Billiges russisches Öl: Warum die Sanktionspolitik ins Leere läuft

Wegen der westlichen Sanktionen bietet Russland sein Öl vergünstigt an. China, Indien und andere greifen gerne zu. Unmoralisch?

Man kann chinesischen Unternehmen und der politischen Führung manches vorwerfen, aber eines sicherlich nicht: einen Mangel an Pragmatismus. Wie die in Hongkong erscheinende South China Morning Post berichtet, haben chinesische Importeure im Mai russisches Öl in rekordverdächtigem Umfang gekauft.

8,42 Millionen Tonnen (etwa 58 Millionen bis 64 Millionen Barrel) Rohöl hat das Land der Mitte demnach im Mai aus Russland eingeführt, 29 Prozent mehr als im April und 55 Prozent mehr als im Mai 2021. Umgerechnet 5,8 Milliarden US-Dollar haben die chinesischen Abnehmer dafür ausgegeben, wobei sie vermutlich nicht die US-Währung benutzt haben werden.

Das war weniger, als China zur gleichen Zeit für Importe aus Saudi-Arabien ausgegeben hat, obwohl die Importe aus dem Wüstenstaat, der im Jemen einen brutalen Krieg mit schrecklichen Folgen für die Zivilbevölkerung führt, geringer gewesen waren. Saudi-Arabien, zuletzt wieder vom Westen sehr umworben, weil man sich von russischem Öl unabhängig machen will, war im vergangenen Jahr Chinas wichtigster Lieferant.

Nicht nur Raffinerien nutzen die Gelegenheit, günstig Rohöl aufzukaufen. Auch der Staat füllt seine strategische Reserve in den Tanklagern. Gegenüber dem Vorjahr seien im Mai 11,8 Prozent oder 45,8 Millionen Tonnen (je nach Sorte etwa 300 Millionen bis 350 Millionen Barrel) mehr gebunkert worden, um für Krisenzeiten vorzusorgen beziehungsweise bei Knappheit den Marktpreis drücken zu können, wie es auch in Westeuropa und Nordamerika üblich ist.

Ganz offensichtlich nutzt China die Gelegenheit aus, in der Russland aufgrund der westlichen Sanktionen gezwungen ist, sein Öl und übrigens auch Steinkohle, die noch vor kurzen in Deutschland verbrannt wurde, günstiger als auf dem Weltmarkt derzeit möglich anzubieten.

Nun wird sich im Westen sicherlich so mancher darüber echauffieren, dass Beijing mit dem Kauf russischen Öls Moskaus Krieg gegen die Ukraine unterstützt. Während man vermutlich sehr bemüht sein wird, darüber hinwegzusehen, dass Indien, mit dem man sich gerne gegen China verbünden würde, das Gleiche macht.

Und natürlich ist die Empörung darüber so verlogen, wie der Vorwurf berechtigt ist. So berechtigt eben, wie man das Gleiche über Gasimporte aus dem in den Krieg im Jemen verstrickten Emirat Katar sagen könnte, das ausländische, rechtlos gehaltene Arbeiter gnadenlos ausbeutet. Oder wie man es über deutsche Wirtschafts- und Militärbeziehungen zur Türkei könnte, die Politiker in Nachbarländern ermordet, Gebäude der Selbstverwaltung der irakischen Jesiden bombardiert und eine Invasion der kurdischen Gebiete in Syrien mithilfe islamistischer Terroristen vorbereitet. (Wolfgang Pomrehn)