Bilderverbot

US-Regierung weigert sich weiterhin, Bilder von der Tötungsaktion Bin Ladens nach dem Informationsfreiheitsgesetz herauszugeben

Lange konnte US-Präsident Obama von der Killaktion der Navy Seals nicht zehren, die heimlich mit Hubschraubern in Pakistan eindrangen, Bin Laden in seinem Haus in Abbottabad eliminierten und seine Leiche ebenso heimlich im Meer versenkten (Der Verfall der Aufmerksamkeit).

So sollte Rache geübt werden, ohne sich auf juristisches Klein-Klein einlassen zu müssen, während man gleichzeitig demonstrierte, dass der Macht der USA letztlich niemand entgeht, auch wenn diese kaum wie ein demokratischer Rechtsstaat handeln, sondern wie autoritäre Regime das Recht in die eigene Hand nehmen und offener als in den wilden Zeiten des Kalten Kriegs Gegner meucheln (Im Nebel des Antiterrorkampfes). Das corpus delicti heimlich und unwiederbringlich im Meer zu entsorgen, war vermutlich schon dem Versuch zu verdanken, einen Schlussstrich zu ziehen und keine Märtyrerleiche zu hinterlassen, die zu neuen Gewalttaten gegen die USA Anlass geben könnte - wenn es denn überhaupt eine Leiche gegeben hat.

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Im Weißen Haus verfolgte man die Aktion und zeigte dies mit dem Foto auch der ausgeschlossenen Öffentlichkeit. Bild: Bild: Weißes Haus/Pete Souza

Möglicherweise ist die Rechnung aufgegangen, das relativ große Schweigen nach der Tötung und vor allem das Ausbleiben von Anschlägen demonstriert jedoch eher, dass Bin Laden schon tot war, bevor er getötet wurde. Die kurz vor dem zehnjährigen Jahrestag der 9/11-Anschläge erfolgte Tötung des alten Mannes, der ziemlich einsam in Pakistan lebte und kaum mehr aktiv die weitgehend verschwundenen Fäden des al-Qaida-Netzwerkes zog, scheint eher symbolischen Charakter gehabt zu haben, es war ein inszenierter Medien-Hype, der ebenso schnell erlosch wie er Aufmerksamkeit erregte (Al-Qaida unterstützt das Weiße Haus). In Afghanistan hatte sein Tod keine Konsequenzen, die Situation ist für die Isaf-Staaten so beschissen wie zuvor. Schließlich waren die Taliban nie al-Qaida. Und der arabische Frühling entstand nicht wegen des Kriegs gegen den Terror, sondern trotz oder unabhängig von ihm, weil dadurch einige vom Westen gegen die Gefahr des Islamismus gestützten Potentaten gestürzt wurden. Mit denen, die überlebt haben, allen voran den Saudis, werden munter weiter Geschäfte gemacht.

Heimlich soll auch weiter alles in der Bin-Laden-Aktion bleiben. Klagen nach dem Informationsfreiheitsgesetz von Politico, AP oder Judicial Watch nach Freigabe von Bildern der Aktion oder des "Begräbnisses" der Leiche will die US-Regierung nicht nachgeben (siehe ausführlich: CIA, Pentagon fight to keep Osama bin Laden death photos secret). Judicial Watch wirft der US-Regierung vor, sie breche ihr Versprechen auf Transparenz, wenn sie die Fotos und Videos nicht veröffentlicht.

Die Regierung beruft sich auf nationale Sicherheit. Angeblich wolle man verhindern, dass durch Bilder, auf denen der getötete Bin Laden oder die Tötungsaktion zu sehen ist, die beteiligten US-Soldaten oder überhaupt US-Soldaten in Afghanistan und anderswo gefährdet sein. Es könnten, so heißt es aus dem Pentagon, auch die afghanische Regierung geschwächt und die Rekrutierung von Terroristen gefördert werden. Offenbar werden Bilder als gefährlicher als die abgebildeten Aktionen betrachtet. Zudem dürften Bilder der Seebestattung, die es gegeben haben soll, wohl kaum eine große Wirkung haben, was vielleicht der durch einen Kopfschuss entstellte Leichnam entfalten könnte.

Verständlich ist das nicht aus den angegebenen Gründen, denn jetzt dürfte die Ermordung Bin Ladens und seine Leiche, sollte er in der Aktion auch wirklich getötet worden sein, kaum mehr eine Reaktion hervorrufen. Die Zeit ist vorbei, auch Nachfolger als-Suwahiri scheint bedeutungslos geworden zu sein, weil die Ummah kein Ziel mehr ist, sondern die Befreiung und Demokratisierung der einzelnen Länder. Warum also weigern sich das Weiße Haus, das Pentagon und die CIA Bilder herauszugeben? Möglicherweise herrscht die Angst vor, wegen der Tötungsaktion belangt werden zu können. Die Regierungen weltweit haben zugeschaut und gleichzeitig die moralischen und rechtsstaatlichen Augen auf Rücksicht der Realpolitik und eigener Spielräume geschlossen, aber es handelte sich wohl um eine gezielte Tötung, also um einen Mordanschlag, selbst wenn gesagt wurde, Bin Laden hätte sich mit einer Waffe verteidigen wollen.

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