Bin Laden gibt sich staatsmännisch

Update: Aufmerksamkeitsökonomisch gut gewählt, meldet sich Bin Laden mit einem neuen Video überraschend zu Wort, wendet sich an die amerikanischen Bürger und macht schon Bush sen. verantwortlich

Pünktlich kurz vor der US-Wahl hat sich auch bin Laden zurück gemeldet. Dem Sender al-Dschasira wurde ein 5-minütiges Videoband zugespielt, aus dem dieser - vorsichtig geworden - gestern eine Minute gesendet hat. Darin rechtfertigt der anscheinend doch noch lebende bin Laden die Terroranschläge auf die USA, kündigt aber nicht direkt neue Angriffe an.

Der Zeitpunkt ist natürlich gut gewählt. Jetzt verspricht eine Veröffentlichung seiner "Ansprache" maximale globale Reichweite. Und ganz offiziell tritt der Fürst des Terrors auch auf. Nicht mehr in einem Zelt oder mit einer Waffe, sondern in der Geste eines Staatsmanns sitzt oder steht bin Laden hinter einem Tisch vor einem neutralen braunen Hintergrund und liest seine Rede von einem Papier ab. Auch seine Kleidung ist traditionell muslimisch, aber ohne alle Verweise auf Kämpferisches.

Nachdem die letzte Drohung im April, nach den Anschlägen in Madrid, als er auf einem Tonband den europäischen Staaten einen Waffenstillstand angeboten hatte, im Sand verlaufen war, scheint bin Laden nun die Gunst der Stunde nutzen zu wollen, um sich zurück zu melden und sich als Stimme des islamistischen Widerstands gegen konkurrierende Gruppen zu behaupten.

Um seine Bedeutung zu unterstreichen, erklärt bin Laden erstmals, direkt für die Anschläge vom 11.9. verantwortlich gewesen zu sein und billigt sie nicht nur. Sie seien ausgeführt worden, weil Israel und die USA ungerecht gegenüber den Palästinensern und den Menschen im Libanon gehandelt hätten und die Geduld am Ende gewesen sei. Durch die Invasion 1982, bei der im Libanon Türme und Gebäude zerstört wurden, sei ihm der Gedanke gekommen, dass den Angreifern dasselbe widerfahren müsse. So erlebe der Angreifer, was den Muslims geschehen sei, und höre damit auf, "unsere Frauen und Kinder zu töten".

In diesem Sinne bringt Bin Laden auch den Irak-Krieg ins Spiel, ohne hier für eine der aufständischen Gruppen Stellung zu beziehen. Die USA halte es für legitim, "unschuldige Menschen und auch Kinder zu töten", man bombardiere, wie es al-Dschasira ausdrückt, irakische Kinder mit Millionen von Tonnen an Bomben, um lediglich einen alten Machthaber durch einen neuen aufgrund des irakischen Ölreichtums auszuwechseln.

Bin Laden wendet sich direkt an die amerikanischen Bürger und sagt mit dem Verweis auf die Anschläge vom 11.9.. er wolle ihnen raten, wie sie weitere Anschläge vermeiden könnten. Sicherheit sei ein wichtiges Gut und freie Menschen sollten dieses Gut nicht freiwillig aufgeben. Bush wirft er vor, die Amerikaner zu belügen, dass al-Qaida die Freiheit hasse. Die Länder, die nicht die Sicherheit der Muslime bedrohen, habe man in Ruhe gelassen.

Wir haben Euch bekämpft, weil wir frei sind ... und wir wollen die Freiheit für unsere Nation wieder erlangen. Wenn Ihr unsere Sicherheit untergrabt, dann untergraben wir die eure.

Bin Laden also gibt sich diplomatisch, rechtfertigt die bislang erfolgten Anschläge als Reaktionen und versucht offenbar auch, gegenüber Bush und Kerry neutral zu bleiben, was aber natürlich nicht wirklich gelingen kann.

Eure Sicherheit liegt nicht in den Händen von Kerry, Bush oder al-Qaida. Eure Sicherheit liegt in Euren Händen.

Und das ist natürlich wieder eine Drohung, schließlich sagt er auch, dass durch die Politik der Bush-Regierung weiterhin Anschläge zu erwarten seien. Man sei bereits im vierten Jahr nach den Anschlägen, aber "Bush täuscht Euch noch immer und verbirgt den wirklichen Grund vor Euch, was bedeutet, dass der Grund, das zu wiederholen, was geschehen ist, bestehen bleibt". Er wirft Bush auch vor, nichts während der Angriffe getan zu haben. Der Präsident war in der Zeit in einer Schule und las den Kindern weiter vor, als er bereits von dem Anschlag auf das WTC in Kenntnis gesetzt worden war. Das habe denjenigen, die die Anschläge ausgeführt haben, mehr Zeit gegeben. Allerdings sagte er auch, dass er Mohammed Atta beauftragt hatte, die Anschläge innerhalb von 20 Minuten durchzuführen, so dass Bush und seine Administration nicht reagieren konnten. Und schließlich vergleicht er noch die Bush-Regierung mit den arabischen Regimen:

We had no difficulty in dealing with the Bush administration because they resemble the regimes in our countries, half of which are ruled by the military and the other half by the sons of kings. He [Bush] adopted despotism and the crushing of freedoms from Arab rulers and called it the Patriot Act, under the guise of combating terrorism.

