Bildungspolitik mit dem Rotstift

Die Bundesländer stellen weit weniger Lehrer ein, als die Kultusministerkonferenz erwartet hat. Zwischen 2003 und 2006 wurden über 16.000 potenzielle Stellen nicht besetzt

Vor drei Jahren hielt die Kultusministerkonferenz für die künftigen Lehrerinnen und Lehrer rosige Berufsaussichten parat. In der viel diskutierten Studie Lehrereinstellungsbedarf und -angebot in der Bundesrepublik Deutschland 2002 -2015 bezifferte das Gremium den schulformübergreifenden Einstellungsbedarf an voll ausgebildeten Lehrkräften allein zwischen 2003 und 2006 auf 26.000 bis 30.000 pro Jahr.

Schon im Sommer 2004 hatte sich diese Prognose erledigt, und die Kultusministerkonferenz musste selbst feststellen, dass im Vorjahr statt der erwarteten 30.000 nur 26.572 Lehrerinnen und Lehrer eingestellt worden waren. Für 2004 fiel das Verhältnis noch ungünstiger aus. Diesmal standen den vermuteten 31.000 Stellen 23.597 reale Arbeitsplätze gegenüber.

Die Ergebnisse für 2005 und 2006 sollen im kommenden Jahr veröffentlicht werden, doch die Arbeitsgemeinschaft Bildungsforschung/Bildungsplanung an der Universität Essen/Duisburg hat den Kultusministern die Arbeit im Grunde schon abgenommen und eigene Berechnungen angestellt. Die von Klaus Klemm verantwortete Untersuchung Teilarbeitsmarkt Schule - Arbeitsmarktbericht für das Jahr 2006 zieht eine Bilanz der ersten vier Jahre seit der Ausgangsprognose und kommt zu dem Schluss, dass insgesamt 16.200 Lehrer weniger eingestellt wurden als man 2003 erwartet hatte. Zwar liegen die Einstellungen zum Teil sehr deutlich über den Zahlen früherer Jahre, die ungünstigen Schüler/Lehrer-Relationen konnten jedoch nur punktuell verbessert werden.

Insgesamt zeigt diese knappe Übersicht, dass die Einstellungspolitik der vergangenen Jahre allenfalls geeignet war, den unbefriedigenden Versorgungsstand der Schulen nicht weiter zu verschlechtern!

Arbeitsmarktbericht für das Jahr 2006

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wertete die aktuellen Zahlen als nochmaliges Alarmsignal und verlangte bei der Vorstellung des Berichts ein schnelles Ende des Sparkurses in der Bildungspolitik und ein entschlossenes, gemeinsames Vorgehen an Stelle der föderalen Problemzerteilung. Der GEW-Vorsitzende Ulrich Thöne wies am Donnerstag darauf hin, dass die chronische Unterfinanzierung des deutschen Bildungssystems in zahlreichen internationalen Vergleichsstudien ihre Spuren hinterlassen hat, aber auch vor Ort jederzeit und im Detail beobachtet werden kann.

Pädagogen, Eltern und Schüler spüren die Folgen immer stärker: weniger Unterricht, mehr Stundenausfall und größere Klassen. Die Landesregierungen sparen auf dem Rücken der Lehrkräfte. Sie verordnen längere Arbeitszeiten und setzen auf Arbeitsverdichtung. Pädagogen, Schüler und Bildungsqualität bleiben auf der Strecke.

Ulrich Thöne

Zwar haben auch Arbeitszeiterhöhungen und veränderte Pensionsregelungen zu einer Absenkung der erwarteten Zahlenwerte geführt und einzelne Länder wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg für einen befristeten Zeitraum überdurchschnittlich viele Lehrer eingestellt. In der Summe investieren die Länder aber viel zu wenig, um Kindern und Jugendlichen durch mehr und besser ausgebildete Lehrer umfassende Betreuungsangebote zu bieten, individuelle Stärken zu fördern, Kompetenzen herauszuarbeiten - und fatale Entwicklungen abzubremsen oder zu verhindern, deren Endergebnis schließlich den Weg in die Hauptnachrichten findet.

Von dieser Situation sind allerdings nicht nur die Schüler betroffen.

Während in Mathe und Physik an beruflichen und Hauptschulen sowie vielen Regionen bereits heute Lehrermangel herrscht, haben über 26.000 junge Kolleginnen und Kollegen keine Stelle erhalten. Hochqualifizierte Pädagogen, die an den Schulen dringend gebraucht werden.

Ulrich Thöne

Im Osten der Republik wird diese Entwicklung besonders deutlich. Hier fanden 2006 nur gut 1.100 Lehrerinnen und Lehrer eine Anstellung. Die Voraussagen der Kultusministerkonferenz wurden damit zwar praktisch erfüllt, in absehbarer Zeit droht den Kollegien allerdings eine dramatische Überalterung, der durch die gezielte Anwerbung junger, motivierter Pädagogen entgegengewirkt werden müsste. Das gilt auch für die westdeutschen Länder und im Prinzip ist allen Verantwortlichen klar, womit junge Menschen für diesen Beruf begeistert werden könnten. Die GEW fordert denn auch ein Rundum-Wohlfühl-Paket für ihre potenzielle Klientel: „Sichere Arbeitsplätze, gute Arbeitsbedingungen und Einkommen sowie ein positives Image“ sollen den Pädagogen der Zukunft ihre mitunter wenig beneidenswerten Aufgaben schmackhaft machen, doch die meisten Länder können sich derzeit offenbar bestenfalls für Schnäppchenpreise erwärmen.

