"Bleiben Sie ARD-aktuell gewogen"

"Saubere Information ist konstitutiv für unsere demokratische Verfassung"

Wagen Sie doch bitte mal einen Ausblick: Wird sich an der Berichterstattung etwas ändern?
Friedhelm Klinkhammer: Änderungen sind erfahrungsgemäß immer dann möglich, wenn sich der gesellschaftliche Druck gegen Missstände erhöht, in diesem Fall mit inhaltlicher Kritik und organisiertem Unmut gegen missbräuchlichen Journalismus. Inwieweit das möglich ist und ob sich Entsprechendes entwickeln wird, weiß ich nicht. Für Einzelkämpfer wie uns gibt es enge Grenzen.
Was als erster Schritt notwendig wäre: Herstellung von Öffentlichkeit bei den Beratungen des Rundfunkrates mit Fragemöglichkeit des Publikums (z.B. im Format "Jung und naiv"). Ideal wäre eine externe Konfliktregulierung, obwohl damit die Gefahr der sachwidrigen Einflussnahme auf dieses Institut noch nicht gebannt wäre; die Zweifel an der Objektivität von Entscheidungen über Programmbeschwerden ließen sich aber vielleicht relativieren. Gleichviel, jeder Versuch, Bewegung in die Angelegenheit zu bringen, wäre der Mühe wert und ist ein Gewinn.
Wie sieht Ihr Ausblick aus, Herr Bräutigam?
Volker Bräutigam: Ich will keinen Ausblick, sondern etwas zu wünschen wagen.
Nämlich?
Volker Bräutigam: Dass Einsicht einkehrt in Politik und Gesellschaft, dass sich unser Informationswesen auf grundfalschem Pfaden befindet. Damit Konsequenzen daraus gezogen werden, dass saubere Information konstitutiv ist für unsere demokratische Verfassung. Niemand kann eine vernünftige Meinung, ein stimmiges Weltbild, ein brauchbares Urteil entwickeln, wenn er nicht über seriöse und zutreffende Informationen verfügt. Viele aktuelle Fehlentwicklungen in unserer Politik und Gesellschaft sind auf unzulängliche und falsche Information zurückzuführen. Unser Informationswesen müsste von allen Einflüssen befreit werden, die sich negativ auf die Qualität der Nachrichten auswirken.
Wie soll das aussehen?
Volker Bräutigam: Hilfreiche Veränderungen wären, den Rundfunkanstalten eine externe, unabhängige Programmaufsicht beigeben. Transparenz bei deren Kontrollarbeit. Über Publikumsbeschwerden nicht den Intendanten und erst recht nicht den quasi beklagten Chefredakteur mitreden lassen. Nicht die vom betroffenen Sender pauschal bezahlten Rundfunkrats-Honoratioren hinter verschlossenen Türen, erst nach monatelangem Zeitverzug, auf Basis der hausinternen Darstellungen entscheiden lassen. Wenn unabhängige Mediengerichte die Beschwerden öffentlich beraten und unmittelbar und aus eigener Anschauung und Überlegung beurteilen könnten, dann wären wir einen riesigen Schritt weiter.
Und da wir schon kommerzielle Rundfunkanbieter zugelassen haben, sollte einmal kritisch darüber diskutiert werden, ob sie aufgrund ihrer Profitorientierung überhaupt die Kompetenz für objektive Informationssendungen erbringen können. Es wäre darüber zu nachzudenken, welchen politischen Folgen es hat und welche Weltbilder sich das deutsche Publikum macht, wenn Multimilliardäre wie Friede Springer oder Liz Mohn TV-Nachrichtenkanäle in ihrem Privatbesitz halten. Medienmogule, die mit ihrer "Freundin", der Bundeskanzlerin, in engem Kontakt stehen.
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