Update:

Nachdem mittlerweile von al-Dschasira die vollständige Übersetzung vorgelegt wurde, gibt es in der Rede von Bin Laden noch ein weitere Passage, in der ebenfalls in die Geschichte zurück geht und sagt, dass die Angleichung der amerikanischen Regierung an die arabischen Regime mit den Besuchen von Bushs Vater in der Region begonnen hätten. Damals hätten "manche unserer Mitkämpfer" gehofft, dass diese Besuche einen guten Einfluss in der Region ausüben könnten. Aber Bush sen. sei seinerseits "plötzlich von diesen Monarchien und Militärregimes beeinflusst worden". Er sei nämlich neidisch auf deren Möglichkeit gewesen, sich über Jahrzehnte unkontrolliert des öffentlichen Reichtums bedienen zu können. In einer solchen Propaganda-"Analyse" der Beweggründe des Gegners scheinen sich aber auf jeden Fall Bin Laden und Bush zu gleichen, bei dem der einzige Grund für die Anschläge im Hass der Terroristen auf Amerika und seine Freiheit besteht. Etwas komplexere Zusammenhänge wollen oder können beide nicht aufgreifen, schließlich sind der Heilige Krieg und der Krieg gegen den Terrorismus ihre Trumpfkarten.

Dann überspringt Bin Laden schnell die nächsten Jahre nach Bush sen., lässt zur Geschichtsklitterung die Präsidentschaft von Clinton beiseite und landet gleich bei Bush jun., dem Bush sen. die "Diktatur und die Unterdrückung der Freiheit" übergeben habe: "Sie nannten es den Patriot Act unter dem Vorwand, den Terrorismus zu bekämpfen." Bin Laden und seine Redenschreiber oder Spin-Doktoren versuchen also nicht nur, die arabischen autoritären Regierungen und die US-Regierung auf eine Ebene zu stellen, sondern wollen sich damit auch mit dem amerikanischen Volk verbünden, das von Bush mit seinem Streben nach Reichtum ebenso unterdrückt wird wie die arabischen Menschen von ihren Herrschern. Dann habe Bush sen. auch noch Söhne als Gouverneure inthronisiert und "nicht vergessen, das Wissen um Wahlbetrügereien von den Führern der (arabischen) Regionen nach Florida zu bringen, um es in schwierigen Momenten anzuwenden". Und im Umgang mit autoritären Regierungen sei man erfahren, meint Bin Laden, und könne daher die Bush-Regierung "leicht provozieren und ködern".

Bush-Gegner und Verschwörungstheoretiker hatten schon lange gemunkelt, dass die US-Regierung kurz vor der Wahl den schon lange gefangen genommenen Bin Laden präsentieren würden, um noch einen womöglich wahlentscheidenden Erfolg vorweisen zu können. Interessant wird nun auch sein, wie die Kerry- und Bush-Anhänger mit den Äußerungen Bin Ladens und dem über das Video vermittelten Lebenszeichen umgehen werden. Bislang gleichen sich die Reaktionen. Bush meinte, man würde sich von Bin Laden nicht beeindrucken und beeinflussen lassen, man sei schließlich im Krieg mit ihm.

All Americans are united in our strength and resolve to defeat the ideology that bin Laden articulates in this tape. We are doing everything we can to prevail in the war on terrorism and defeat the ideology of hatred that bin Laden articulates in this tape.

Scott McClellan, der Sprecher des Weißen Hauses.

Und auch Kerry sieht es wohl für zwingend an, nicht auf Gründe für den Terrorismus einzugehen, sondern die Lösung nur in der Eliminierung zu sehen:

As Americans, we are absolutely united in our determination to hunt down and destroy Osama bin Laden and the terrorists. They're barbarians and I will stop at absolutely nothing to hunt down, capture or kill the terrorists wherever they are, whatever it takes, period.

Bin Laden und seine Propaganda-Strategen denken zunächst einmal nur an die eigene Wirkung. Man kann Bin Laden abnehmen, dass ihm die Wahlentscheidung als solche gleichgültig ist. Er will sich und seine Gruppe zurück ins Spiel bringen, nachdem der Irak und dort Sarkawi die Aufmerksamkeit an sich gezogen haben. Bin Laden strebt eine multinationale islamische Nation an, irakischer Nationalismus kann dafür nur ein Treibriemen sein, auch wenn damit die amerikanische Präsenz im Nahen Osten bekämpft wird. Für Bush mag der unverhoffte Auftritt Bin Ladens auf der globalen Medienbühne eine willkommene Ablenkung vom Schlamassel im Irak sein, weil er die Aufmerksamkeit auf den 11.9. und die Gefährdung des Landes lenkt. Just das aber könnte auch wieder Kerry zugute kommen, der ja kritisiert, dass die Bekämpfung des Terrorismus durch den Irak-Krieg zu kurz gekommen sei.

Ins Spiel geraten könnten jedoch auch konkurrierende islamistische Gruppen, beispielsweise die von Sarkawi, wenn denn dieser noch leben sollte. Sie könnten sich nun genötigt sehen, die Medienaufmerksamkeit durch entsprechende Anschläge oder Entführungen wieder auf sich zu lenken. Auch im Lager der Terroristen finden Wahlkämpfe im Scheinwerfer der Medien statt. Nur dass die wichtigste Gruppe hier nicht gewählt wird, sondern sich durch ihre Propagandataten durchsetzt. (Florian Rötzer)

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