Anlässlich des Weltlehrertages 2006 wies der Bundesvorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, bereits Anfang Oktober darauf hin, dass schon jetzt eine „Mangelsituation“ herrsche, in der rund 15.000 ausgebildete Lehrer fehlen, deren Stellen gar nicht oder durch „nicht ausreichend qualifiziertes“ Lehrpersonal besetzt worden sind. In Bayern stehen nach Meidingers Einschätzung – „außer in den Fächern Kunst und Musik“ – kaum noch Gymnasiallehrer zur Verfügung.

Tatsache ist, dass infolge des Lehrermangels aktuell kein einziges Bundesland mehr über eine auch nur annähernd ausreichende Krankheitsreserve an ausgebildeten Lehrkräften verfügt. Aus diesem Grund ist die Zahl der nicht lehrplangemäß gehaltenen Stunden deutlich angestiegen. Bloße Beaufsichtigung ist kein Unterricht.

Heinz-Peter Meidinger

Um die Defizite kurzfristig zu beheben, verlangte Meidinger die Nachqualifizierung von Seiteneinsteigern, dann aber auch „bessere Arbeitsbedingungen und mehr gesellschaftliche Rückendeckung“. Bei den Kultusministern dürften alle Forderungen, die mit mehr Geldausgaben und langfristigen Investitionen verbunden sind, auf taube Ohren stoßen.

Der neue Berliner Bildungs- und Wissenschaftssenator, Jürgen Zöllner (SPD), der in ähnlicher Funktion lange Jahre die rheinland-pfälzische Bildungspolitik prägte, erklärte in einem aktuellen Interview: „Einfach nur mehr Lehrer sind kein Patentrezept. Zusätzliche Ressourcen sind nicht immer zielführend. Das gilt für alle Lebensbereiche, nicht nur für die Bildung.“

Dem RBB erklärte Zöllner, dass der Bereich Schule ohnehin „sehr schwierig zu beurteilen und zu durchschauen“ sei, was insofern verwundert, als der Medizinprofessor bei einer Online-Umfrage des Deutschen Hochschulverbandes gleich zweimal die besten Noten aller Bildungs- und Wissenschaftsminister bekam und wenigstens er in der Lage sein sollte, die komplexe Materie noch einigermaßen zu überblicken. Den meisten Kolleginnen und Kollegen Zöllners attestierten die befragten Professoren Inkompetenz und Beratungsresistenz, aber die deutschen Hochschullehrer sind vom Maß der Dinge bekanntlich ihrerseits weit entfernt ...

Die Situation ist also tatsächlich nicht übermäßig transparent. Vielleicht hilft da eine Initiative der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE). Diese hat in Nordrhein-Westfalen gerade eine Umfrage zur Lehrerarbeitszeit gestartet. Das gängige Lehrerarbeitszeitmodell stamme noch aus dem 19. Jahrhundert und orientiere sich einseitig an der je nach Schulform unterschiedlich hohen Pflichtzahl der Unterrichtsstunden. Durch Selbsteinschätzung und Expertenbeurteilung soll nun ermittelt werden, wie viel Zeit Pädagogen für ihre gesamte Tätigkeit innerhalb und außerhalb der Schule benötigen - respektive wie viel sie benötigen dürften. Der Gewerkschaftsvorsitzende Udo Beckmann erläuterte dazu am Mittwoch dieser Woche:

Wer sich ausschließlich an der Pflichtstundenzahl orientiert, kann Lehrerinnen und Lehrern bedenkenlos neue Aufgaben übertragen, ohne sich die Frage nach der Arbeitszeit stellen zu müssen. Dem möchten wir Fakten entgegensetzen. Wir brauchen ein modernes und zukunftsfähiges Arbeitszeitmodell, das sich an der Jahresarbeitszeit und nicht an der Pflichtstundenzahl orientiert.

Udo Beckmann

Ob sich die Verantwortungsträger durch solche Hilfestellungen zu freigiebigeren Maßnahmen bewegen lassen, bezweifelt die Gewerkschaft allerdings schon vor Beginn der Aktion.

In NRW wurde die Lehrerarbeitszeit zuletzt im Jahr 1999 durch die Unternehmensberatung Mummert und Partner untersucht. Politische Konsequenzen wurden aus deren Ergebnissen aber nicht gezogen.

Presseerklärung VBE

Wer Zöllners demonstrative Irritation, die handlungsarmen Konzepte vieler seiner Amtskollegen und das beharrliche Schweigen der Kultusministerkonferenz richtig deutet, ahnt bereits: Der Umfrage von 2006 und der aktuellen Untersuchung der Universität Essen/Duisburg könnte das gleiche Schicksal drohen.

Dabei würde die verstärkte Einstellung von Lehrerinnen und Lehrern ohnehin nur einen Teil des Problems lösen. Die mangelnde fachliche und didaktische Qualifikation vieler Pädagogen und die unzureichenden Weiterbildungsangebote bieten sich gleich anschließend als zentrale Aufgaben der deutschen Bildungspolitik an. (Thorsten Stegemann)

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