BioNTech-Chef "zuversichtlich", dass sein Serum auch gegen britische Corona-Mutation hilft

Grafik: TP

Johnson meldet 500.000 Geimpfte und hofft auf eine "ganz neue Welt ab Ostern"

BioNTech-Chef Uğur Şahin hat in der Bild-Zeitung angekündigt, dass sich sein Unternehmen in den nächsten beiden Wochen in "experimentellen Tests" mit der Corona-Mutation B.1.1.7 beschäftigen wird (vgl. Angst vor Corona-Mutation B.1.1.7). Da die von seinem Impfstoff hervorgerufene Immunantwort alle bislang von BioNTech untersuchten etwa 20 Sars-CoV-2-Mutationen "inaktiviert" hat, ist er aber nach eigener Aussage "zuversichtlich, dass der Wirkungsmechanismus [von BNT162b2 durch die B.1.1.7-Mutation] nicht signifikant beeinträchtigt wird".

"So viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann"

Mit neun der 1270 für den Impfstoff genutzten Aminosäuren sei B.1.1.7 zwar "etwas stärker mutiert" als die davor untersuchten Varianten, aber das Serum habe "so viele Andockstellen, dass das Virus schwer entkommen kann". Sollte das doch geschehen, könne man den Impfstoff aufgrund seiner Konstruktionsweise schnell an eine Mutation anpassen.

In Großbritannien, wo die neue Mutation zuerst auftauchte, wurden den Angaben von Premierminister Boris Johnson nach inzwischen über 500.000 Menschen mit dem BioNTech-Serum geimpft, das die Glaubenskongregation des Heiligen Stuhls trotz eines Forschungsanteils von Zelllinien zweier abgetriebener Föten gestern auch für Katholiken als erlaubt erklärte. Die Impfungen sind Johnsons Worten nach "ein Grund zur Hoffnung und zur Zuversicht": Die Briten und Nordiren könnten sich "ab Ostern auf eine ganz neue Welt freuen".

"Höhere Neigung, Kinder zu infizieren"?

Für die nächsten Wochen geht der britische Regierungsberater Patrick Vallance aber erst einmal von einer Zunahme der Sars-CoV-2-Positivtests aus - auch deshalb, weil sich der Eindruck, dass die Mutation ansteckender ist, seinen Angaben nach "verstärkt" hat. Der WHO-Sprecherin Maria van Kerkhove wurde sie außer in Großbritannien inzwischen auch in Australien, Island, Italien, den Niederlanden und Dänemark gefunden. Dort, in Dänemark, könne man auch nicht mehr von einem "Einzelfall" sprechen. Die in Südafrika festgestellte Mutation hat dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) nach "keine enge evolutionäre Beziehung" zur britischen, auch wenn sie ihr ähnelt.

Falls die britische Mutation tatsächlich ansteckender ist, könnte das dem Epidemiologen Neil Ferguson nach daran liegen, "dass sie eine höhere Neigung hat, Kinder zu infizieren". Dafür gibt es dem Mitglied der britischen New and Emerging Respiratory Virus Threats Advisory Group (Nervtag) nach "Anhaltspunkte", aber noch keine Beweise. Dem irischen WHO-Epidemologien Michael Ryan nach könnte eine mögliche höhere Ansteckungsfähigkeit daran liegen, dass die Viren nun leichter in menschliche Zellen eindringen. Dann steigt die individuelle Viruslast - und mit ihr das Risiko, dass die Erreger an andere Personen weitergegeben werden.

Ryan betonte jedoch auch, dass Aussagen über solch eine höhere Ansteckungsfähigkeit bislang lediglich Mutmaßungen sind. Der Wiener Molekularmediziner Andreas Bergthaler hält es deshalb sogar für möglich, dass die britische Regierung ihre bislang nicht untermauerte Behauptung, die Mutation sei um 70 Prozent ansteckender, "als Argument für ihren Strategiewechsel zu Weihnachten benützen" wollte, wie er dem Kurier verriet.

"Internationale Immunantwort"

Sollte dem tatsächlich so gewesen sein, war die "internationale Immunantwort" auf dieses Argument womöglich stärker, als man sie in der Downing Street erwartete. Inzwischen hat nämlich eine ganze Reihe von Ländern die Flugverbindungen ins Vereinigte Königreich gekappt - nach Deutschland und Frankreich (das sogar den Ärmelkanaltunnel zumachte und den Fährverkehr stoppte) auch Spanien, Portugal, das bereits angesteckte Dänemark, dessen ehemaliger Landesteil Norwegen, die ehemalige britische Kronkolonie Indien, Russland, der Oman und Saudi-Arabien. Die beiden arabischen Länder schlossen ihre Grenzen sogar komplett.

Spanien verfügte neben einem Stopp des Flugverkehrs auch eine verstärkte Kontrolle der Grenze zu Gibraltar. Wer von dort oder von den britischen Inseln aus mit dem Schiff, dem Automobil, oder dem Zug nach Spanien einreist, wird nur dann eingelassen, wenn er entweder über die spanische Staatsangehörigkeit oder über einen Wohnsitz in Spanien verfügt. Während Spanien und Portugal den Flugverkehr mit dem Vereinigten Königreich für mindestens eine Woche unterbrechen, ruht er in Dänemark und Norwegen vorerst nur 48 Stunden. Bis dahin wollen der dänische Verkehrsminister Benny Engelbrecht und sein norwegischer Amtskollege "weitere Schritte ausloten".

Indien hat alle Landungen von Maschinen aus dem UK bis zum 1. Januar 2021 verboten. Wer über einen Umweg kommt, muss sich nach der Einreise umgehend auf Sars-CoV-2 testen lassen. Das gilt auch für die Passagiere, die an den deutschen Flughäfen strandeten, nachdem die deutsche Bundesregierung den Flugverkehr unterbrach. Nun will man im EU-Rat über "verschiedene Möglichkeiten für eine koordinierte und gleichmäßige Wiederöffnung der Grenzen" sprechen, wie ein nicht namentlich genannter "Diplomat" heute der Presse sagte. (Peter Mühlbauer)