"Die Redaktion hat ihre Richtlinien in Bezug auf die Verwendung des Ausdrucks 'gemäßigte Rebellen' nicht geändert"

In Ihren Beschwerden haben Sie auch die Bezeichnung "moderate Rebellen" im Zusammenhang mit der Syrienberichterstattung kritisiert. Was stört Sie an dieser Formulierung?
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Volker Bräutigam: Das Wort "Rebell" ist Schönfärberei, der Begriff "moderate Rebellen" eine contradictio in adiecto, ein Widerspruch in sich. "Rebell" ist nicht neutral konnotiert, sondern positiv. Man denke an Robin Hood, an Karl Moor, an Wilhelm Tell, vielleicht auch Michael Kohlhaas; in neuerer Zeit an Figuren wie den "Rebell vom Remstal", an Menschen also, die sich gegen eine gewaltsame oder als ungerecht verstandene Herrschaft auflehnen. "Moderat" heißt: allem Extremen abgeneigt, um Verständigung bemüht.
Mittlerweile wird jeder halbwegs Kundige bestätigen: Bei den Terroristen sind keine Freiheitskämpfer zu finden, Moderate erst recht nicht, sondern nur Verfechter übelster islamistischer Gewaltherrschaft und eine vollkommen ideologiefreie mörderische Soldateska. Ob IS, al-Qaida, deren Ableger al-Nusra, die Ahram-al-Scham oder wie sie sonst noch heißen mögen: Alle haben Blut an den Händen.
Wenn ich aus der Tagesschau in einer Syrien-Nachricht "gemäßigte Rebellen" hörte, hätte ich jedes Mal am liebsten nach Hamburg gebrüllt, die Redaktion solle doch mal ein Interview mit einer vergewaltigten, verstümmelten Frau und mit gefolterten Kindern machen oder gleich ein paar abgeschnittene Köpfe fragen, ob ihnen der moderate Rebellenstil nicht auch aufgefallen sei. Was für einen schändlichen Kurs hier das "Flaggschiff der ARD" fährt, die Redaktion von Tagesschau, Tagesthemen &Co!
Sie haben den Verantwortlichen also mitgeteilt, dass die Bezeichnung nicht in Ordnung geht?
Volker Bräutigam: Ja, sofort, als der Begriff unmittelbar nach Beginn der russischen Intervention in der ARD-aktuell-Berichterstattung auftauchte. US-Außenminister Kerry sprach Anfang Oktober vorigen Jahres von "moderate insurgents", ein Begriff, den alle westlichen Medien sofort wie ein Göttergeschenk übernahmen, um in der Folge das russische Eingreifen zu diskreditieren.
Wie war die Redaktion diese Mal?
Volker Bräutigam: Gniffke deutete ein wenig Nachdenklichkeit an: Man müsse und wolle über die Sprachregelung intern beraten.
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Immerhin. Die Reaktion ist doch nicht schlecht.
Volker Bräutigam: Bitte? Was gibt es da noch lange "intern zu beraten"? Ich vergleiche die Reaktion von Gniffke mal mit der vom Radio-Programm NDR-Info. Dort haben die Verantwortlichen nämlich gleich professionell reagiert. Ich zitiere: "Die Verwendung dieses von westlichen Staaten geprägten Begriffs ("moderate Rebellen") erfolgte im Kontext des erhobenen Vorwurfs. Die Redaktion hätte dies noch deutlicher herausarbeiten können, beispielsweise durch den Zusatz "Rebellen, die von den USA/dem Westen als gemäßigt bezeichnet/eingestuft werden."
Das Problem wurde also erkannt.
Friedhelm Klinkhammer: Aber Auswirkungen hatte dieses Eingeständnis nicht. Es blieb bei der transatlantischen Kerry-Version der "moderaten Rebellen". Die jüngste Antwort Gniffke zu der Sache bestätigt den Verdacht einer abgesprochenen ARD-internen Sprachregelung. Ich zitiere:
"Die Redaktion hat ihre Richtlinien in Bezug auf die Verwendung des Ausdrucks "gemäßigte Rebellen" nicht geändert. In Meldungen und Berichten zum Syrien-Konflikt werden wir die Bezeichnung auch weiterhin verwenden und zwar in dem bereits in anderen Programmbeschwerden angeführten Zusammenhang: Die gemäßigten Rebellen kämpfen unter anderem gegen die Terrororganisation IS, lehnen eine Präsidentschaft von Baschar al-Assad ab und wollen demokratische Strukturen in Syrien schaffen. Sie agieren dabei in begrenzten Territorien und versuchen die Zivilbevölkerung weitestgehend von Gewalt auszunehmen. Der Begriff bezieht sich also auch auf die politische Komponente des Krieges und nicht auf die rein militärische. In diesem Zusammenhang weisen wir erneut darauf hin, dass die Lage im Bürgerkriegsland Syrien mehr als unübersichtlich ist. Es gibt eine Vielzahl von oppositionellen Gruppen, einige gelten als moderate Gegner des Assad-Regimes, andere sind radikal-islamistisch und werden von den UN ebenso wie der IS als Terroristen eingestuft. Wir werden auch weiterhin keine Unterscheidung zwischen "guten" und "bösen" Rebellen machen. Den Vorwurf der "Verharmlosung" weisen wir zurück."
Damit wird faktisch konzediert, dass man die Reihen mit allen transatlantischen Medien und dem US-Minister Kerry schließt, um die Propagandaformel nicht infrage zu stellen, selbst wenn die militärische Kollaboration mit der Terrormiliz Al-Nusra-Front besteht.
