"Blogger sind die unterschätzten Journalisten"

Olaf Hoffjann zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Bloggern und Journalisten

Sind Deutschlands Blogger unterschätzte Journalisten? Danach sieht es aus, wenn man eine Studie der Otto Brenner Stiftung betrachtet. Die beiden Kommunikationswissenschaftler Olaf Hoffjann und Oliver Haidukiewicz haben sich des Themas angenommen und Erstaunliches herausgefunden.

Zwar gibt es durchaus Unterschiede zwischen Bloggern und Journalisten, aber gerade wenn es um die Einhaltung zentraler journalistischer Standards geht, stehen Blogger Journalisten in nichts nach. Das scheint auch das Publikum zu merken: Zumindest bei manchen Themen betrachten Teile des Publikums Blogger als die "besseren" Journalisten.

Zwischen Bloggern und professionellen Journalisten scheint es einen ziemlich tiefen Graben zu geben. Stimmt das?
Olaf Hoffjann: Für Journalisten ist der Graben tatsächlich sehr tief: Sie blicken ziemlich abschätzig auf Blogger. Gerade mal jeder fünfte Journalist sagt, dass man in Blogs relevante Informationen finden kann, die man in traditionellen Medien kaum finden würde. Andersherum stellt es sich ganz anders dar: Blogger sehen professionelle Journalisten deutlich positiver.
Auf die Schnelle würden wahrscheinlich jedem einige Unterschiede zu Bloggern und Journalisten einfallen. Aber sind die Unterschiede tatsächlich so groß, wie man es vielleicht annimmt?
Olaf Hoffjann: Nein, im Gegenteil. Mitunter wurden Unterschiede erst mit der Lupe sichtbar. Deshalb sprechen wir von Bloggern als den unterschätzten Journalisten.
Was haben Sie denn in Ihrer Studie herausgefunden? Was ist die Haupterkenntnis?
Olaf Hoffjann: Wenn man das in einem Satz zusammenfassen möchte: Journalisten und Blogger eint, dass sie beide vor allem informieren wollen, ihnen journalistische Qualität ähnlich wichtig ist und dass sie beide PR sehr kritisch sehen sowie bezahlte Beiträge nach eigener Aussage fast immer kennzeichnen.
Im Titel Ihrer Studie heißt es auch, dass Blogger die "unterschätzten Journalisten" sind. Stimmt das?
Olaf Hoffjann: Ja, das ist sicherlich der zentrale Befund unserer Studie. Journalisten berichten insgesamt negativ über Blogger, und selbst die Forschung ist von einer eher abwertenden Haltung geprägt, wenn sie zum Beispiel von "Amateurjournalisten" spricht. Dies ist noch insofern richtig, da nur jeder dritte Blogger hauptberuflich bloggt und nur wenige journalistische Vorerfahrungen vorweisen. Aber bei dem, was sie mit ihrer Arbeit erreichen wollen, wie wichtig ihnen Qualität ist, wie kritisch sie gegenüber der PR stehen und wie sie die Kennzeichnungspflicht bezahlter Beiträge achten, gibt es kaum Unterschiede.
Das heißt also?
Olaf Hoffjann: Obwohl kaum ein Blogger journalistisch ausgebildet ist und für sie auch Redaktionen als Sozialisationsinstanzen ausfallen, unterscheiden sie sich in ihren Einschätzungen zur journalistischen Arbeit kaum von professionellen Journalisten.
Auch wenn das jetzt von Ihrer Studie wegführt: Liefert diese Erkenntnis nicht auch einen sehr interessanten Einblick im Hinblick auf die Professionalität des journalistischen Berufes? Anders formuliert: In vielen Berufen trennt eine solide Ausbildung die Laien von den Profis. Im journalistischen Feld gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine starke "Professionalisierung". Die Hürden, um Zugang zu ihm zu erhalten, sind sehr hoch. Ohne Abitur und ein abgeschlossenes Studium wird es sehr schwer. Darüber hinaus legen Redaktionen großen Wert auf ein abgeschlossenes Volontariat, also die "Ausbildung" zum Redakteur, zum Journalisten.

