Bitcoin und Co: Kryptische Perspektiven für die Finanzsysteme

Vom "Geld ohne Staat" könnten Kryptowährungen zum neuen Geld der Staaten werden, mit tiefgreifenden Folgen für die weltweiten Machtstrukturen

Als Satoshi Nakamoto sein Konzept für den Bitcoin veröffentlichte, war die Welt der Finanzen gerade in heller Aufregung. Es war November 2008. Die Finanzkrise entwickelte sich mit voller Wucht. Nakamoto legt den Entwurf für eine neue Art von Geld vor. Sie soll den "kryptografischen Nachweis an die Stelle von Vertrauen" setzen, erklärt er in seinem Whitepaper.

Tatsächlich ist in der Finanzkrise viel Vertrauen verlorengegangen. Aller Welt wurden die kriminellen Energien der Geschäftsbanken vor Augen geführt, ihre Findigkeit im Ausnutzen von Schlupflöchern, die Skrupellosigkeit, mit der sie sich durch unseriöse Geschäftspraktiken bereicherten.

Auch die wirtschaftsmächtigen Staaten zeigten sich nicht gerade von ihrer vertrauenswürdigen Seite. Mit ihrer Liberalisierungspolitik hatten sie die internationalen Finanzmärkte für solche Geschäftspraktiken geöffnet. Und als die Blase geplatzt war, retteten sie die Banken mit dem Geld der Steuerzahler.

Satoshi Nakamoto trat nie persönlich in Erscheinung und verschwand irgendwann auch aus dem Internet. Es ist nicht bekannt, ob es sich tatsächlich um eine Person handelt oder um das Pseudonym einer Gruppe oder einer Institution. Das Ziel müsse nun sein, heißt es in Nakamotos Papier, dass die Menschen, wenn es um ihr Geld geht, weder der Politik noch den Banken vertrauen müssen. In einem kryptografischen Zahlungssystem auf der Basis der Blockchain-Technologie brauche man kein Vertrauen mehr, außer in die Technologie.

Die Blockchain ist eine Art dezentrale Datenbank, in der alle Transaktionen kryptografisch verschlüsselt festgehalten sind. Die Transaktionsketten sind auf vielen Rechnern gleichzeitig gespeichert und dadurch fälschungssicher dokumentiert. Sie können nicht nachträglich manipuliert werden, weil das auf den anderen Computern sofort auffallen und automatisch zu Konsequenzen führen würde.

So genial die Blockchain im Sinne eines dezentralen, transparenten und sicheren Finanzsystems auch sein mag - es ist doch bemerkenswert, wie hier auf eine gesellschaftliche und politische Vertrauenskrise geantwortet wird. Wirtschaftliche Probleme sollen durch eine technische Innovation aufgelöst werden. Dabei tritt die Frage, wie sich diese Probleme politisch bearbeiten lassen, etwa durch die Zerschlagung der Großbanken, durch bessere Kontrollen, durch demokratische Reformen, in den Hintergrund.

Die technische Innovation kann das Vertrauen in die Politik, in die Wirtschaft, in das Gemeinwesen generell, ja nicht wieder herstellen. Stattdessen soll sie es gänzlich überflüssig machen. Kryptowährungen sollen die Leistung vollbringen, dass man in Gelddingen nur noch einer Technologie, der Blockchain, vertrauen muss, und sein Einkommen, sein Vermögen an Banken und Staaten vorbei manövrieren kann.

Links-anarchistische Bitcoin-Fans finden genau das großartig, weil sie damit den mächtigen Banken und dem Staat des Kapitals eins auswischen können. Der Traum von einem dezentralen, demokratischen, transparenten und nicht-hierarchischen Finanzsystem, dem viele Bitcoin-Nutzer nachhängen, liegt hier begründet.

Traum von der "finanziellen Freiheit" und der Entstaatlichung des Geldes

Allerdings wird dieser Traum von mächtigen Bitcoin-Förderern ganz anders, und durchaus nicht antikapitalistisch, interpretiert. Von Peter Thiel zum Beispiel, einem Tech-Milliardär, der als Gründer des Online-Bezahldienstes Paypal bekannt wurde. Er gehört zu den prominenten Krypto-Investoren und Treibern des Bitcoin-Hypes. In den USA betätigt er sich auch als Sponsor der Tea-Party-Bewegung und als Unterstützer Donald Trumps.

