Blinder Fleck in der keynesianischen Interpretation

Robert Misik über "Kaputtalismus"

In vielen Ländern Europas herrschen wirtschaftliche Krisen: Kann ihnen mit mehr Sparen oder mehr Ausgeben abgeholfen werden - oder muss man dazu mehr ändern? Robert Misik entdeckt in der Gegenwart Anzeichen eines grundlegenden ökonomischen Umbruchs. Ein Gespräch mit dem Autoren des Buches Kaputtalismus - Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde das uns glücklich machen?.

Herr Misik, was hat sich im Bezug auf das gegenwärtig herrschende Wirtschaftssystem im öffentlichen Diskurs und was real verändert?
Robert Misik: Rund eineinhalb Jahrzehnte lang schien der westliche Kapitalismus nicht nur als das System, das gewonnen hat, sondern als ein im Grunde funktionstüchtiges System, dessen Ewigkeit kaum jemand in Frage stellte, ja, das sogar frühere regelmäßige Krisenerscheinungen überwunden zu haben schien. Ökonomen vertraten tatsächlich die Ansicht, man habe die Formel für das krisenfreie Prosperieren gefunden. Dabei gab es schon in dieser Periode untergründige Krisenerscheinungen, die nur niemand wirklich wahrhaben wollte, oder wenn, die irgendwie als Details angesehen wurden.
Was ist der Kernpunkt dieser Krisenerscheinungen?
Robert Misik: Niedriges Wachstum, stockende Produktivitätszuwächse, ein Aufblähen der Finanzmärkte, ein Anwachsen der Ungleichheit, explodierende Kreditvergabe, was ja auch hieß, dass der stockende Konsum durch Verschuldung befeuert wurde, was freilich, wenn das Wohlstandswachstum damit nicht mithält, ein Strohfeuer ist. Man hat Zeit gekauft.
Wurde diese Krise durch falsche politische Entscheidungen eingeleitet oder war die neoliberale Politik Folge der Krise keynesianischen Wirtschaftens, welche für eine gewisse Zeit, deren Akkumulationsprobleme beheben konnte, nun aber in eine Krise der neoliberalen Ökonomie übergegangen ist?
Robert Misik: Das ist eben zunächst die entscheidende Frage, die mich interessiert hat und die am Ausgangspunkt der Überlegungen zu diesem Buch stand. Wir haben seit 2008 im politischen und wirtschaftspolitischen Diskurs ja grob gesprochen eine Zweiteilung. Einerseits das wirtschaftsliberale Lager, das meint, mit Staatsverschlankung und Radikalisierung der Konkurrenzökonomie den Laden wieder flott zu bekommen, und andererseits das mehr oder weniger keynesianische Lager, das meint, die falsche neoliberale Politik habe uns in die Krise geführt, und die Fortsetzung der falschen neoliberalen Politik habe die Krise verschärft. Letzteres ist ja gewiss auch nicht völlig falsch, im Gegenteil, daran ist sehr viel richtig.
Dennoch gibt es einen blinden Fleck in der keynesianischen Interpretation, der, würde man ihn als Verdacht formulieren, so lauten kann: Was, wenn nicht der Neoliberalismus an der Krise, sondern eine zunehmende Krisenhaftigkeit für das Umschwenken auf neoliberale Politik verantwortlich war? Dann lassen sich diese Krisentendenzen ja nicht einfach mit einer anderen Wirtschaftspolitik beheben. Oder anders gesagt: Was unter den Bedingungen der Vergangenheit funktionierte, etwa bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, das funktioniert möglicherweise heute nicht mehr. Und im Grunde spüren das die meisten Menschen: Die Maschine ist kaputt und die Eliten haben keinen Plan, wie man sie wieder flott kriegt.
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