Bin ich derselbe wie vor und in einem Jahr?

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Ein Versuch über personale Identität in der Zeit

Heute wird es philosophisch. Und psychologisch zugleich. Und kann ich hoffentlich endlich einen alten Leserwunsch erfüllen, der im Zusammenhang mit dem zehnjährigen Bestehen meines Blogs auf Scilogs am 27. September 2017 formuliert wurde: Die Frage nach der personalen Identität in der Zeit. Oder: Bin ich derselbe wie vor und in einem Jahr?

Natürlich ist so ein zehnjähriges Jubiläum, zumal eines Online-Tagebuchs, eine Gelegenheit, sich zu fragen, ob man eigentlich noch derselbe ist wie früher. Vielleicht schreiben Sie Tagebuch? Oder hatten Sie eine ähnliche Erfahrung beim Jubiläum des Schulabschlusses, des Studienabschlusses, der Arbeitsstelle, der Hochzeit oder eines ähnlichen Ereignisses. Waren Sie zehn Jahre später noch derselbe?

Das alltägliche Modell

Die Frage hat verschiedene Ebenen und auch verschiedene Antworten. Am einfachsten ist wohl die alltägliche oder auch die rechtliche Ebene: Gezeugt aller Wahrscheinlichkeit nach an einem Sommertage des Jahres 1979, geboren urkundlich an einem Wintertage des darauffolgenden Jahres in der Stadt Wiesbaden im Land Deutschland, versehen mit Vor- und Nachnamen, fertig. Und diese "Person" schreibt jetzt einen Text, der über 39 Jahre, rund 14.400 Tage später unter demselben Namen erscheint. Es wirkt fast wie ein Wunder.

So weit, so gut. Für die Gesellschaft begann mein Dasein mit der Geburt und endet es mit dem Tod. In der Zwischenzeit werde ich als ein und dieselbe, ununterbrochen bestehende Person angesehen. Ich kann beispielsweise nicht beim Bäcker ein Brot stehlen, aufessen und zehn Minuten später zur Polizei sagen: "Da hätten Sie aber früher kommen müssen. Den Dieb gab es vor zehn Minuten, jetzt nicht mehr. Ich habe das Brot nicht gestohlen."

Dementsprechend funktionieren unsere sozialen Praxen. Wenn ein Freund eine seit Monaten geplante Reise schlicht mit der Begründung absagen würde, die Vereinbarung habe man mit der damaligen Person geschlossen, nicht mit ihm, würden wir uns wahrscheinlich nicht nur wundern. Wir würden uns wohl auch fragen, inwiefern eine Freundschaft mit ihm noch möglich wäre, ja inwiefern wir ihn überhaupt noch als Person ernstnehmen könnten.

Reise in die Vergangenheit

Nähern wir uns der philosophisch-psychologischen Herausforderung aber über einen Zweifelsfall an: Noch älter als mein(?) erster Blogbeitrag ist mein(?) erster Artikel auf Telepolis. Oder sagen wir: Der erste Artikel auf Telepolis, der unter dem Namen "Stephan Schleim" veröffentlicht wurde, vor rund 5.300 Tagen im Jahr 2005 (Wem gehört das Gehirn?).

Spontan würde ich sagen, dass ich niemals so einen dämlichen Titel wählen würde. Und dann vom "Anfang der Neurorevolution" oder dem "explodierenden Markt der Neurowissenschaften" zu schwadronieren, das geht gar nicht. Im Postfach fand ich noch eine Nachricht des behandelnden Redakteurs, der mich(?) dazu ermutigte, beim nächsten Mal einen eigenen Standpunkt zu vertreten und nicht bloß mit der Floskel "das muss die Gesellschaft entscheiden" zu schließen. Das hört sich auch nicht sehr nach mir an.

Natürlich weiß ich, dass wer 140 Artikel in einem Medium veröffentlicht hat, zuvor einen 139., 138., … 3., 2., 1. Text geschrieben haben muss. Doch das setzt schon voraus, dass der Autor all dieser Artikel dieselbe Person ist, wenn auch zu verschiedenen Zeitpunkten. Und woher soll man das wissen, wenn man es nicht schlicht als angelernte Praxis akzeptiert? Frei nach dem Motto: "Das machen wir hier ebenso!" Und das würde dem Anspruch der Philosophie nicht genügen, die die Frage nach dem Warum immer wieder neu stellt.

