Blockchain: Die Technik, die nicht vergessen kann

Grafik: B140970324. Lizenz: CC BY-SA 4.0

Vom Führerscheinregister bis zum fälschungssicheren Wahlsystem - macht die Idee hinter der Kryptowährung Bitcoin Behörden überflüssig?

So mancher sieht in der Blockchain die nächste digitale Revolution nach dem Internet. Sicher ist, die Katze ist aus dem Sack und will unter keinen Umständen mehr zurück. Aber Vieles läuft noch wie ein Spiel ab - und die Möglichkeiten, welche die Blockchaintechnik bietet, sind noch lange nicht ausgeschöpft.

Eine Blockchain ist eine dezentrale Datenbank, die konstruktionsbedingt eine Sicherung gegen nachträgliche Manipulation enthält. Jeder neu an die Kette angefügte Block ist mit dem vorhergehenden Block verbunden und enthält die Historie in Form einer Prüfsumme des vorhergehenden Blocks. Neue Blöcke werden über ein Konsensverfahren geschaffen, validiert und anschließend an die Blockchain angehängt.

Als ursprüngliches Konsensverfahren kam hierbei die Proof-of-Work-Methode zu Anwendung. Grundlage für das Vertrauen zwischen den Beteiligten ist die Annahme, dass die längste Kette die echte ist, weil ihre Erstellung mit dem höchsten Aufwand verbunden war und alle kürzeren Ketten letztlich Fälschungen sein müssen.

Ein herausragender Vorteil der Blockchaintechnik besteht im Verzicht auf den sonst bei Transaktionen üblichen Intermediär, zumeist eine Bank oder ein Kreditkartendienstleister, die für ihre Leistungen bezahlt werden müssen. Die erste Implementierung fand eine öffentliche Blockchain unter dem Namen Bitcoin.

Bitcoin hatte vor zehn Jahren das Licht der Welt erblickt und war jahrelang ein Nischenprodukt, bis es sich zum Spekulationsobjekt entwickelte und sein Wert durch die Decke ging. Inzwischen gibt es über 3.000 Kryptowährungen, darunter auch zahlreiche Betrugsmodelle, die lediglich fleißig Geld einsammelten, jedoch nicht mehr zurücktauschten, sondern einfach verschwanden.

Auch wenn es derzeit mit Kryptowährungen noch möglich ist, Gelder zu überweisen und dabei anonym unter dem Horizont der Steuerbehörden zu segeln, werden diese auf kurz oder lang die Hand aufhalten und ihren Anteil an den Erträgen von Kryptowährungen fordern. Dies gilt umso eher, als inzwischen auch verschiedene Staaten eigene Kryptowährungen etablieren.

Ein Problem der Blockchain besteht bislang im Zeit- und Energieaufwand für die notwendigen Rechenschritte. Während in der Bitcoin-Welt täglich weltweit etwa 200.000 Transaktionen vorgenommen werden, werden allein in Deutschland täglich um die 60 Millionen Transaktionen in Form von Überweisungen und Lastschriften vorgenommen. Die Blockchaintechnik ist zwar die technische Basis für diese Kryptowährungen, sie kann aber auch in anderen verteilten Systemen zur Verbesserung und Vereinfachung der Transaktionssicherheit beitragen.

In einer Blockchain können Vorgänge, die eine öffentliche Bestätigung benötigen, abgebildet werden. So können Grundbucheinträge in einer Blockchain erfolgen und Geburten oder Todesfälle registriert werden. Auch Heiratsurkunden können in der Blockchain hinterlegt werden. Alle Meldevorgänge könnten mit Hilfe einer Blockchain durchgeführt werden. Dies betrifft beispielsweise An- und Abmeldung eines Wohnsitzes im Zusammenhang mit einem Umzug. Auch für die An- und Abmeldung von Kraftfahrzeugen einschließlich der Überprüfung von TÜV-Terminen und des automatischen Einzugs von Bußgeldern könnte man eine Blockchain nutzen.

Während es für alle Führerscheine im Kreditkartenformat seit dem 01.01.1999 das Zentrale Fahrerlaubnisregister (ZFER) beim Kraftfahrt-Bundesamt gibt, in dem alle ab diesem Datum in Deutschland ausgestellten Fahrerlaubnisse registriert sind, liegen die Daten für die noch auf Papier gedruckten Führerscheine nicht nur dezentral bei den einzelnen Bundesländern, sondern dort auch nochmals dezentral bei den jeweils zuständigen Behörden. Welche Stelle die Unterlagen hat, muss der Führerscheininhaber wissen, denn ein zentrales Register gibt es dafür nicht. Auch hier bietet sich die Erstellung eines Altführerscheinzentralregisters auf Blockchainbasis an.

Die Blockchaintechnik eignet sich auch für Wahlsysteme, denn diese wären dann nicht nur vor Manipulation geschützt, zuverlässig und sicher, sondern könnten auch anonym sein. Der Einsatz solcher E-Voting Systeme ist auch für Volksabstimmungen denkbar und könnte den derzeit stärker werdenden Wunsch nach einer direkteren Demokratie beflügeln.

Blockchainsysteme wie Ethereum bieten die Möglichkeit Smart Contracts als Skript einzubinden, die die automatisch und permanent die Bedingungen eines Vertrags kontrollieren und bei Eintritt bestimmter Ereignisse einzelne Bestimmungen eines Vertrags automatisiert ausführen. Durch die automatisierte Abwicklung dieser Verträge lassen sich Administrations- und Kontrollkosten deutlich reduzieren. Ein Beispiel für eine solche Blockchain ist das von Copytrack geplante Global Copyright Register, das für die dort registrierten Bilder die Zahlung der im Falle einer Bildnutzung durch Dritte anfallenden Lizenzbeträge ohne das Einschalten einer Bank ermöglicht und somit die Transaktionskosten gerade im internationalen Bereich deutlich reduziert.

Die Blockchain wird immer wieder als ideales Tool für die Umsetzung der Energiewende angeführt. Die auch vom Gesetzgeber forcierte Direktvermarktung von Erneuerbaren Energien an den privaten Endverbraucher könnte damit erleichtert werden. Bislang fehlen für solche Anwendungen jedoch die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Zudem ist die Anonymität der Beteiligten bei Lieferungen in der realen Welt nicht unbedingt ein Vorteil. Auch wenn sich mit Smart Metern, die digitale Daten bereitstellen, hier einiges erleichtern kann, fehlt in diesem Bereich bislang eine Technik, welche den Übergang der Messdaten in die Blockchain autorisiert und garantiert.

Der Einsatz von Blockchains zeichnet sich bislang nicht durch besondere Benutzerfreundlichkeit aus - und wie durch zahlreiche Hacks belegt, ist die Technik der öffentlichen Blockchain auch nicht unbedingt sicher. Wenn die Blockchaintechnik aus dem Bereich der Enthusiasten heraustreten will, müssen mehrere Kriterien erfüllt werden:

Neue Blockchainsysteme müssen sich stärker an den Wünschen und Gepflogenheiten der potentiellen Anwender orientieren. Zudem müssen Standards etabliert werden. Dies ist jedoch in absehbarer Zeit nur im überschaubaren Bereich privater Blockchains denkbar. Vom allgemein einsetzbaren Wundermittel, das alle Transaktionen beschleunigt und erleichtert, ist die Blockchain bislang noch ein beachtliches Stück entfernt. Auch fehlt bislang eine plausible Antwort auf die Frage, was passiert mit dem Recht auf Vergessen bei einer Technik die grundsätzlich nicht vergessen kann? (Christoph Jehle)

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