Am Bitcoin schätzt Thiel, wie er sagt, die "finanzielle Freiheit", die dieser ihm bietet. Vor allem gefällt ihm, "dass die Steuerbehörden die Verschlüsselung der Kryptowährungen nicht knacken können und nicht sagen können, wie viel Geld du hast".

Oder Richard Branson, britischer Milliardär und schon lange ein engagierter Krypto-Fan. Er lädt die Elite der Kryptoszene regelmäßig zu "Blockchain-Summits" auf seine Privatinsel ein. "Es gibt", so seine Begründung, "einen echten Wunsch nach stärkerer Kontrolle über unser Geld."

"Unser Geld" - das meint Branson nicht wirklich, wenn er von seinem Geld spricht. Gerade die Tatsache, dass Geld ein öffentliches Gut ist, über dessen Verteilung und Verwendung die Politik mitzuentscheiden hat, ist ihm ja ein Dorn im Auge. Für Milliardäre wie Thiel und Branson ist der Bitcoin ein Instrument, um dem neoliberalen Traum von der weiteren Entmachtung des Staates durch private Währungen ein Stück näher zu kommen.

Die Idee geht letztlich zurück auf Friedrich August von Hayek, den Vordenker des Neoliberalismus, der bereits in den 70ern das Konzept eines "Geldes ohne Staat" entworfen hat. Seine Vision läuft darauf hinaus, den Staaten mit der Kontrolle über das Geld auch die Macht zu nehmen, umzuverteilen und öffentliche Güter bereitzustellen. Der Bitcoin-Hype kommt für die Neoliberalen insofern wie gerufen.

Doch die Vision von der völligen Entstaatlichung des Geldes hat trotz des Bitcoin-Hypes wohl keine Chance. Aus mehreren Gründen. Zum einen haben mittlerweile auch die Cyberwährungen - kleine Ironie der Geschichte - ein Vertrauensproblem. Viele, die in die Blockchain vertrauten, haben viel Geld verloren - durch betrügerische Krypto-Börsengänge (ICOs), durch gehackte Kryptobörsen, oder weil Geld auf unergründlichen Wegen aus ihren elektronischen Wallets verschwunden ist.

Die wohl prominenteste der zahlreichen Cyberattacken auf Kryptobörsen trieb 2014 den damals wichtigsten Bitcoin-Handelsplatz Mt. Gox in den Ruin. Die Kunden verloren etwa 850.000 Bitcoins im Wert von rund einer halben Milliarde Dollar.

Anfang des Jahres kam auf der japanischen Handelsplattform Coincheck - ebenfalls durch einen Hack - Kryptogeld im Wert von etwa 430 Millionen Euro abhanden. Diesmal ging es für die geschädigten Kunden allerdings anders aus. Die Betreiber von Coincheck erklärten, dass sie die Betroffenen entschädigen würden. Eine typische vertrauensbildende Maßnahme.

Auch die japanischen Behörden wurden nun aktiv. Sie wollen Coincheck im Sinne eines besseren Kundenschutzes überwachen. Anfang März legte die japanische Finanzaufsicht noch einmal nach und forderte Coincheck auf, ihr Vorgehen gegen Geldwäsche zu verschärfen.

In den USA stoppte die Börsenaufsicht SEC Ende Januar die Ausgabe einer neuen Kryptowährung, für die mit falschen Angaben geworben worden war. Später kündigte sie an, Kryptobörsen generell stärker zu beaufsichtigen und sie zu einer Registrierung bei der SEC zu verpflichten.

In der Kryptobörse Bitfinex erschienen Vertreter der CFTC, einer US-Regulierungsbehörde, um die Cyberwährung Tether unter die Lupe zu nehmen. Es gab Zweifel an der Behauptung, dass der Wert ihrer Coins durch US-Dollar gedeckt sei.