Philosophische Gedanken…

Das Problem hat sich für den berühmten Zweifler Descartes (1596-1650), einen der gedanklichen Väter der Neuzeit, nicht gestellt. Oder die Lösung war für ihn offensichtlich: Ich bin eine denkende Substanz (res cogitans), eine immaterielle Seele, die in dieser Welt zufällig mit genau diesem einen Körper verbunden ist und ihn auf bisher ungeklärte Weise über eine Verbindung mit der Epiphyse (Zirbeldrüse) steuert. (Umgekehrt nahm der Philosoph an, dass der Körper über den Zustand in dieser Gehirnregion die Seele die Welt wahrnehmen ließ und begründete damit wohl schon eine Supervenienzthese von Leib und Seele, doch das hier nur am Rande.)

Nun sind 370 Jahre nach Descartes' "Leidenschaften der Seele" Zirbeldrüsen und vor allem die Seelen - abgesehen vielleicht vom gleichnamigen schwäbischen Gebäck - weniger hoch im Kurs, vor allem unter Philosophen, Psychologen und Hirnforschern. Doch nicht viel später als Descartes stellten schon die britischen Empiristen, vor allem John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776), die Frage nach der Identität der Person in der Zeit. Dabei suchten sie nach einer Antwort, die auf keine übernatürliche Entität rekurrieren würde.

Für Locke war das entscheidende Kriterium die Kontinuität des Bewusstseins mit seinem Erinnerungsvermögen. Doch das warf eine Reihe von Problemen auf: Was ist zum Beispiel mit Phasen aus der Kindheit, an die wir uns prinzipiell nicht erinnern? War das nicht ich? Oder mit Erinnerungen an Erlebnisse, die wir uns fälschlicherweise selbst zuschreiben, obwohl anderen passierten? Oder mit Amnesien nach einer Gehirnverletzung? Endet dann die personale Identität? Und bin ich im traum- und damit bewusstlosen Schlaf nicht ich?

Schon Lockes schottischer Zeitgenosse Hume war sich solcher Schwierigkeiten bewusst und vertrat daher auch eine wesentlich zurückhaltendere Position zur personalen Identität, von deren Skepsis sich die angelsächsische analytische Philosophie bis heute nicht befreit hat. Zusammengefasst hat das kürzlich die Philosophin Luisa Maria Schulz, die noch unter dem Identitätszweifler Derek Parfit (1942-2017) an der Oxford Universität studiert hat.

… und philosophische Gedankenexperimente

Parfit gründete seine Überlegungen dabei - so wie viele andere Vertreter seiner Zunft - wesentlich auf Gedankenexperimente. Ähnlich wie in dem auf einem Roman Stanislaw Lems basierenden Film "Solaris" solle man sich vorstellen, dass durch einen Teletransport auf einmal perfekt identische Doppelgänger von einem selbst existieren. (Trekkies erinnern sich vielleicht an die 150. Episode "Second Chances" von "The Next Generation" aus dem Jahr 1993, in der Commander Riker einer Kopie von sich selbst begegnet, die durch eine Transporteranomalie entstanden war.)

Manche Philosophen halten es nun für eine interessante Frage, wer in so einer (hypothetischen) Situation das echte Ich wäre. Hier möchte ich erst einmal als Disclaimer anführen, dass mit solchen Beispielen unsere Intuitionen auf Fälle angewandt werden, für die sie in unserer evolutionären und kulturellen Evolution gar nicht entstanden sind; Daniel Dennett kritisierte solche Gedankenexperimente darum meiner Meinung nach völlig zurecht als "Intuitionspumpen". Unterhaltungswert besitzen sie allemal. Damit aber Erkenntnis- oder Existenzfragen (in Fachsprache: epistemische oder metaphysische Fragen) lösen zu wollen, halte ich für sehr gewagt.

