Blockt die US-Regierung Katrina-Hilfeseite?

MoveOn.org-Webseite von etlichen Behördencomputern aus nicht zu erreichen

Dilettantisch, völlig unvorbereitet und vor allem viel zu langsam hat die US-Bundesbehörde für Katastrophenmanagement (FEMA) auf die Naturkatastrophe in New Orleans reagiert. Jetzt wird die Stadt zwangsweise evakuiert, und die FEMA soll auf die Schnelle dafür sorgen, dass rund eine Million Obdachlose eine neue provisorische Bleibe finden. Quartiere werden verzweifelt gesucht - auch über Webseiten, die von Privatleuten oder politischen Organisationen wie MoveOn.org eilig ins Netz gestellt wurden.

Sie wollen schnell und unbürokratisch zwischen Quartiersuchenden und privaten Quartiergebern vermitteln. Was wie eine gute Sache klingt, ist der US-Regierung aber offenbar ein Dorn im Auge. Die MoveOn.org-Hilfsseite Hurricanehousing.com wird in etlichen US-amerikanischen Regierungsbehörden kurzerhand geblockt. Ein Zugriff ist nicht möglich.

Die Kommunikationssysteme in den verwüsteten Regionen Louisianas sind zusammengebrochen. New Orleans und Umgebung sind ohne Strom. Radio- und Fernsehsender mussten ihren Betrieb einstellen. Telefone funktionieren nicht mehr. Auch die Kommunikation via Handy ist nicht mehr möglich. Die ersten Bilder und authentischen Berichte über das wahre Ausmaß der Katastrophe wurden via Weblogs verbreitet, die bei Providern gehostet waren, die ihre Server mit Notstromaggregaten zunächst weiter betreiben konnten (vgl. Die fünfte Gewalt).

Ein Netzwerk von Freiwilligen

Mittlerweile wird versucht, die Kommunikationssysteme nach und nach notdürftig wiederzubeleben. Ein informelles Netzwerk von freiwilligen Helfern beginnt sich zu etablieren. Hilfe kommt von Unternehmen wie etwa dem Wireless Internet Provider "PDQLink" ebenso wie von einer Vielzahl privater Helfer, Kommunikationsexperten beispielsweise, die der Federal Communications Commission, die in den USA für die Zulassung von Kommunikationsgeräten zuständig ist, ihre Unterstützung angeboten haben. Genau solche Leute brauche man zurzeit, erklärt Sascha Meinrath vom CUWireless Netzwerk, "Leute mit Improvisationsgabe und Sachverstand."

Zunächst sollen die Notfallsysteme wieder aufgebaut werden, um etwa die Kommunikation zwischen Feuerwehr, Polizei und Rettungsteams sowie drahtlose Internetverbindungen zu ermöglichen. Auch die ersten Radiostationen sind dank des selbstlosen Einsatzes vieler Freiwilliger mittlerweile wieder auf Sendung.

Obdachlosigkeit ist das größte Problem

Hurrikan Katrina hat eine Million Menschen auf einen Schlag obdachlos gemacht. Jetzt beginnt die größte Umsiedlungsaktion, die die USA bisher erlebt haben. Texas, der größte Nachbarstaat Louisianas, hat mittlerweile rund 250.000 Flutopfer in Notunterkünften aufgenommen. 15.000 Menschen wurden im Astrodome von Houston untergebracht. Weitere 100.000 Bürger des Nachbarstaats haben in Kasernen, Schulen, Einkaufszentren und Gemeindesälen oder in notdürftig hergerichteten Eisenbahncontainern eine provisorische Unterkunft gefunden. 55.000 Hotelzimmer sollen von der FEMA angemietet worden sein.

Sechzehn andere US-Bundesstaaten haben mittlerweile ihre Hilfe angeboten und Obdachlose aufgenommen. Doch noch immer sucht die FEMA händeringend nach weiteren Quartieren. Ihre Beamten appellieren an die Hilfsbereitschaft der Amerikaner und bitten sie, so viele Obdachlose aus Louisiana in den eigenen vier Wänden aufzunehmen wie möglich. Unterstützung erhalten solche Aufrufe auch im Web. Mit KatrinaHome.com und Hurricanehousing.org wurden gleich nach der Katastrophe zwei Webseiten ins Netz gestellt, die den Obdachlosen helfen wollen, eine neue provisorische Unterkunft zu finden, sofern sie bereits wieder Zugang zum Internet bekommen haben.

Hilfe per Web koordinieren

KatrinaHome.com ist eine Einzelaktion. Die Idee stammt von Rod Edwards, einem 28-jährigen Bankangestellten aus dem kanadischen Winnipeg. Die Bilder der Flutkatastrophe in Louisiana versetzten ihn in tiefe Betroffenheit. Als der Red River 1997 über die Ufer getreten war, gehörte auch seine Heimatstadt zu den Orten, die damals von einer so genannten Jahrhundertflut heimgesucht worden waren. In Weblogs entdeckte Edwards nun die ersten privaten Hilfsangebote für die Bewohner der von Hurrikan Katrina verwüsteten Gebiete. Dabei kam ihm die Idee für KatrinaHome, einer Webseite, die die private Unterbringung der obdachlosen Flutgeschädigten übers Web besser koordinieren sollte.