Auch rund um die Blockchain gibt es eben immer irgendjemanden, dem man vertrauen muss - etwa die Betreiber der Kryptobörsen, Unternehmen, die Krypto-Bezahldienste anbieten, Projekte oder Firmen, die neue Coins auf den Markt bringen.

Ausgerechnet der Staat und seine Institutionen müssen nun zu Hilfe eilen, um das Vertrauen in Kryptowährungen wieder zu stärken. Dabei entwickeln sich Strukturen, wie wir sie aus den konventionellen Finanzsystemen kennen. Intermediäre und Emittenten müssen sich an bestimmte, von der Regierung definierte Regeln halten und werden dabei von staatlichen Institutionen kontrolliert.

Die Attraktion eines staatlichen Cybergelds

Die Regierungen sind also allmählich aufgewacht und entschlossen, die Kryptomärkte zu regulieren. Selbst in der verschlafenen EU soll demnächst darüber geredet werden. Es geht darum, den Handel mit Kryptowährungen, die Transaktionen und die Dienstleistungen darum herum Regeln und Kontrollen zu unterwerfen, den Kundenschutz zu verbessern und den Missbrauch für Geldwäsche und Steuerhinterziehung zu verhindern.

Ob und wie weit das gelingen kann, wird sich zeigen. Die Wege des Kryptogeldes sind tatsächlich schwer zu kontrollieren, nicht nur wegen der Verschlüsselung, sondern auch, weil es von Anfang an global und im Internet zuhause ist. Staatliche Regulierung kann dazu führen, dass sich der Handel einfach in weniger regulierte Länder verlagert.

Doch es gibt noch einen zweiten Grund, weshalb die Vision vom "Geld ohne Staat" wenig Zukunftschancen hat. Er könnte die Welt der Cyberwährungen auf den Kopf stellen. Viele Staaten und ihre Zentralbanken sind nämlich längst dabei, die Innovation der Kryptowährungen für sich zu entdecken.

In Großbritannien wurde im Auftrag der Zentralbank bereits ein Konzept für eine eigene digitale Parallelwährung entwickelt. Dubai plant die Einführung einer staatlichen Kryptowährung namens emCash. Die Zentralbank von Singapur will ebenfalls eine eigene Cyberwährung auf den Markt bringen.

In Russland wird über die Einführung eines Krypto-Rubel als Parallelwährung nachgedacht. Und am eiligsten hatte es der wankende venezolanische Präsident Nicolás Maduro. Er hatte im Dezember die Einführung einer staatlichen Kryptowährung angekündigt, als Alternative zum praktisch wertlos gewordenen Bolívar. Und schon Ende Februar, rechtzeitig vor den anstehenden Präsidentschaftswahlen, startete Maduro seine auf der Ethereum-Plattform entwickelte Digitalwährung "Petro" - stolz darauf, als erster Regierungschef eine staatliche Kryptowährung präsentieren zu können. Dazu später mehr.

In all diesen Plänen handelt es sich um digitale Parallelwährungen. Es geht also nicht - wie manche mutmaßen - darum, über die staatliche Cyberwährung handstreichartig das Bargeld abzuschaffen. Die konventionellen Finanzsysteme mit Zentral- und Geschäftsbanken, Bar- und Giralgeld würden nach diesen Plänen nicht gänzlich durch ein neues, Blockchain-basiertes Finanzsystem verdrängt. Um das Bargeld abzuschaffen, braucht man außerdem keine staatliche Kryptowährung.

Der Markt der Kryptowährungen würde aber entscheidend gedreht. Denn staatliche Kryptowährungen könnten sich mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viel schneller durchsetzen und zu einem Durchbruch des Cybergeldes führen. Auch das hat etwas mit Vertrauen zu tun, nur anders als von den Bitcoin-Erfindern gedacht. Die meisten Bürger und Unternehmen würden - jedenfalls in demokratisch regierten Ländern - einer von ihrer Zentralbank herausgegebenen Cyberwährung mehr Vertrauen schenken als den schwer durchschaubaren und mit unkalkulierbaren Risiken verbundenen nicht-staatlichen Kryptowährungen, die gemessen am Gesamtmarkt bis heute eine Randerscheinung geblieben sind und überwiegend für spekulative oder kriminelle Zwecke genutzt werden.