Nehmen wir einmal an, solche Fälle wären irgendwie möglich und sinnvolle Diskussionsgrundlage. Dann fällt erst einmal auf, dass eine Person und ihre Kopie schon ab dem Moment der Erschaffung des Doppelgängers unterschiedliche Bewusstseine haben. In diesem Sinne sind sie nicht mehr identisch, schlicht weil es physikalisch unmöglich ist, dass zwei Menschen zum selben Moment am selben Ort existieren können. Die beiden haben also sofort unterschiedlich Erlebnisse.

Zudem stellt sich die Frage, ob sich, je nach den technischen Details, Original und Kopie noch voneinander unterscheiden lassen. Wenn ja, dann hätten wir wohl die Neigung, das Original als das echte Ich und die Kopie als eine Art extrem ähnlichen eineiigen Zwilling aufzufassen: sehr ähnlich aber doch anders, eben zwei Individuen. Lässt sich hingegen kein Original ausmachen, dann ist die Frage wahrscheinlich unentscheidbar. Doch wie gesagt, unsere Intuitionen versagen bei solchen Fällen, schlicht weil sie dafür nicht gemacht sind.

Philosophie mit Star Trek

Praktisch interessant wären nun Konstellationen, in denen der Doppelgänger Privilegien geltend macht, die nur eine Person für sich beanspruchen kann. Da ich "Solaris" nicht gesehen habe, schmücke ich im Folgenden die erwähnten Star Trek-Folge etwas aus: Durch eine Transporteranomalie blieb eine Kopie als Lieutenant Riker auf einem Planeten zurück, während die andere auf dem Raumschiff Enterprise Karriere machte und Commander wurde.

Wem der beiden gehört nun beispielsweise die geliebte Posaune? Der Commander gibt dem Lieutenant Riker am Ende der Folge das Instrument tatsächlich als Geschenk mit, da es ihm genauso gehöre. Problem gelöst. Doch nehmen wir an, Riker wäre vor dem Vorfall verheiratet gewesen und nun würden beide dieselbe Partnerin für sich beanspruchen. Beide Männer hätten eine authentische Liebesbeziehung zu der Frau. Für wen sollte sie sich entscheiden? Und auf der Grundlage welcher Gründe? Sollte sie gar mit beiden zusammenleben?

Noch komplizierter wäre es, wenn das Paar ein Kind hätte. Dabei könnte man noch einmal unterscheiden, ob das Kind vor oder nach der Transporteranomalie gezeugt wurde. In jedem Falle würde ein DNA-Test beide Männer als Vater ausweisen. Was, wenn der verschollene Lieutenant Riker nun das Sorgerecht forderte?

Wir können uns vorstellen, dass Zivilgerichte im Enterprise-Universum Lösungen für solche Probleme finden. Wir müssen es glücklicherweise nicht. Wir wollten uns hier ja auch mit der Frage beschäftigen, was personale Identität in der Zeit ist, nicht mit Science Fiction. Philosoph Parfit trieb seine Überlegungen übrigens mit anderen Beispielen noch weiter auf die Spitze. Man solle sich etwa vorstellen, getrennte Gehirnhälften von einem selbst würden in unterschiedliche Körper transplantiert. Was würde das für die Identität bedeuten?

Philosophie getrennter Hirnhälften

Auf einmal scheint Descartes' Lösung so einfach. Dumm nur, dass bisher kein Mikroskop, kein Hirnscanner oder anderes Instrument Hinweise auf eine immaterielle Seele gefunden hat. Auch das schwäbische Gebäck kann leider nicht als Lösung dienen. Würde man nun Parfits Weg ernsthaft folgen, sollte man sich erst einmal genauer mit der Phänomenologie sogenannter Split-Brain-Patienten beschäftigen. Bei diesen wurden die Verbindungen zwischen linker und rechter Gehirnhälfte getrennt.

Die Philosophin Schulz schreibt in ihrem Artikel dazu schlicht: "Der Mensch lebt danach mit zwei unabhängigen Bewusstseinsströmen weiter, die nichts voneinander wissen." Tatsächlich wird so ein Zustand manchmal operativ als letztes Mittel zur Behandlung einer Epilepsie herbeigeführt. Dabei wird das Corpus Callosum (der Balken zwischen den Hemisphären) durchtrennt. Der Neuropsychologe Roger Sperry (1913-1994) erhielt für seine Forschung dazu 1981 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin.