Gerade bei der aktuellen Diskussion um die Qualität der journalistischen Berichterstattung betonen Vertreter großer Medien bei öffentlichen Stellungnahmen immer wieder die hohe Professionalität ihrer Mitarbeiter, also die hohen Bildungsqualifikationen und die Ausbildung als Abgrenzungskriterien zu den Laien. Verweist Ihr Befund letztlich auch darauf, dass Journalismus trotz aller Professionalisierung noch immer ein Beruf ist, der autodidaktisch erlernt werden kann?
Olaf Hoffjann: Hier muss man differenzieren. Unsere Studie hat zeigen können, dass grundlegende journalistische Normen und Ziele unabhängig von der journalistischen Ausbildung und redaktionellen Einbettung vertreten werden. Anders sähen die Befunde sicherlich zu Aspekten des konkreten journalistischen Handwerks aus - wie zum Beispiel bestimmten Recherchemethoden. Hierfür bleibt die Ausbildung an Hochschulen und in Redaktionen weiterhin wichtig und hilfreich. Auch wenn dies nicht ausschließt, dass man sich das mühevoll selbst aneignen kann.

"Das Publikum ist für Blogger deutlich wichtiger als für Journalisten"

Worin sind sich Blogger und Journalisten denn gleich oder ähnlich?
Olaf Hoffjann: Blogger und Journalisten wollen beide vor allem informieren. Während Journalisten Kontrolle und Kritik etwas wichtiger ist, wollen Blogger eher unterhalten und Service anbieten. Überrascht hat uns, dass von 29 abgefragten Zielen vier der Top-5-Ziele identisch sind: Richtigkeit der Informationen, Glaubwürdigkeit, Komplexes verständlich erklären und eine unabhängige Berichterstattung.
Der einzige Unterschied besteht in der Neutralität, die Journalisten besonders wichtig ist, während Blogger vor allem ihre persönliche Perspektive schätzen. Letztlich sind dies aber zwei Seiten derselben Medaille: Journalisten halten die Neutralitätsnorm hoch, während Blogger sich selbst und ihren individuellen Zugang häufig selbst zum Thema machen.
Wo liegen noch Gemeinsamkeiten?
Olaf Hoffjann: Wir hatten erwartet, dass Blogger Pressemitteilungen positiver bewerten als Journalisten, da sie als Einzelkämpfer mit deutlich geringeren Ressourcen mehr auf sie angewiesen sind. Tatsächlich aber bewerten sie Pressemitteilungen genauso kritisch wie Journalisten. Beide bewerten die Zuverlässigkeit von Informationen und die Qualität von Pressemitteilungen als eher mäßig. Und die Entlastung durch Pressemitteilungen bei der Recherche wird auch als eher gering angesehen.
Noch mehr überrascht hat uns der Umgang mit Schleichwerbung: 91,7% der Journalisten und 91,6% der Blogger sagen, dass sie bezahlte Beiträge als Advertorial oder Werbung kennzeichnen. Uns ist klar, dass sich nicht alle so verhalten, wie sie geantwortet haben. Da aber das Kennzeichnungsgebot im Journalismus eine der klassischen Normen ist, gehen wir davon aus, dass Journalisten wie Blogger in vergleichbarer Weise sozial erwünscht geantwortet haben. Auch ist sicherlich zu erwarten, dass das Kennzeichnungsverhalten von Influencern auf Instagram und YouTube geringer ist. Und dennoch: Angesichts der vielen Medienberichte zur Schleichwerbung von Bloggern haben wir mit diesem Ergebnis nicht gerechnet.
Das heißt, Blogger sind also gar nicht so sehr die "Schmuddelkinder", wenn es um die Auseinandersetzung und Veröffentlichung von Informationen, Analysen usw. geht?
Olaf Hoffjann: All die bislang genannten Ergebnisse beruhen ja auf der Befragung von Journalisten und Bloggern. Wie sie sich am Ende tatsächlich verhalten, können wir nicht sagen. Dass Blogger in einigen Bereichen vielleicht sogar bereits die "besseren" Journalisten sind, deutet die ergänzende Befragung von jungen Nutzern an: Hier hat sich nämlich gezeigt, dass sie die Qualität von Modeblogs besser bewerten als die des Modejournalismus.
Unterschiede gibt es aber durchaus auch, oder?
Olaf Hoffjann: Ja, Unterschiede zeigen sich vor allem bei der journalistischen Qualifikation und der Arbeitszeit. Während fast 70 Prozent der Blogger keinerlei journalistische Qualifikation wie ein einschlägiges Studium, ein Volontariat oder ein Praktikum haben, können umgekehrt 85 Prozent der Journalisten so etwas vorweisen. Und auch die berufliche Situation und die Arbeitszeit unterscheiden sich deutlich: Knapp 80 Prozent der Journalisten sind festangestellt, aber nur knapp sieben Prozent der Blogger. Zudem verdient ein Drittel der befragten Blogger keinerlei Geld mit dem Bloggen. Hier zeigt sich, dass es für viele ein reines Hobby ist. Und für die meisten Blogger, die Geld damit verdienen, ist es ein schlecht bezahlter Beruf, weil Einnahmen und Arbeitszeit in keinem guten Verhältnis zueinander stehen.
Welche Unterschiede gibt es noch?
Olaf Hoffjann: Das Publikum ist für Blogger deutlich wichtiger als für Journalisten. Blogger orientieren sich mehr am Publikum, sind eher für ihre Leser erreichbar und ermöglichen ihnen eher einen Zugang. Zudem ist die Lücke zwischen den Zielen der Blogger einerseits und den Erwartungen ihrer Leser andererseits deutlich geringer ist als bei Journalisten und ihrem Publikum. Blogger sind also näher dran an ihren Lesern.