Ein spezieller Fall ist die Eurozone. Hier haben die teilnehmenden Staaten ihre Währungssouveränität an die EZB abgegeben. Neben dem Euro dürfen sie deshalb keine eigenen staatlichen Währungen haben. Als Estland ankündigte, mit dem "Estcoin" eine eigene Cyberwährung einzuführen, ließ die Reaktion von EZB-Chef Mario Draghi nicht lange auf sich warten. "Die Währung in der Eurozone ist der Euro", stellte er klar. Kein Mitgliedsstaat dürfe eine eigene Währung einführen, auch keine Digitalwährung.

Estland gab daraufhin zunächst klein bei. Doch ein paar Monate später startete der Leiter der estnischen e-Residency-Programms einen neuen Versuch. Der Estcoin, erklärte er, sei zunächst für Ausländer gedacht, die in Estland online ein Unternehmen gründen wollen. Später könnte er dann auch auf Börsen gehandelt werden. Das Thema bleibt also auf dem Tisch. Und spätestens in der nächsten Finanzkrise könnten noch mehr Euroländer ihr Interesse an einer eigenen Kryptowährung entdecken.

Eigene staatliche Cyberwährungen würden den Euroländern ein Stück mehr politische Autonomie und alternative Wege der Staatsfinanzierung eröffnen. So verwundert es nicht, dass einer der ersten Europäer, der sich darüber systematisch Gedanken machte, einen griechischen Namen hat: Yanis Varoufakis. Bereits 2014, also noch vor seiner Zeit als griechischer Finanzminister, entwickelte er auf seinem Blog die Idee einer digitalen staatlichen Parallelwährung für Griechenland.

Sie sollte formal auf Euro lauten, aber weder von der EZB noch durch die Geldschöpfung der Geschäftsbanken reguliert werden können. Auf der Basis eines Bitcoin-ähnlichen Algorithmus würde sie durch eine "von der Regierung unabhängige Institution" überwacht werden. Die Geldmenge sollte in derselben Rate zunehmen wie das Bruttosozialprodukt.

In der dramatischen Krise und den eskalierenden Konflikten mit EU-Institutionen im Jahr 2015 konnte Varoufakis sein Konzept schließlich nicht realisieren. Seinen "Traum von einer monetären Rekonfiguration der EU" [15] mit nationalem, Blockchain-basiertem Cybergeld unter dem Dach eines von der EZB regulierten Krypto-Euro, verfolgt er aber weiter, wie er kürzlich in einem Interview erklärte.

Die Idee hat einen gewissen Charme. Manche mögen in ihr wieder einmal den Anfang vom Ende des Euro sehen. Tatsächlich könnten nationale Cyberwährungen dem Euro eine realistische Zukunftsperspektive zurückgeben. Sie würden den Mitgliedsstaaten mehr politische Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, ohne den Euro und die damit verbundenen wirtschaftlichen Verflechtungen insgesamt in Frage zu stellen. Mit Hilfe eigener Digitalwährungen könnten die Euroländer nicht nur von den neoliberal dominierten Brüsseler Institutionen und den Vorgaben irgendwelcher Troikas unabhängiger werden, sondern auch von den Anleihemärkten und damit von spekulativen Attacken, beispielsweise durch Hedgefonds.

Letzteres gilt selbstverständlich nicht nur für Euroländer. Alle Staaten können sich mit Hilfe eigener Kryptowährungen von den Finanzmärkten und den Geschäftsbanken unabhängiger machen. Über die Blockchain können auch Kredite abgewickelt werden. Damit entfällt nicht nur ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells privater Banken. Diese würden auch ihre Möglichkeiten zur Geldschöpfung zumindest teilweise einbüßen.