Mit Hilfe eines Rechtsanwalts, eines Websicherheitsexperten und eines Grafikers wurde die Webseite gleich am nächsten Tag erstellt. Private Quartiergeber aus allen Teilen der USA können sich hier melden, Heimatort, Adresse, Telefonnummer und Emailadresse angeben und mitteilen, wie viele Obdachlose sie aufnehmen können. Flutgeschädigte können die Angebote per Suchfunktion durchforsten. Der Zugriff ist mittlerweile auch über internetfähige Handys möglich. Trotzdem kam KatrinaHome bislang nicht in Schwung. Innerhalb von fünf Tagen ließen sich zwar knapp 2000 Quartiergeber registrieren, die Wohnmöglichkeiten für rund 7200 Menschen anboten. Tatsächlich konnten aber nur knapp fünfzig Obdachlose untergebracht werden - angesichts der Hunderttausende von Menschen, die noch nach einer Bleibe suchen, noch nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein.

"Fangen Sie endlich an, den Opfern zu helfen!"

Die zweite Hilfsaktion im Web, die über die Internetdomain HurricaneHousing.org gestartet wurde, stieß auf wesentlich größere Resonanz. Die Webseite ist ähnlich aufgebaut wie KatrinaHome und bietet eigenen Angaben zufolge derzeit rund 200.000 Unterkünfte an. Wie viele davon auch vermittelt wurden, ist nicht bekannt. Ursache für die höhere Akzeptanz der HurricaneHousing-Initiative dürfte die breite Unterstützung sein, die das Projekt erfährt.

Während KatrinaHome das gut gemeinte Werk einer idealistischen Einzelperson ist, wurde HurricaneHousing von Aktivisten der linken US-Aktionsplattform MoveOn.org ins Netz gestellt. Sie ist Teil einer politischen Kampagne, die George Bush höchstpersönlich für die Versäumnisse und Fehler bei der Bewältigung der Flutkatastrophe in New Orleans verantwortlich macht. Unmittelbar nach Katrina hätten Millionen Menschen spontan ihre Hilfe angeboten, während die Bush-Administration auf der ganzen Linie versagt habe, heißt es in einer Emailpetition an George Bush, die auf der Webseite von MoveOn.org verbreitet wird. Sie schließt mit dem persönlichen Appell an Bush: "Hören Sie auf, die Opfer zu tadeln und fangen Sie endlich an, ihnen zu helfen!"

"Bush in 30 seconds"

MoveOn.org versteht sich als Graswurzelbewegung und machte sich außerhalb der USA vor allem mit Aktionen gegen den Irakkrieg und die Wiederwahl George Bushs zum US-Präsidenten einen Namen. Der von MoveOn.org während des Wahlkampfs veranstaltete Filmwettbewerb "Bush in 30 seconds" stieß den Republikanern ganz besonders sauer auf. Die MoveOn-org.-Aktivisten hatten damals dazu aufgerufen, die "Wahrheit über George W. Bush und seine Politik" in einem 30 Sekunden langen Filmclip zu erzählen.

"In den letzten drei Jahren hat die Politik des Präsidenten die Umwelt zerstört, unsere nationale Sicherheit aufs Spiel gesetzt, die Wirtschaft geschädigt und Geld von der Mittelklasse zu den ganz Reichen umgeschichtet", begründete MoveOn.org die politische Notwendigkeit eines solchen Wettbewerbs. Am Ende beteiligten sich mehr als tausend Hobbyfilmer mit selbst produzierten Anti-Bush-Werbespots. Heftige Kritik erntete ein Film, in dem sich ein Portraitfoto Bushs langsam in ein Hitlerfoto transformiert. Die Republikanische Partei bezeichnete den Spot als "schlimmste und abscheulichste Form politischer Hassrede".

HurricaneHousing wird geblockt

Offenbar hat die politische Führung in Washington mit den linken Aktivisten von MoveOn.org noch eine Rechnung offen. Wie Brian Krebs, bei der Washington Post für das Thema Computersicherheit zuständig, im Weblog der Zeitung berichtet, wird die HurricaneHousing-Webseite in einigen US-Regierungsbehörden per Filtersoftware geblockt.

Es müsse sich dabei nicht notwendigerweise um Absicht handeln, heißt es in einem Kommentar zu diesem Posting. Möglicherweise sollten nur betrügerische Webseiten wie hurricanekatrinapics.com, hurricanekatrinarelief.com und katrinadamage.com herausgefiltert und geblockt werden. Die Seiten waren gleich nach der Katastrophe ins Netz gestellt worden und gaben vor, Spenden für die Opfer des Hurrikans zu sammeln. Alle drei Betrugsseiten sind mittlerweile aber längst schon wieder aus dem Netz verschwunden. HurricaneHousing.com wird aber weiterhin geblockt. (Alfred Krüger)