Bleibt die Krim wirklich ohne Touristen?

Der Massandra-Strand in Jalta im August 2014 © Foto: Faces of Ukraine/ Alisa Bauchina

Sechs Monate nach dem Referendum ist die Halbinsel zu einem neuen Urlaubsziel vieler Russen geworden. Aus patriotischen Gründen

Schon im April 2014 zeigten viele Zeitungen leere Strände von Jalta auf ihren Titelseiten. Doch das Schwarze Meer war schon zur Ukraine-Zeit kalt im Frühling. Die Krim ist besonders im August und September gut besucht. Die sogenannte "samtene Saison".

Früher konnte man aus Berlin mit einem kurzen Stopp in Kiew nach Simferopol fliegen. In diesem Sommer wurden alle Flüge gestrichen und die Züge lahmgelegt. Eine der wenigen Möglichkeiten, auf die Krim zu kommen, ist, aus Moskau zu fliegen - für knappe 250 Euro pro Strecke.

Aus Moskau fliegen im 20-Minuten-Takt mehrere Airlines nach Simferopol. Die auf der Sanktionsliste stehende Fluggesellschaft "Dobrolet" war fast die einzige mit billigen Angeboten. Doch die Russen sind vor Preisen nicht erschrocken. "Kein Strand soll leer bleiben", sagte eine Frau am Schalter Moskau-Simferopol. "Die Krim-Bewohner sollten sich nicht im Stich gelassen fühlen." Sie wollte ihren Urlaub in der Türkei buchen, die Heimat sei ihr dennoch wichtiger - möge auch Patriotismus größere Ausgaben bedeuten.

Eine volle Flugmaschine fliegt von Moskau nach Simferopol. Die Gäste sind in guter Stimmung und freuen sich auf den Urlaub. Ein gut angezogenes Paar hat das Hotel in Aluschta gebucht. "Normalerweise reisen wir für dieses Geld nach Spanien", sagt Alexei. Er arbeitet bei einer Bank und fliegt zum ersten Mal auf die Krim. "Aber aus patriotischen Gründen müssen wir nun auf die Halbinsel." Warum patriotisch? Seine Frau erklärte, dass sie den Europäern zeigen wolle, dass sie sich auch "zu Hause" entspannen könnte, ohne das EU-Visum beantragen zu müssen. Für sie wäre diese Prozedur wieder eine "anstrengende Demütigung". Und die Krim ist für die Russen visumfrei.

In Simferopol läuft der Touristenstrom auseinander. Ein organisierter Bus bringt eine ganze Gruppe nach Feodosia, die anderen haben Bekannte in Sewastopol und nur Wenige fahren mit dem Taxi. Für die meisten Russen ist der Krim-Urlaub der erste und umso teurer wird die Fahrt. Einige Taxifahrer verlangen einen astronomischen Preis. Für das gut angezogene Paar aus dem Flugzeug sei das Angebot "angemessen" - die Entfernungen können sie sowieso nicht abschätzen.

Aus Simferopol nach Sewastopol fährt man anderthalb Stunden mit dem Bus. Die Straßen sind uneben und die Fahrbahn kaum beleuchtet. Zwei gesprächige Männer im hinteren Teil des Busses führen ein lebendiges Gespräch. Einer von ihnen kommt aus Sankt Petersburg und der andere ist auf der Krim geboren, arbeitet seit Jahren auf einer Baustelle in Moskau. Eine Stunde dauert die Ode an Putin. "Guck mal", sagt der Mann aus Sankt Petersburg. "Was haben diese ukrainischen Faschisten für diese Region gemacht? Es ist dunkel wie in meinem Arsch." Er verspreche, im nächsten Jahr werde hier eine Autobahn gebaut und bis 2018 die Brücke von Kertsch aufs russische Festland. Zurzeit stehen in Kertsch ca. 12.000 Autos in einer kilometerlangen Schlange und warten auf die nächste Fähre.

Zu Sowjetzeiten war die Stadt Sewastopol für Touristen "geschlossen". Dort war die Schwarzmeerflotte stationiert. Die meisten Häuser wurden damals in weiß gestrichen - der Farbe der Seemänner. Nun ist Sewastopol eher ein grauer Geist der eigenen Vergangenheit. Renovierungsbedürftige Monumentalwerke aus der UdSSR-Epoche wurden mehrmals umgebaut. Wo früher ein grotesker Balkon auf Marmorkolonen ruhte, erhebt sich heute eine billige Plastikkonstruktion. Diese archetektonischen Symbiosen sieht man auf der ganzen Krim.

Fotos von Putin an einem Souvenirstand in Sewastopol. Foto: Faces of Ukraine/ Simon Erhardt

"Unsere Stadt ist zu einem tragischen Ort eigener Geschichte geworden", sagt Reiseführerin Natalia, Einwohnerin von Sewastopol, lebt hier in der dritten Generation. Die Ukraine habe für die Stadt nichts gemacht. "Ja, dem ganzen Land ging’s nicht gut, das bestreite ich nicht, aber hier war das tiefste Loch überhaupt."

"In diesem Jahr haben wir nicht so viele ausländische Gäste, wie in den letzten Jahren. Aber wann war die Übergangsphase leicht?" Natalia schlägt einer jungen Familie aus dem russischen Tjumen einen Tagesausflug in den Botanischen Garten in Jalta vor. "Ein komfortabler Bus bringt euch schnell dorthin und ihr werdet einzigartige Pflanzen aus aller Welt bestaunen."

