Blackout in Venezuela: Sabotage oder heruntergewirtschaftete Infrastruktur?

"Dieser Stromausfall ist der Beweis für die Unafähigkeit des Usurpators. Die Wiederherstellung des Stromsektors und des Landes erfolgt durch das Ende der Usurpation", so Guaidó. Bild: Twitter-Account von Guaidó

Oppositionsführer ruft heute wieder zu Massenprotesten auf und versucht, mit dem Stromausfall, der weite Teile des Landes lahmlegte, Stimmung gegen die Maduro-Regierung zu schüren

Der venezolanische Präsident Nicolas Maduro war schnell bei der Hand, als die Stromversorgung in weiten Teilen des Landes, in Caracas und im brasilianischen Bundesstaat Roraimaam Donnerstag zusammenbrach. Betroffen ist die Stromversorgung durch das große Wasserkraftwerk Central Hidroeléctrica "Simón Bolívar" mit dem Guri-Staudamm im Bundesstaat Bolivar. Das Kraftwerk, meist Guri genannt, ist eines der größten Wasserkraftwerke der Welt, entsprechend abhängig ist Venezuela von dem zentralen Stromversorger und entsprechend groß sind auch die Folgen, wenn er ausfällt.

Maduro sprach gleich von einem jetzt "elektrischen Krieg" der USA gegen Venezuela, schon lange bezichtigte er die USA, einen "Wirtschaftskrieg" gegen das Land und seine Regierung zu führen. Das ist in der Tat der Fall, da die USA-Regierung mit Sanktionen die Regierung in die Knie zwingen und einen Regime Change bewirken will, wobei in Kauf genommen wird, dass dies Folgen für die gesamte Bevölkerung hat, was aber nur Maduro in die Schuhe geschoben wird. Erst langsam schaffen es die Behörden, die Stromversorgung nach und nach wiederherzustellen, wie in einigen Teilen von Caracas.

Die Angst vor Kriminalität ist in einer der gefährlichsten Städte groß. Aber es ist ein Szenario, wie es im Drehbuch eines Cyberwar oder eines EMP-Angriffs geschildert wird, hier besonders leicht durch die zentrale Stromversorgung ermöglicht. Viele Krankenhäuser wurden ausgeschaltet, Operationen oder auch lebenswichtige Versorgung sind oft nicht mehr zu leisten, der Verkehr brach ebenso zusammen wie die Telefonnetze und das Internet. Viele Geschäfte sind geschlossen, die Straßen leer, mitunter laufen die Menschen schon auf Töpfe schlagend protestierend umher. Schulen blieben geschlossen. Auch viele Tankstellen funktionieren nicht mehr. Bei den noch geöffneten haben sich große Schlangen gebildet, weil das Benzin auch für Generatoren gebraucht wird. Bei alledem scheinen die Menschen bislang weitgehend ruhig zu sein. Ein Problem ist, dass die von den Sanktionen schon schwer getroffene Ölproduktion durch den Stromausfall direkt betroffen ist, was die Einkünfte weiter einbrechen lassen könnte.

Auffällig ist schon, dass jetzt, wo Washington einen Regime Change mit dem selbsternannten Gegenpräsidenten Juan Guaidó durchsetzen will, was bislang aber wenig Erfolg hatte, das Land durch ein Blackout lahmgelegt wird, was natürlich die Stimmung gegen die Maduro-Regierung schürt. Und das im Vorlauf zu den geplanten neuen Protestkundgebungen, die heute stattfinden sollen, dem dritten großen Versuch, einen Konflikt zwischen Oppositionellen und der Staatsmacht zu provozieren, um den Umsturz zu bewirken.

"Das usurpatorische Regime hat unser Land in Dunkelheit gestürzt"

Guaidó nutzt den Blackout aus, um die Menschen zu mobilisieren. Das ganze Volk soll sich den Protesten gegen das "korrupte und unfähige usurpatorische Regime" anschließen, "das unser Land in Dunkelheit gestürzt hat. Das Ende der Usurpation wird das Ende der Dunkelheit sein." Nun kann sich der von den USA und der Koalition der Willigen unterstützte Gegenpräsident zum Symbol für die Notwendigkeit der Aufklärung und erneut als Heilsbringer gerieren. Er wiederholte die Behauptung, obgleich starke Zweifel bestehen, dass "Maduro und sein Regime Medikamente und Lebensmittel verbrennen" ließen, um das noch zu übergipfeln, dass sie "heute Neugeborene" wegen des Stromausfalls "töten".

Gegen die Mobilisierung von Guaidós Anhängern versucht die PSUV ebenso heute ihre Anhänger zu mobilisieren und auf die Straßen zu bringen, um gegen die "Aggression" zu protestieren.

In einem Staccato an Tweets versucht Guaidó den Stromausfall zu seinen Gunsten zu nutzen. Zwar scheint er Zugang zu Strom und Internet zu haben, die Frage aber ist, wie viele der Venezolaner seine Botschaften überhaupt mitkriegen. Zumindest kommt es ihm und seinen Unterstützern in den USA zupass, so dass der Gedanke nicht vollständig abwegig ist, dass der Blackout durch Sabotage entstanden sein könnte, um an diesem Wochenende nach den beiden gescheiterten Anläufen zu einem Erfolg zu kommen. John Bolton argumentiert ähnlich, wenn auch nicht so zugespitzt wie Guaidó, indem er den Blackout auf das korrupte Regime zurückführt, das zu wenig in die Infrastruktur investiert habe. Ebenso Elliott Abrams, der auf einer Pressekonferenz jede direkte oder indirekte Verantwortung der USA zurückwies. Senator Marco Rubio betätigt sich weiter als Scharfmacher.

Die Ursache des Stromausfalls ist offenbar noch nicht klar. Es scheint nicht ein Problem im militärisch geschützten Kraftwerk selbst zu sein, sondern am Stromnetz zu liegen. Der staatliche Stromversorger Corpolec hatte gestern mitgeteilt, dass ein Waldbrand für den Stromausfall verantwortlich sei, der die Hochspannungsleitungen zwischen Guri und Malena unterbrochen habe. Das habe den Ausfall der Turbinen im Wasserkraftwerk Guri und der Kraftwerke Caruachi und Macagua verursacht. Das kann Sabotage sein oder auch nicht.

Der Minister für Kommunikation, Tourismus und Kultur, Jorge Rodríguez, hat am Samstag hingegen gesagt, es sei die automatische Steuerungskontrolle des Kraftwerks angegriffen und die Software zur Regulierung der Generatoren manipuliert worden. woraufhin diese sich sicherheitshalber abgeschaltet hätten. Es habe sich um eine "kybernetische Sabotage" gehandelt. Er bezichtigte den Senator Rubio, in die Sabotage verwickelt zu sein, weil er schon Minuten nach dem Stromausfall dies mitgeteilt hatte. (Florian Rötzer)

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