BlackRock & Co. enteignen!

Werner Rügemer über die Macht von Finanzinvestoren, eine neue Phase des Kapitalismus und die stille Macht der neuen Finanzelite

Interview mit dem Kölner Publizisten und "interventionistischen Philosophen", wie Werner Rügemer sich selbst bezeichnet, über sein neues Buch, dessen Titel sich an die Berliner Initiative "Deutsche Wohnen & Co. enteignen" anlehnt: "BlackRock & Co enteignen. Auf den Spuren einer unbekannten Weltmacht". Damit möchte er die viel zu wenig bekannten Finanzgiganten BlackRock, Vanguard, State Street & Co. ins Licht der Öffentlichkeit und Politik rücken.

Sie haben zusammen mit Peter Grottian (1942-2020) das BlackRock-Tribunal initiiert, das im September 2020 in Berlin stattgefunden hat. Warum gerade BlackRock? Was ist das Besondere an diesem Finanzinvestor?

Werner Rügemer: BlackRock ist der größte dieses neuen Typs von Kapitalorganisatoren, die spätestens seit der Finanzkrise von 2007 nach den USA auch in der EU, in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Schweiz usw. die führenden Eigentümer der großen Banken und Unternehmen geworden sind.

Die Öffentlichkeit, auch die "kritische", darunter solche Organisationen wie Attac und die Partei Die Linke, hängen immer noch am alten Bild, dass "die Banken" die wichtigsten Akteure in der Finanzwelt sind.

Dabei aber sind BlackRock & Co. heute die führenden Eigentümer von Goldman Sachs, ING, Société Générale, Deutsche Bank, Commerzbank. BlackRock ist zudem gleichzeitig Miteigentümer von 18.000 Unternehmen im US-geführten westlichen Kapitalismus. Ein solches Monopol gab es noch nie.

Wie viele Anteile halten denn diese führenden Eigentümer, dass sie solche Macht haben?

Werner Rügemer. Bild: RMB Wiki / CC-BY-SA-4.0

Werner Rügemer: BlackRock & Co. sind nur im einstelligen Prozentbereich beteiligt. Aber schon ab zwei bis ausnahmsweise mal zehn Prozent sind sie heute trotzdem schon Großaktionäre. In der Öffentlichkeit haben sich bis heute die alten Verhältnisse aus der vorherigen Phase des Kapitalismus verfestigt, als Deutsche Bank & Co. 30 oder gar 50 Prozent der Aktien an Unternehmen wie Mannesmann, Siemens oder am Baukonzern Holzmann hatten.

So war das mal in der alten "Deutschland AG". Aber die wurde wie in den anderen wichtigen westlichen Staaten ab Anfang der 2000er Jahre schrittweise aufgelöst. Zur "Agenda 2010" der SPD-Grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer gehörte die "Entflechtung der Deutschland AG". Damals kamen als erste die kleineren US-Investoren des anderen neuen Typs zum Zuge, die Private Equity-Investoren, damals auch "Heuschrecken" genannt.

Sie heißen Blackstone, Permira, Fortress, KKR usw. und kauften hunderttausende öffentliche Wohnungen in Berlin, Dresden, Düsseldorf, Hamburg, Bremen, kauften tausende gutgehende mittelständische Unternehmen und zogen Gewinne ab.

Und danach kamen BlackRock &Co. und fassten zum Beispiel die schon privatisierten Wohnungen zu den heutigen Wohnungskonzernen Vonovia, Deutsche Wohnen, LEG, Grand City Properties und TAG zusammen.

Sie halten Anteile dieser Wohnungskonzerne, aller 30 Dax-Konzerne und hunderter weiterer wichtiger Unternehmen. BlackRock & Co. sind Großaktionäre, weil etwa ein Dutzend dieser Kapitalorganisatoren mit solchen Anteilen von zwei bis zehn Prozent heute gleichzeitig die jeweils führende Gruppe der Aktionäre bilden, in wechselnder Zusammensetzung. Nach und mit BlackRock sind dies die etwas kleineren Vanguard, State Street, Capital World, T. Rowe Price, Wellington, Dimensional Fund, Amundi, Norges, Temasek usw.

Und die sind auf unterschiedliche Weise miteinander verflochten: Die nächstgrößeren Kapitalorganisatoren Vanguard, State Street, Capital World, Temasek und Norges sind nämlich mit zwei bis zehn Prozent Aktionäre von BlackRock.

Und auch andersherum: Am zweitgrößten dieser Investoren, Vanguard, sind wiederum BlackRock, Dimensional Fund, T. Rowe Price, Wellington und State Street etc. mit Anteilen zwischen 2,2 und ausnahmsweise sogar 13 Prozent beteiligt.

So geht es mit dieser Art Verflechtung zwischen diesen Investoren weiter. So sind heute etwa ein Dutzend dieser untereinander verflochtenen Investoren immer gleichzeitig die größte Eigentümer-Gruppe in einer Bank und einem Unternehmen und bestimmen die Richtung.

Woher kommt das Geld von BlackRock & Co.?

Werner Rügemer: Es kommt wie bei den anderen neuen Typen der Kapitalorganisatoren – Private Equity/"Heuschrecken", Hedgefonds, Start-Up-Investoren - von den Superreichen dieser Welt, von Multimillionären, Multimilliardären, von Unternehmensstiftungen, Versicherungen, Pensionsfonds.

Auch ein erfolgreicher deutscher Mittelstandsunternehmer, der pro Jahr einen Gewinn von drei Prozent macht, investiert etwa die 50 Millionen nicht in seinen Betrieb, sondern überweist sie lieber an BlackRock & Co., weil die zwischen sieben und zwölf Prozent Gewinn herausholen.

Das hängt mit den extremen, nicht regulierten Praktiken von BlackRock & Co. zusammen, die offiziell als "Schattenbanken" gelten und viel mehr Freiheiten haben als traditionelle Banken und Vermögensverwalter.