"Dem Botanischen Garten ging es noch nie so schlecht wie jetzt", sagt Natalia. Sie erzählt von den "engsten Freunden" des gestürzten Präsidenten Janukowitsch, die Teile des Gartens "privatisiert" haben. "Dort haben diese Oligarchen luxuriöse Villen gebaut und den Botanischen Garten dem Sterben überlassen". Ein russischer Sender hat schon gezeigt, wie die Bauarbeiter die verlorenen Gartenteile expropriieren.

Die Menschen in Sewastopol und Jalta glauben, dass Putin Ordnung schaffen werde. "Haben Sie die Villen von Kolomojski in Aluschta gesehen? Sie sind auf der ganzen Krim verteilt wie Pilze nach dem Regen", sagt eine Rentnerin. Die alte Dame glaubt fest daran, dass der russische Präsident "die bösen Oligarchen" verscheuchen werde. Eine Studentin der Politikwissenschaften aus Sewastopol gibt ihr Recht. "Die ganze Welt schaut auf die Krim. Wie könnte dann die russische Regierung diese Grundstücke verschenken?", fragt sich Aljona. Die Studentin ist jedoch enttäuscht. Sie hat gehofft, in den sechs "russischen" Monaten könnte die Halbinsel ein Paradies werden.

Jalta, oft das "Monaco von der Krim" genannt, erfährt einen Strom an russischen Gäste. Die Meisten sind mit dem eigenem Auto angereist. Eine Touristin aus Lipezk ist nach zweitägiger Fahrt am Ende ihrer Kräfte. "Ich muss sagen, nicht nur die Fahrt war anstrengend", sagt sie leise. "Ich habe das ganze Jahr auf diesen Urlaub gewartet, aber so einen schlechten Service noch nie erlebt." Glaubt sie an positive Entwicklungen in der Zukunft? "Ach was! Wir haben immer wie Sklaven gelebt und Putins Rhetorik ist nur für die alten Sowjet-Nostalgiker gedacht." Viele alte Menschen vergöttern Putin. Aber nicht alle. Ein 90-Jähriger Mann schüttelt den Kopf. "Einige Sachen sind besser geworden, die anderen schlechter", sagt er. "Ich persönlich bin kein Fan von Putin. Der Mann macht mir Angst."

Ewdokia aus dem Vorort von Jalta sieht seine Worte skeptisch und trägt sogar ein Foto von Putin bei sich. "Früher war das Stalin, nun ist es Putin." Die alte Frau strahlt. "Ich bin so glücklich wieder zu Hause zu sein, in Russland!" Ihre Augen sind voll mit Tränen. "Meine Rente wurde erhöht", sagt Ewdokia fast atemlos. Die Preise seien leicht gestiegen, aber die Rente reiche endlich für "was Leckeres".

Das Lenin-Denkmal in Jalta. Foto: Faces of Ukraine/ Simon Erhardt

Was Leckeres kosten auch die Touristen an verschiedenen Essecken in Jalta. Die Café-Reihe beginnt am Lenin-Denkmal und geht bis zum Ende der Promenade am Meer. Die andere Hälfte ist am Massandra-Strand. Die meisten Touristen gehen in kleinere Lokale oder tatarische Bistros. Die großen und teuren Restaurants bleiben während des Tages meistens geschlossen. Im Restaurant "Krim" am Fuß vom Hotel "Inturist" sammelt sich die sogenannte Bohème. Hier verbringen viele russische Schauspieler und Geschäftsleute ihre Zeit. Eine Flasche Krim-Sekt kostet ca. 33 Euro, ein Mousse au Chocolat 7 Euro. "Das sind mehr oder weniger Moskauer Preise", sagt ein Geschäftsmann. "Doch schauen Sie sich um: Links von Ihnen rauscht das Meer, rechts sieht man die Berge." Pjotr und seine Frau können am Abend ein paar hundert Euro ausgeben. "Ich bin doch im Urlaub und die russische Seele ist nicht karg."

In Bachtschissaraj ist die Stimmung weniger erfreulich. Die Altstadt, in die früher Touristenströme aus ganz Europa kamen, ist mehrheitlich tatarisch. In der Nähe des berühmten Khan-Palastes bleibt die Hälfte der Souvenirläden geschlossen. Ein Verkäufer zeigt seine Buchauswahl - alle auf Russisch. "Früher waren hier viele Fahrradfahrer aus Deutschland", sagt er nostalgisch. "Gefragt waren auch Karten mit Wanderwegen auf Spanisch und Englisch." Er würde auch gerne seine Bücher auf Russisch verkaufen, doch es kommen selten Touristen.

Unweit der Steinfestung Çufut Qale sieht man viele Restaurants im tatarischen Stil. Einer der Betreiber erzählt von der "misslungenen Saison". Früher waren hier viele Touristen, die nach den Tagesausflügen bei ihm gegessen haben. "Es kommen schon Gäste, aber nicht genug, um irgendwas zu verdienen." Wird es in den nächsten Jahren besser? "Ich gebe mich in die Hände von Allah", sagt er. "Wenn die Brücke in Kertsch gebaut wird, kommen wahrscheinlich mehr Besucher."

Circa 5,9 Millionen Touristen haben laut offizieller Statistik die Halbinsel Krim im Jahr 2013 besucht. In diesem Jahr waren es hingegen nur 2,6 Millionen. Bis zum Ende der sogenannten "samtenen Saison" erwartet die Halbinsel weitere 800.000 Touristen.

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