Bildergeschichte der Frau von Deso Dogg

Eine arabische Journalistin ist an ein Handy mit vielen Fotos einer deutschen IS-Rückkehrerin gelangt. Ihr Bericht wirft Fragen zum Stand der Ermittlungen auf und zum Umgang der Sicherheitsbehörden mit ehemaligen IS-Mitgliedern

In Zeiten von Fake News ist Vorsicht gegenüber spektakulären Enthüllungen angeraten. Das gilt auch für das Video der arabischen Journalistin Jenan Moussa. Denn im Mittelpunkt ihrer Recherchen steht ein gefundenes Handy mit vielen Bildern. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die beim IS in Syrien war, unter anderem in Rakka, dort Kinder aufzog, mit zwei bekannten deutschen Dschihadisten zusammenlebte, und nun offenbar unerkannt eine Existenz in Hamburg als Beraterin für Schönheit und Gesundheit führt.

Das wirft die Frage danach auf, ob auch die deutschen Sicherheitsdienste über die Frau Bescheid wissen und ob sie überprüft wurde. Auf der Twitterseite von Jenan Moussa meldete sich die Hamburger Polizei mit der Mitteilung, dass ihr der "Sachverhalt bereits bekannt" ist. (Einfügung: Auch die bayerische Polizei meldet sich auf dem Twitterkonto von Moussa. Sie gibt Bescheid, dass "der Fall bekannt ist und bearbeitet wird".)

(Update: Mittlerweile wird "der Fall", den die libanesische Journalistin der Öffentlichkeit bekannt macht, auf ihrem Twitterprofil ausführlicher dargestellt. Anfangs beschränkten sich die Angaben auf ein Video und zwei kurze Tweets).

Nach all dem, was aus dem Bericht von Jenan Moussa hervorgeht, war die Frau, die deutsche Staatsbürgerin ist, mit zwei deutschen IS-Dschihadisten, Nader Hadra und Deso Dogg, verheiratet und stand dadurch in enger Verbindung mit Männern, die an Verbrechen des IS teilnahmen. Das trifft auch auf den österreichischen Mohamed Mahmoud zu, mit dem sie laut Fotos ebenfalls in vertrautem Verhältnis stand.

Jenan Moussa arbeitet als Journalistin beim arabischen Fernsehsender Akhbar Al-Alan. Mit einer Undercover-Recherche, bei der sie die Federführung hatte, - über die dominierende Präsenz des al-Qaida-Ablegers al-Nusra-Front in Idlib -, wurde sie vor zwei Jahren auch in Deutschland bekannt. An dieser Stelle wurde im Juni 2017 über ihre Recherchen zu den Frauen in Raqqa berichtet: IS-Frauen aus Raqqa: Enttäuschte Dschihad-Groupies.

Anhand ihrer Arbeiten ist die libanesische Journalistin, die in Expertenkreisen oft verlinkt wird, als seriös einzustufen. Ihre jüngsten Recherchen, die sie nach Hamburg führten, stellt sie, wie zuvor schon andere Berichte, auf Twitter mit kurzen Zusammenfassungen in englischer Sprache vor. Mittlerweile gibt es auch ein etwa 20-minütiges Video, das mit englischen Untertiteln unterlegt ist und zeigt, wie Jenan Moussa versucht, mit der Frau in Hamburg in Kontakt zu treten, dazu Ausschnitte aus der dokumentierten Bildergeschichte der Frau.

Im Zentrum der Recherche Moussas steht das Bildmaterial auf einem Mobiltelefon, das gefunden wurde, und das der Frau, die nun in Hamburg lebt, zugeordnet wird. Die Bilder auf dem Handy erzählen vom Leben der Frau im IS in Syrien, wo sie 2015 hingereist ist. Unterlegt ist das auch mit Dokumenten, wie zum Beispiel einem Behördenschreiben, das feststellt, dass die Sozialleistungen eingestellt werden, weil die Frau nach Syrien ausreist.

Man erfährt von ihrer Hochzeit mit Nadir (oder Nader) Hadra, der vom Aktivisten bei den Salafisten von "Lies!" zum IS-Kämpfer wird, und von ihrer folgenden Ehe mit Deso Dogg, dem wohl bekanntesten deutschen IS-Dschihadisten. Beide wurden in Kämpfen getötet.

Interessant sind Bilder, die Einblicke in die Entwicklung der Kinder, einer Tochter und einem Sohn, geben. Sie lassen anhand der absurd-rigiden Verschleierung bereits in sehr jungen Jahren und der Kampfmontur samt Waffe, die der Sohn im Kleinkindalter trägt, erahnen, wieweit die Indoktrinierung der Kinder in einer prägenden Entwicklungsstufe geht. Auf die Länder, die Kinder von IS-Anhängerinnen und Anhängern aufnehmen, kommt eine sehr komplizierte Aufgabe zu. Das bestätigen auch diese Bilder.

Wie diese Aufgabe, die Rückführung in ein ziviles Leben, mit den Kindern der Frau gelöst wurde, ist nicht bekannt. Aus dem Bildmaterial von Jenan Moussa geht nicht hervor, ob Behörden in die Rückintegration eingebunden sind. Ihre Mutter führt eine nach außen unauffällige Existenz, "als ob nichts geschehen wäre".

Mit den Recherchen hat die Journalistin vor Monaten begonnen. Ihre Twitternachrichten sprechen davon, dass sie zu Deutschen im IS Nachforschungen anstellt. Die Hamburgerin hatte ihr Mobiltelefon in Syrien verloren; es wurde der Journalistin, die anscheinend über gute Kontakte verfügt, zugespielt.

Über 1.000 Bilder sollen darauf zu sehen sein. Unter anderem ist die Deutsche auch mit einer umgehängten Waffe in Syrien abgebildet. Auch das stellt Fragen: Wussten das die Ermittler? Geht es nach den Funden, die die Journalistin auf dem Handy gemacht hat, so sind auch einige Fragen offen, die Kontakte mit anderen IS-Mitgliedern betreffen. (Thomas Pany)

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