Bleibt der Erfinder des CIH-Virus straffrei?

Nicht Tschernobyl, sondern die Hersteller von Anti-Viren-Programmen waren das Ziel

Zerknirscht sei er ob des weltweiten Schadens, sagte Chen Ing-hau, der Schöpfer des CIH-Virus, und gab der Polizei, die ihn befragte, ein Programm, um den angerichteten Schaden wieder ein Stück gut zu machen. Das habe er schon letztes Jahr auf eine Website gestellt, ohne daß dies große Aufmerksamkeit gefunden hätte. Mit dem Programm könne man immerhin herausfinden, ob Computer vom Tschernobyl-Virus infiziert seien. Für Nicht-Chinesen ist die Website allerdings ein schwarzes Loch.

Beim Verhör gab er zu, so die China Times, den Virus geschaffen zu haben, aber natürlich wollte er damit keinen solchen Schaden bewirken. Offenbar ging es ihm nicht so sehr um die Erinnerung an Tschernobyl, sondern er wollte lediglich den Herstellern von Anti-Viren-Programmen demonstrieren, daß sie nutzlose Programme verkaufen, die nur viel Geld kosten. Er habe sich überdies nicht vorstellen können, daß der von ihm geschaffene Virus so destruktiv sein könne.

Welche Schäden der nach seinen Initialen benannte CIH-Virus tatsächlich ausgelöst hat, ist weiterhin eine Angelegenheit der Spekulation. Die China Times ist der Meinung, daß insgesamt 60 Millionen Computer abgestürzt seien, was CIH alle anderen Viren überbieten läßt. Das scheint aber doch eine für Medien typische Übertreibung zu sein, vielleicht auch ein wenig gewürzt mit Nationalstolz. Und angeblich hat CIH sogar dazu geführt, daß Taiwan und China sich einander "nähergekommen" sind. Die Chinesen haben angeblich zunächst den Virus als einen Angriff auf die eigenen Computersysteme gesehen, und chinesische Geheimdienstmitarbeiter seien nach Taiwan gereist, um sich über den Virus zu informieren, der auch Computer des Militärs lahmgelegt habe.

Chen sagte, daß neben dem Virus, der am 26.4. aktiviert wurde, noch zwei weitere Varianten unterwegs seien. Die eine werde am 26. Juni aktiviert und die andere am 26. Tag eines jeden Monats.

Ob Chen überhaupt eine Strafe zu befürchten hat, ist ungewiß. Er sei, so weiß angeblich MSNBC von einem Sprecher der Polizei in Taiwan, zumindest solange kein Krimineller, solange niemand in Taiwan gegen ihn eine Klage erhebt: "Alles, was wir über die Probleme mit dem Virus wissen, haben wir aus ausländischen Nachrichten erfahren." Es könnte also durchaus sein, daß er ohne Strafprozeß davonkommt. Wahrscheinlich wird es seinem amerikanischen Kollegen, der den Makrovirus Melissa in die Welt gesetzt hat, nicht so gut ergehen. Ihm könnten einige Jahr mehr Gefängnisstrafe drohen. Aber auch hier wird es darauf ankommen, ob er den Virus in Kenntnis des von ihm bewirkten Schadens verbreitet hat. Sollte dies bei Chen der Fall sei, so könnte er mit einer Gefängnisstrafe bis zu drei Jahren bestraft werden. Schadensersatzforderungen sind freilich eine andere Sache.

Jedenfalls zeigen die Virenbastler, daß die Welt global geworden ist, aber noch keineswegs das Recht - und daß Spielereien, um Kompetenz unter Beweis zu stellen, weltweite Auswirkungen haben kann. Sollte Chen nicht angeklagt werden, so kann er sich eines guten Jobs als Computergenie sicher sein, vielleicht auf der Seite, die er mit seinem Programm eigentlich herausfordern und bloßstellen wollte. In der Aufmerksamkeitsökonomie der Cyberwelt tritt man nicht mehr in subversiver Absicht seinen Gang durch die Institutionen an - und landet dann womöglich auf der Stelle eines ursprünglich pazifistischen und Anti-NATO gestimmten Ministers, der daran beteiligt ist, eine neue legitime Form des Krieges unter Umgehung der internationalen Gemeinschaft zu schaffen. Nein, man zeigt seine Kompetenz als knowledge worker durch einen subversiven, aufmerksamkeitserheischenden Akt und tritt dann den Gang durch die Institutionen an. Immerhin geben die Virenbastler denjenigen Recht, die im Sinne der Chaostheorie von der steigenden Mächtigkeit auch der einzelnen sprechen. Ein Flügelschlag in einem taiwanesischen College löst einen weltweiten Sturm aus - zumindest in den Medien. (Florian Rötzer)