Die Frage, inwiefern hier wirklich zwei getrennte Bewusstseine oder vielmehr ein Bewusstsein mit unterschiedlichem Zugang zu in der linken oder rechten Hirnhälfte repräsentierter Funktion oder Information vorliegt, kann ich hier nicht beantworten. Interessierte mögen sich selbst in die Literatur vertiefen. Aber noch einmal sei daran erinnert, dass unsere Intuitionen nicht für solche Fälle geschaffen sind, zumal man sich in Parfits Gedankenexperiment dann auch noch eine Transplantation der beiden Hemisphären in zwei unterschiedliche Körper vorstellen soll.

Eine phänomenologisch-psychologische Analyse

Im Folgenden will ich mich stattdessen erst selbst an einer phänomenologisch-psychologischen Analyse versuchen und zum Abschluss auf eine wichtige Diskussion zum Thema aus der buddhistischen Philosophie hinweisen, die mehr als tausend Jahre vor Descartes stattfand.

Um was für ein "Ding" soll es sich bei personaler Identität überhaupt handeln? Sicherlich nichts, was wir anfassen, riechen, schmecken, wiegen oder im Teilchenbeschleuniger beschießen können. Dennoch werden die meisten von uns heute Abend wohl mit der tiefen Überzeugung ins Bett gehen, dass sie am nächsten Morgen nicht nur aufwachen, sondern auch als dieselbe Person aufwachen werden. In diesem Sinne erleben wir uns in aller Regel als kontinuierlich in der Zeit, als der- oder dieselbe, als identisch, wenn auch durch den einen oder anderen (auf natürliche Weise oder etwa durch Drogen oder Medikamente herbeigeführten) bewusstlosen Zustand unterbrochen.

Zustände, in denen das nicht der Fall ist, rücken wir schnell ins Pathologische oder Reaktive, Letzteres etwa im Schockzustand nach einem Unfall oder Verbrechen. Fachbegriffe aus der Psychologie oder Psychiatrie sind dann Dissoziation oder Depersonalisation. Amnesien und falsche Erinnerungen haben wir bereits erwähnt. Ziel einer Therapie wäre wohl nicht zuletzt, dem Betroffenen wieder zu einer Erfahrung als einheitliche, in der Zeit kontinuierlich existierende Person zu verhelfen.

Was sich daraus über das Bewusstsein oder hier im Speziellen für das Erfahren der personalen Identität lernen lässt, muss ich, wie im Fall der Split-Brain-Patienten, den Klinikern überlassen. Ich will stattdessen erst einmal zur Feststellung kommen, dass wir uns selbst zwar als kontinuierlich - mit den genannten Unterbrechungen - existierende Person erleben, wir das nach dem kulturgeschichtlichen Wegfallen der Seele aber auch nicht ohne Weiteres an einem körperlichen Substrat festmachen können:

Alles ist im Fluss

Jede Zelle des Körpers ändert sich und wird irgendwann wieder ersetzt; auch jeder Gehirnzustand geht wieder in einen anderen über. Bisher wurde auch kein "Selbstmodul" oder Wesenskern im Gehirn gefunden. Der Hirnforscher, Psychiater und Philosoph Georg Northoff hat allerdings das meines Wissens bisher anspruchsvollste Modell dafür entwickelt, wie aus zeitlich veränderlichen Gehirnprozessen ein Erleben von sich selbst als kontinuierlich in der Zeit existierend entstehen könnte.

Dafür hat er die kortikalen Mittelstrukturen wie den zingulären Kortex ausgemacht, der sich um den bereits erwähnten Balken schlängelt. Das bekannte Problem solcher Untersuchungen ist aber, dass sie nur auf der allgemeinen Ebene etwas über Begleiterscheinungen (Korrelationen) zwischen Gedanken und Erlebnissen einerseits und Gehirnvorgängen andererseits aussagen können.

Northoffs Schlussfolgerung lautet dann: "[U]nsere Identität ist buchstäblich zeitlich, denn sie gründet auf zeitlichen Eigenschaften der neuronalen Aktivität in den kortikalen Mittelstrukturen" (2017, S. 128; dt. Übers.). Das erklärt vielleicht, warum wir uns als in der Zeit identisch erleben, hört sich aber nach keinem festen Wesenskern an.

