Die Fernseh-Berichterstattung: agitatorisch, propagandistisch und desinformativ

Wie charakterisieren Sie die Entwicklung, Herr Bräutigam?
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Volker Bräutigam: Die Fernseh-Berichterstattung hat mir oft zu viel Schlagseite: Eurozentristisch mit einem starken Hang zu US-liebedienerischer Darstellung, regierungsfromm mit Blick auf Berlin, antirussisch und antichinesisch, ignorant gegenüber geopolitischen Entwicklungen, unvollständig und tendenziös in ihren Bildern aus Lateinamerika, noch defizitärer hinsichtlich aller Afrika betreffenden Nachrichten, agitatorisch, propagandistisch und desinformativ.
Das klingt nach einer Berichterstattung, bei der so ziemlich alles falsch läuft. Aber bis jetzt sind das erstmal Behauptungen. Wie begründen Sie Ihre Aussagen?
Volker Bräutigam: Beginnen wir bei der Sprache, der Wortwahl. Beispiel: Die häufig genannte "internationale Gemeinschaft", obwohl darunter außer den USA meist nur Europäer und noch ein paar wenige anglophone Vasallenstaaten zu verstehen sind. Aber dem Publikum wird der Eindruck vermittelt, fast alle Völker der Welt seien gemeint.
Tatsächlich wird eine Sichtweise präsentiert, die von der großen Mehrheit der Weltbevölkerung unter keinen Umständen geteilt wird: Die barbarische Rolle des Internationalen Währungsfonds wird in der asiatischen Welt nicht gewollt, die noch alles beherrschende Funktion des Petrodollars von den BRICS-Staaten angegriffen, der vorgebliche Kampf um Menschenrechte und Demokratie wird in der arabischen Welt, der afrikanischen, der lateinamerikanischen Welt als gewaltsamer Eingriff ins Selbstbestimmungsrecht und als Raubzug um Ressourcen erkannt.
Friedhelm Klinkhammer: Da kann man noch mehr anführen. Denken Sie doch nur an das jahrelange Putin-Bashing, das war eine gemeinsame Veranstaltung aller deutschen Mainstream-Medien, ohne Sinn, Verstand und Niveau. Selbst nicht repräsentative und damit nichtssagende Straßeninterviews mussten dafür herhalten, Russland als menschenrechtsfeindliches Bollwerk und Putin als wilden Häuptling zu präsentieren. Oder der German-Wings-Selbstmord: Jede Einzelheit wurde in grässlichem Boulevard-Stil serviert, aber die wesentliche Frage, warum die ärztlichen Vorsorgemaßnahmen versagten, bleibt weitgehend ausgeblendet.
Womit wir dann wohl bei Ihren Programmbeschwerden wären. Immer wieder haben Sie Kritik an der Berichterstattung zur Krise in der Ukraine und dem Krieg in Syrien geäußert. Was ist Ihnen denn als besonders schlimm aufgefallen?
Volker Bräutigam: Ich beschränke mich auf den desinformatorischen und nur propagandistischen Zielen dienlichen Gebrauch von Kampfbegriffen.
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Desinformatorische und propagandistische Kampfbegriffe?
Volker Bräutigam: Ja, sicher. Achten Sie doch mal auf den Begriff "Prorussische Separatisten".
Was ist damit?
Volker Bräutigam: Darin steckt doch gröbste Irreführung. Die Menschen in der Ostukraine sprechen zwar zumeist Russisch und fühlen sich den Nachbarn in Russland verbunden. Sie verstehen sich aber als Ukrainer. Eine Abtrennung ihrer Regionen und Anschluss an Russland haben sie weder propagiert noch wurde das von Russland gefördert. "Prorussisch" ist also irreführend, "Separatisten" genauso. Sie wollten, und zwar abgestoßen von der korrupten Putschregierung in Kiew, mehr Selbstverwaltung, mehr Autonomie. Die einzig korrekte Bezeichnung für sie war und ist: "Ostukrainer", gegebenenfalls "ostukrainische Autonomisten". Statt Autonomieangeboten verpasste Kiew ihnen Bomben und Granaten.
Führende Redakteure in den großen Medien sehen die Dinge anders als Sie.