Einen ähnlichen Effekt haben natürlich auch nicht-staatliche Kryptowährungen. Auch sie machen Banken tendenziell überflüssig und drängen sie aus ihren Geschäftsfeldern. Doch staatliche Cyberwährungen könnten sich in ganz anderen Dimensionen durchsetzen. Und während nicht-staatliche Kryptowährungen die Politik weiter schwächen, würde das Aufkommen staatlicher Cyberwährungen die Machtverhältnisse zwischen der Politik und den Märkten wieder zugunsten der Politik verschieben, nach Jahrzehnten, in denen der private Finanzsektor durch die Globalisierung einen immensen Machtzuwachs verzeichnete.

Auch Regionen könnten ihre Unabhängigkeit von Zentralstaaten durch Kryptowährungen vergrößern. Im Oktober, als der Konflikt mit dem spanischen Staat eskalierte, hatte die katalanische Regionalregierung die Idee, eine eigene Cyberwährung einzuführen. Ähnlich wie der Estcoin sollte es eine Parallelwährung zum Euro sein, die im Rahmen einer einseitig erklärten Unabhängigkeit eingeführt werden sollte. Offenbar hatten die Katalanen bereits Kontakte mit Estland geknüpft.

Letztlich kam es weder zur staatlichen Unabhängigkeit, noch zu einer eigenen Kryptowährung. Im Sinne einer größeren Autonomie könnte eine regionale Kryptowährung jedoch auch ohne eigenen Nationalstaat eingeführt werden. Sie würde die wirtschaftliche Autonomie der Katalanen und vor allem ihre Unabhängigkeit von den spanischen Banken deutlich erhöhen, ohne in Jahrzehnten gewachsene gesellschaftliche und staatliche Strukturen zu zerreißen.

Kryptische Konkurrenz für den US-Dollar

All das ist noch weitgehend Zukunftsmusik. Auf dem Feld der internationalen Politik stellen Kryptowährungen indessen bereits heute eine handfeste Herausforderung der bestehenden Machtverhältnisse dar. Als in Russland im vergangenen Jahr über Verbote und Blockaden von Krypto-Handelsplätzen diskutiert wurde, äußerte der russische Tech-Unternehmer Pavel Durow seine Kritik daran mit dieser Begründung: "Zum ersten Mal seit 70 Jahren hat das globale Finanzsystem die Chance, die Hegemonie der USA abzuwerfen, welche der Welt ihre nationale Währung als Reserve aufgezwungen hat."

So ähnlich dürfte der russische Präsident Wladimir Putin das auch sehen. In diesem Kontext spielt nicht nur der geplante Krypto-Rubel eine Rolle, sondern auch der mögliche Einsatz von Kryptowährungen im internationalen Handel und auf den Weltfinanzmärkten. Schon seit Jahren versucht die russische Regierung, eine Alternative zum internationalen Zahlungssystem Swift aufzubauen, bisher ohne Erfolg.

Über Swift werden internationale Transaktionen zwischen Banken und anderen Finanzinstituten abgewickelt. Es ist kein Geheimnis, dass dabei regelmäßig vertrauliche Daten an US-amerikanische Behörden, neben dem US-Finanzministerium auch an die CIA, übermittelt werden. Durch Swift kann die US-Regierung eine weitgehende Kontrolle über die globalen Finanzmärkte und damit über den gesamten internationalen Handel ausüben und beispielsweise auch ausländische Institute bestrafen, die sich nicht an US-Sanktionen beteiligen.

Im Zuge des Ukraine-Konflikts und der westlichen Sanktionen gegen Russland kam zudem immer wieder die Forderung auf, die russischen Banken ganz aus dem Swift-System auszuschließen, was einer internationalen Isolierung des russischen Finanzsystems gleichkommen würde.

Auch Swift gehört indessen zu den Intermediären, die durch Blockchain-basierte Zahlungssysteme umgangen werden können. Mit Kryptowährungen lassen sich internationale Finanz- und Handelsgeschäfte problemlos ohne vermittelnde Finanzinstitute abwickeln.

Im Dezember wurde erstmals eine Schiffsladung russischer Weizenexporte in die Türkei mit Bitcoin bezahlt. Die Prime Shipping Foundation, ein Blockchain-Projekt mit Sitz in Gibraltar, wickelte das Geschäft ab. Sie plant, langfristig eine eigene Kryptowährung für den grenzüberschreitenden Handel mit Lebensmitteln einzuführen. Auch mit Sanktionen belegte Staaten könnten damit Lebensmittel importieren.