Identität durch unsere Identifikationsprozesse

Darum hier ein anderer Versuch: Dass wir uns - mit den erwähnten Einschränkungen wie Schlaf oder bestimmten Verletzungen oder Traumata - als in der Zeit kontinuierlich und identisch erfahren, ist ein gelernter Gedanken-, genauer ein Identifikationsprozess. Das beste Beispiel hierfür ist die Identifikation mit unserem Körper.

Weil wir über ihn wahrnehmen und fühlen aber auch unsere eigenen Gedanken und Gefühle mit ihm ausdrücken, vor allem aber, weil wir von anderen darüber als in der Zeit identische Personen angesprochen werden, identifizieren wir uns damit. Dabei ändert sich der Körper kontinuierlich und ist zu jedem Zeitpunkt wieder anders. Dem Vernehmen nach sind spätestens nach sieben Jahren alle Zellen einmal ausgetauscht.

Schon in der Antike wurde mit dem "Schiff des Theseus" die Frage diskutiert, wie viele Teile man von etwas ersetzen kann, bis es seine Identität verliert. Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht; die brauchen wir hier aber auch nicht. Denn wenn ich mich als in der Zeit identisch erfahre, während mein Körper sich permanent ändert, dann muss erstens das Ich (wenn es keine Illusion ist) etwas anderes sein als der Körper und zweitens die Identifikation mit dem Körper als mein Körper kontinuierlich neu stattfinden.

Solche Identifikationsprozesse finden nun aber interessanterweise nicht nur mit dem eigenen Körper statt, sondern sogar mit den Körpern anderer Menschen bis hin zu unbelebten Gegenständen oder gar abstrakten Dingen. Ein Beispiel: Studien zur Empathie (wörtlich: Einfühlung) haben gezeigt, dass Menschen ähnliche Schmerzen erleben, wenn sie sehen, wie ihren Partnern Schmerzen zugeführt werden. Die Hirnforscher Tania Singer und Christian Keysers machten in den frühen 2000ern im Hype um die "Spiegelneuronen" damit Karriere, nachweisen zu können, dass sich sogar die Gehirnaktivierung der Partner beim Fühlen der schmerzhaften Reize am eigenen Leib und beim Sehen der Peinigung des Anderen ähnle.

(Die Empathieforscherin Singer, die auch für ihre Untersuchungen zu Meditation und Mitgefühl bekannt war, hat allerdings erst vor Kurzem ihren Posten als Direktorin am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig aufgegeben. Ihr attestierte eine Untersuchungskommission "erhebliches Führungsfehlverhalten". Als Empathieforscherin muss man also nicht unbedingt sehr empathisch sein.)

Identifikation mit Fremdem

Dieser Identifikationsprozess kann sich vom eigenen Körper, auf den von Partnern, Familienmitgliedern, sehr engen Freunden, auf materielle Dinge wie das eigene Auto oder Immaterielles wie den Lieblingsverein oder das Vaterland in dem Sinne ausdehnen, dass man sein eigenes Wohl und Wehe vom Wohl und Wehe des Andern abhängig macht. Wie es dem anderen Menschen, der Gruppe, dem Ding oder abstrakten Etwas - man denke hier etwa an Wertpapiere, in die man sein Erspartes investiert hat - ergeht, bestimmt dann in einem großen Maße unser Denken und unser Wohlbefinden.

Als Faustregel kann man sich merken, dass wir uns jedes Mal, wenn uns etwas stresst, ärgert oder verletzt, etwas anderes über einen Identifikationsprozess gedanklich angeeignet haben (Deutsche wollen weniger Stress - doch wie?). Dagegen entwickelte schon die philosophische Schule der Stoa (ab ca. 300 v. Chr.) Überlegungen, die bis heute als Lebensratgeber verwendet werden. Zusammengefasst könnte man deren Ratschlag so formulieren: Identifiziere dich mit nichts, was dir nicht eigen ist.