Wenn man sich Ihre Programmbeschwerden anschaut, kann festgestellt werden, dass Ihre Kritik sich immer wieder auch an der in den Nachrichtensendungen verwendeten Sprache festmacht. Gibt es da ein grundsätzliches "Sprachproblem"?
Volker Bräutigam: Mehrere grundsätzliche Probleme. Eines liegt darin, dass ARD-aktuell seine Informationen hauptsächlich aus drei Quellen bezieht: den Nachrichtenagenturen dpa/AP, Reuters und AFP: Eine deutsche, eine US-amerikanische, eine britische und eine französische. Sie konkurrieren miteinander um Geschwindigkeit bei der Nachrichtenübermittlung, aber nicht unbedingt um höhere Qualität, häufig bilden sie Pools oder schreiben voneinander ab.
Das Textmaterial ist von mäßigem, oft sogar außerordentlich fehlerhaftem Deutsch. Wer möglichst schnell "auf dem Markt" sein will, kann keinen Zeitaufwand für geschliffene saubere Sprache treiben. ARD-aktuell verwendet rechnergesteuerte Textverarbeitungssysteme. Der ein Nachrichtenthema bearbeitende Redakteur kann gerade noch einige wenige für wesentlich erachtete Textpassagen auf dem Schirm auswählen, sie neu zusammenstellen und mit ein paar Schnörkeln zusammenkleben.
Also der Faktor Zeit macht sich deutlich bemerkbar.
Volker Bräutigam: Die fehlende Zeit ist eines der großen Problem. Ruhe, sich gründlich Gedanken über das Nachrichtenangebot zu machen, ins Archiv zu steigen, in die Bibliothek, nachzulesen, Telefonanrufe zu machen und Fachleute zu befragen, ordentlich zu recherchieren, die hat der Redakteur nicht. Zu meiner Zeit hat die Redaktion pro Tag maximal sieben Sendungen gebracht, drei Schichten haben daran gearbeitet. Heute gibt es die "Nachrichten in hundert Sekunden" und "Nachrichten im Viertelstundentakt", im Ersten Deutschen Fernsehen fast stündlich eine Tagesschau-Ausgabe.
Ein Kollege hat mal folgenden Vergleich bemüht: Die Tagesschau war mal eine Konditorei. Jetzt ist sie eine Semmelfabrik.
Wie erklären Sie sich, dass umstrittene Begrifflichkeiten in den Nachrichten zu finden sind?
Volker Bräutigam: Die Tagesschau ist eher selten Schöpfer bzw. Erstanwender der fragwürdigen Begriffe. Die entstammen zumeist den Agenturtexten. Wenn Chefredakteur Gniffke behauptet, er und seine Redaktion bekämen keine Ausdrucksweise vorgeschrieben, dann lügt er damit nicht unbedingt. Er tut nur nichts Merkliches gegen den inflationären Sprachmissbrauch in seinen Sendungen. Aber, wenn wir uns hier schon mit der Sprache auseinandersetzen, möchte ich auch noch etwas zur "Annexion" der Krim sagen.
Es gab eine Annexion. Darüber herrscht weitestgehend Einigkeit in den Medien.
Volker Bräutigam: Langsam bitte. Der Begriff wird verwendet, obwohl erhebliche Zweifel daran bestehen, dass eine gewaltsame Besetzung und zwangsweises Einverleiben stattfanden. Es gibt keine weltweit einheitliche Rechtsmeinung zum Fall der Krim.
Erst nach dem Putsch in Kiew und dem Beschluss des neuen, von Faschisten beeinflussten Regimes, die russische Sprache zu verbieten, veranstaltete die zu 90 Prozent russische Bevölkerung der Krim ihre Abstimmungen und entschied sich mit überwältigender Mehrheit für eine Lösung von der Ukraine sowie in einer zweiten geheimen Wahl für den Aufnahmeantrag an die Russische Föderation. Man kann keinesfalls einfach behaupten, Russland habe die Krim annektiert. Die Tagesschau hat nicht unter Berücksichtigung all dieser Aspekte neutral berichtet. Sie hat die Berliner Diktion übernommen und Putin zum Dämon stilisiert.
Haben Sie einen Ratschlag für die Zuschauer? Wie können dieses sensibilisieren, um mit den an sie herangetragenen Worten und dem "wording" kritisch umzugehen?
Volker Bräutigam: Ich meine nicht, dass die Zuschauer Ratschläge benötigen. Sie sollen und könnten selbst entscheiden, wann es ihnen zu viel ist, wann sie ihren Anspruch auf seriöse Information missachtet sehen. Dann sollten sie sich förmlich beschweren, soweit es ARD-aktuell betrifft, Tagesschau und Tagesthemen, beim Rundfunkrat des NDR in Hamburg. Sendedatum und Uhrzeit angeben, das Thema des Beitrags und eine kurze Begründung, inwiefern ein Verstoß gegen die Staatsvertragsregeln vorliegen könnte.
Und woran können die Zuschauer das bemessen?
Volker Bräutigam: Ganz einfach: Schauen Sie mal nach, was unsere Nachrichten darstellen müssten, wenn sie die Programmrichtlinien im Staatsvertrag einhalten würden: Einen objektiven und umfassenden Überblick über das internationale Geschehen geben. Die internationale Verständigung fördern. Für die Friedenssicherung und den Minderheitenschutz eintreten. Zur Wahrheit verpflichtet sein. Nicht einseitig einer Partei oder Gruppe oder einer Weltanschauung dienen. Dem Gebot journalistischer Fairness entsprechen. Sachlich und umfassend unterrichten und damit zur selbständigen Urteilsbildung beitragen. Sie müssen unabhängig und sachlich sein. Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen. Schön, nicht?
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