Mit staatlichen und nicht-staatlichen Kryptowährungen lassen sich alle möglichen Arten von Finanzblockaden umgehen. Das historisch wohl erste Beispiel dafür ist Wikileaks. Nachdem die Enthüllungsplattform 2010 geheime US-Dokumente aus dem Irakkrieg veröffentlicht hatte, kappte die US-Regierung durch Druck auf Banken und Bezahldienste sämtliche Finanzierungswege. Wikileaks bat daraufhin um Bitcoin-Spenden. Das scheint ganz gut geklappt zu haben. In einem ironischen Tweet bedankte sich der Gründer Julian Assange letztes Jahr bei der US-Regierung, da der Bitcoin-Kurs seitdem um über 50.000 Prozent zugelegt habe.

Etwas Ähnliches, wenn auch unter ganz anderen Voraussetzungen, versucht zurzeit der venezolanische Präsident Nicolás Maduro. Mit Hilfe des "Petro" will er die Finanzblockade durchbrechen, mit der die USA das wirtschaftlich ohnehin ruinierte Land zusätzlich strangulieren. Der Wert des Petro soll sich am Ölpreis orientieren und durch die Ölreserven im Orinoco-Fördergebiet gedeckt sein. So will Maduro vor allem das Vertrauen internationaler Investoren gewinnen.

Das Problem ist, dass Maduro das Vertrauen der Bevölkerung Venezuelas größtenteils verloren hat. Er hat das gewählte Parlament entmachtet und regiert zunehmend wie ein Diktator. Ob eine staatliche Cyberwährung unter solchen Bedingungen erfolgreich sein kann, ist zumindest zweifelhaft. Solange die Bevölkerung kein Vertrauen in den Staat hat, wird sie ihr Einkommen weiterhin in Bitcoin und US-Dollar in Sicherheit bringen und den Petro meiden.

Das Beispiel Venezuela zeigt jedoch, wie sich internationale Machtstrukturen durch staatliche Cyberwährungen verschieben. Anders als viele Venezolaner zeigte sich die US-Regierung von Maduros Petro nicht amüsiert. Nachdem Maduro verkündet hatte, mit internationalen Investoren zu verhandeln, drohte sie, wer Petros kaufe, verletze die US-Sanktionen. Doch wird es den USA gelingen, die Namen der Investoren herauszufinden?

Je stärker sich Kryptowährungen im internationalen Handel und als Staatsgeld durchsetzen, desto mehr schrumpfen die Möglichkeiten der USA, missliebige Staaten und Organisationen durch Finanzblockaden zu strangulieren. Gleichzeitig verliert der US-Dollar dabei unweigerlich seine Rolle als Weltleitwährung. Die ohnehin bröckelnde Hegemonialposition der USA wird durch Kryptowährungen weiter geschwächt.

Überraschende Perspektiven für Bitcoin und Co. Es ist nicht genau das, was den Erfindern vorschwebte, als sie vor zehn Jahren die Geschichte der Kryptowährungen starteten. Keine "finanzielle Freiheit" für Freaks und Milliardäre. Kein Geld, das ohne Vertrauen funktioniert. Aber einige der Werte, die den Bitcoin-Revolutionären am Herzen lagen, finden sich in dieser Zukunftsperspektive wieder, wenn auch anders als gedacht - Dezentralisierung, Enthierarchisierung, Demokratisierung.

In der internationalen Politik führen staatliche und nicht-staatliche Kryptowährungen zu einer Enthierarchisierung, indem sie die Hegemonialmacht USA ihrer finanziellen Erpressungsinstrumente berauben. Im Euroraum und für Regionen könnte das Cybergeld für eine Dezentralisierung der Macht genutzt werden. Und auf der globalen Ebene könnte staatliches Kryptogeld die Handlungsfähigkeit der Politik gegenüber den Märkten wieder vergrößern und dadurch die Demokratien stärken.

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