Das Paradebeispiel hierfür ist der Sklavenphilosoph Epiktet (ca. 50-138 n. Chr.). Von ihm heißt es, dass es ihn nicht einmal berührt habe, als sein Herr und Meister ihm ein Bein verstümmelte. (Ob dieses Ereignis tatsächlich stattfand, ist allerdings historisch umstritten.) Der Sklave schrieb jedenfalls gelassen, warum sich mit dem Körper identifizieren, wo doch andere darüber herrschen? Nur das Denken sei einem jeden eigen. (Siehe dazu etwa die §§1, 9 und 20 seines "Handbüchleins".)

Ein diabolischer Pakt

Für die Nicht-Stoiker unter den Lesern will ich es mit einem Gedankenexperiment versuchen, jedoch einem, das ohne Science Fiction auskommt: Stellen wir uns vor, ein Multimilliardär kommt zu uns und macht uns einen Vorschlag. Für eine bestimmte, vorher vereinbarte Zeit würde er ein Team und all sein Geld dafür zur Verfügung stellen, uns alle Wünsche zu erfüllen. Nach Ablauf der Periode dürfte er dafür mit uns machen, was er will, einschließlich foltern und töten. Dass die Vereinbarung sittenwidrig und damit rechtlich unwirksam wäre, lassen wir hier außer Acht.

Jetzt ist eine entscheidende Frage, wie lange die vorhergehende Periode der Wunscherfüllung dauern würde. Bei einer halben Stunde würde wohl jeder gleich ablehnen. Warum? Weil er wüsste, dass er das zu erwartende Leid dann erleben müsste, und zwar schon bald. Derjenige identifiziert sich also mit dem Ich in dreißig Minuten, sieht sich selbst als dieselbe Person jetzt und gleich.

Würden wir die Zeitspanne auf drei, zehn oder vielleicht sogar dreißig Jahre ausdehnen, dann würde der eine oder andere aber vielleicht überlegen, ob das nicht ein guter Deal wäre. Dabei ändert sich aber im Prinzip nichts daran, dass der Mensch, der dann das in Zukunft zu erwartende Leid erlebt, nach dem vorherrschenden Modell derselbe ist wie der Mensch, der die Vereinbarung trifft und dann längere Zeit im Schlaraffenland lebt.

Das heißt aber, dass der Gedanke von der personalen Identität in der Zeit diffus wird und nicht absolut gilt, wenn wir lang genug in die Zukunft - oder die Vergangenheit - schauen. Und so kann auch ich nicht ohne Weiteres sagen, dass der Autor des ersten Telepolis-Beitrags unter dem Namen "Stephan Schleim" derselbe ist wie der Autor des heutigen Artikels. Tatsächlich erinnere ich mich nicht einmal an den damaligen Vorgang.

Ausflug zur östlichen Philosophie

Zum Schluss möchte ich noch zwei Ansätze aus der östlichen Philosophie gegenüberstellen, die man nicht vernachlässigen sollte, wenn man über persönliche Identität in der Zeit nachdenkt. Zuerst einmal sei erwähnt, dass der Hinduismus und die mit ihm verbundenen philosophischen Schulen Indiens ähnlich wie die christliche Theologie von einer immateriellen Seele als Wesenskern ausgeht, dem Atman. Dazu heißt es in einer alten Schrift: "Das Selbst ist allesdurchdringend, scheinend, körperlos, formlos, ganz, unverletzt, rein, allwissend, über allem erhaben…" (Isha Upanishad, 8, 1. Jahrtausend v. Chr.; dt. Übers.).

Mit diesem Selbst könne man nicht nur in tiefer Meditation in Kontakt kommen, sondern tatsächlich auch im traumlosen Tiefschlaf, wenn wir nach wissenschaftlicher Meinung also gar keine Bewusstseinsvorgänge mehr haben. Dieses Selbst sei der Wahrnehmer, im Tiefschlaf habe er schlicht kein Objekt. "Es ist das, was wahrnimmt und nicht das wahrgenommene Objekt. Was immer Objekt ist, gehört zum Nicht-Selbst. Das Selbst ist das konstante Wahrnehmer-Bewusstsein" (nach S. Radhakrishnan, 1953, "The Principal Upanisads", S. 75; dt. Übers.).

