskanzler Fayman haben nun mitten im Europawahlkampf innenpolitische Probleme mit parlamentarischen Anfragen. Sollte es eine Weltverschwörung geben, so müsste diese nach besseren Möglichkeiten zu einem geheimen Treffen suchen. Verschwörungstheoretiker werden aus dem Athener Treffen gleichwohl ableiten, dass falls die Bilderberger tatsächlich über das Weltgeschick entscheiden, die derzeitige Finanzkrise eine einfache Erklärung hat. Aber wenn eine geheime Weltregierung sich schon nicht mehr geheim halten kann ... (Wassilis Aswestopoulos)

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