Friedhelm Klinkhammer: Die sehen so manches anders. Ich erinnere an die Unterscheidung zwischen den Radikalen vom Rechten Sektor und den regierungskritischen Demonstranten. In der Berichterstattung wurde diese Unterscheidung verwischt. Im ARD-Sprachgebrauch hießen die Faschisten: Milizen, Kämpfer oder Aktivisten.
Würden Sie eine Ihrer Beschwerden mal für uns skizzieren?
Friedhelm Klinkhammer: Ein Beispiel: Das "Handelsblatt" berichtete am 14.8.2014 : "Neonazis bei Kämpfen in der Ostukraine getötet." Beim NDR hieß es dagegen: "12 regierungstreue Kämpfer" seien in einen Hinterhalt geraten und von Separatisten getötet worden. Ich schrieb an die Rundfunkratsvorsitzende und kritisierte, dass mit dieser Sprachregelung die Verharmlosung der Rechtsradikalen in der Ukraine dokumentarisch werde: "Diese unterschiedliche Sprachregelung (im Vergleich zum 'Handelsblatt') legt die Vermutung nahe, dass der 'öffentlich-rechtliche Rundfunk' vertuschen möchte, dass der West-Vorzeige -Demokrat Poroschenko mit schweigender Billigung durch die Bundesregierung Nazi-Truppen an der 'Befreiung der Ostukraine' teilnehmen lässt... Ist das vereinbar mit den offiziellen deutschen Bekundungen (...), man stünde entschlossen gegen alles Rechtsradikale?"
Wie war denn die Reaktion?
Friedhelm Klinkhammer: Mit sehr freundlichen Worten schrieb mir die Vorsitzende des Rundfunkrates, dass sie Herrn Gniffke um Stellungnahme gebeten habe. Seine Antwort: "In der Sache hat die Redaktion eine von Ihrer Wahrnehmung abweichende Einschätzung. Sie kann aus der Formulierung kein Anzeichen für Verharmlosung oder Geschichtsvergessenheit erkennen. Dass das 'Handelsblatt' das Ereignis mit anderer Pointierung beschreibt, spricht nicht zwingend für ein Versäumnis der ARD-Kolleginnen und -Kollegen. ARD-aktuell hat schon mehrfach über die Rolle der Azow-Brigaden im Ukraine-Konflikt berichtet, auch darüber, dass sich dort viele Rechtsradikale finden."
Mit der Antwort haben Sie sich aber nicht zufriedengegeben?
Friedhelm Klinkhammer: Natürlich nicht. Ich startete einen zweiten Versuch: "Das Bataillon 'Asow' z.B." - schrieb ich - "gilt eindeutig faschistisch ausgerichtet. Es verwendet nationalsozialistische Symbole. Der Führer der Einheit, Andrij Bilezki, sagte unter anderem: 'Der historische Auftrag unserer Nation in diesem kritischen Augenblick ist es, die weißen Rassen der Welt anzuführen in einem finalen Kreuzzug für das Überleben ... ein Kreuzzug gegen die von Semiten angeführten Untermenschen.'"
Auch dieser Versuch, die Verantwortlichen bei der ARD von meiner Position zu überzeugen, war erfolglos.
Wie erklären Sie sich das?
Friedhelm Klinkhammer: Zum einen wird deutlich, dass der Rundfunkrat sich von Dr. Gniffke vorschreiben lässt, wie Stellungnahmen aussehen müssen, salopp gesagt: Es wird der Bock zum Gärtner gemacht. Sicherlich zeigt das keinen bösen Willen des Rundfunkrates, sondern eher fachliche Unsicherheit und fehlende Bereitschaft, sich offensiv mit Fehlern des NDR auseinanderzusetzen.
Eine kritische Position gegenüber den NDR-Programmverantwortlichen würde mit Sicherheit intern Spannungen erzeugen, was der Harmonie untereinander auf Dauer kaum zuträglich wäre. Da die Ablehnung einer Programmbeschwerde andererseits für alle folgenlos ist, auch für den Rundfunkrat, wählt man den bequemen Weg und vermeidet Kritik.
Nicht auszuschließen ist aber auch, dass die Rundfunkräte tatsächlich von dem überzeugt sind, was Gniffke ihnen darlegt. Vergleicht man die breite öffentliche Aufregung um die rechtsorientierte AfD mit der geradezu pfleglichen Einschätzung der ukrainischen Faschisten, ist man nur noch angewidert über die Heuchelei von Politikern und Medien.
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