Interessant ist nun, dass vor diesem philosophischen Hintergrund der Buddhismus entstand (ca. 5. Jh. v. Chr.), der das genaue Gegenteil lehrt, nämlich Anatman oder Anatta, Nicht-Selbst, auch bekannt als Unpersönlichkeitslehre. Der Gedanke der Veränderlichkeit und Abhängigkeit von allem außer dem Selbst, wie ihn der Hinduismus lehrt, wird im Buddhismus auf radikal auf alles ausgedehnt. Auch das sei eine Erkenntnis von Meditation.

Erklärt wird das beispielsweise im Dialog zwischen dem Mönch Nagasena und dem König Milinda, der sich im 2. Jh. v. Chr. im heutigen Nordindien ereignet haben soll und einige Jahrhunderte später aufgeschrieben wurde. So soll der Mönch auf die Frage nach seinem Namen erwidert haben: "Nagasena, doch 'Nagasena' ist nur eine Bezeichnung, ein Etikett, ein Begriff, ein Ausdruck, ein bloßer Name, denn es findet sich keine Person als solche" (Milindapanha, II, 1).

Aus der Identifikation mit einer Person oder einem Selbst entsteht laut dem Buddhismus vor allem Leiden. Akzeptiert man umgekehrt die Unpersönlichkeitslehre, dann folgen Aphorismen der Form: Es gibt nur Leiden, keinen Leidenden; nur Taten, keinen Täter und so weiter. Ohne in so einer Absolutheit aufzutreten entspricht das auch den Empfehlungen der stoischen Ethik, sich mit nichts zu identifizieren, was einem nicht eigen ist, um Leiden zu vermeiden.

Zusammenfassung

Dieser Essay ist ein Versuch, sich dem Thema der persönlichen Identität in der Zeit zu widmen. Einerseits erfahren wir uns in aller Regel als ein und dieselbe Person, andererseits behandeln uns unser Umfeld und die gesellschaftlichen Institutionen als solche. Über längere Zeiträume hinweg scheint diese Idee aber diffus zu werden.

Mit dem Wegfallen einer immateriellen Seele ist aber nicht klar, welche Entität Träger dieser Identität sein soll. Ist das Ich, das Selbst, mehr als eine gesellschaftlich adäquate und persönlich angenehme Vorstellung? Dabei sollten wir nicht vergessen, dass Urväter der Psychotherapie wie Sigmund Freud (1856-1939) oder Carl Gustav Jung (1875-1961) betonten, dass ein gesundes Ego für ein gesundes Funktionieren in der Gesellschaft wichtig ist.

Die westliche Philosophie hat bisher keine überzeugende Antwort darauf gefunden, worauf sich unsere Erfahrung personaler Identität in der Zeit konkret beziehen soll. Auch die Hirnforschung kann bisher nicht erklären, was unser Wesenskern, unser Ich oder Selbst sein sollte. Allenfalls das subjektive Erleben davon rückt in den Bereich neurowissenschaftlicher Erklärungen. Dass es irgendeine neuronale Struktur geben muss, die unserer Erfahrung zugrunde liegt, wissen wir aber schon - denn sonst hätten wir sie ja nicht.

Damit bleibt die philosophische Frage ungelöst. Und die soziale Praxis, für vergangene oder zukünftige Entscheidungen verantwortlich gemacht zu werden, geht einfach so weiter. Aus der Science Fiction-Welt entlehnte Gedankenexperimente werden das Problem wohl nicht lösen. Die hier kurz angeführten philosophisch-psychologischen Lehren legen aber den Verdacht nahe, dass Identifikationsprozesse uns auf verschiedene Arten und Weise aus der Ruhe bringen können. Wen das anspricht, der weiß jetzt, wo er weiterlesen kann.

Und um die Titelfrage zu beantworten: Ob ich derselbe bin, wie vor oder in einem Jahr, hängt für mich von meiner Erfahrung ab. Die gesellschaftliche Konvention sagt schlicht: "Ja!" Sowohl philosophisch als auch wissenschaftlich gesehen ist aber gar nicht klar, worauf sich diese Identitätsaussage stützt. So scheint es vor allem eine moralisch-rechtliche Praxis zu sein, die unsere Gesellschaft am Leben erhält. (Der letzte Satz ist bewusst doppeldeutig.)

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)