"Politische Blogger haben es in Deutschland schwer"

Was ist Ihre Einschätzung: Welche Bedeutung haben Blogger denn im Hinblick auf die publizistische Meinungsvielfalt?
Olaf Hoffjann: Einerseits muss man konstatieren, dass Blogs vor allem in service- und unterhaltungsorientierten Bereichen wie zu Mode-, Beauty-, Reise- oder Technikthemen über insgesamt nennenswerte Reichweiten verfügen. Das ist recht weit weg von klassischen journalistischen Kernbereichen wie der Politik und Wirtschaft. Andererseits wird Auto-, Reise- und Moderedaktionen ja häufig ein Gefälligkeitsjournalismus unterstellt, weil sie sich durch Anzeigen oder kostenlose Pressereisen von Unternehmen abhängig machen. Hier können wirklich unabhängige Blogger eine wichtige Ergänzung zu etablierten Redaktionen darstellen.
Aber nicht vergessen werden darf: Blogger sind als Einzelkämpfer noch mehr der Gefahr ausgesetzt, dass sie inhaltliche mit wirtschaftlichen Erwägungen verquicken und damit in eine ähnliche Abhängigkeitssituation geraten.
Sie haben in Ihrer Studie festgestellt, dass es in Deutschland wenige politische Blogger gibt. Woran liegt das? Und: Von welchen Zahlen reden wir?
Olaf Hoffjann: Wir sind auf eine zweistellige Zahl gekommen. Allerdings haben wir auch nur unabhängige Blogger befragt, die also nicht im Auftrag von Parteien oder politischen Bewegungen schreiben. Politische Blogger dürften es in Deutschland besonders schwer haben, weil die deutsche Medienlandschaft immer noch zu den vielfältigsten weltweit zählt. Da haben es neue Angebote naturgemäß schwerer, eine Nische zu finden.
Zugleich beginnt damit der Teufelskreis vieler medialer Angebote: Eine geringe Reichweite führt zu geringen Einnahmen, die wiederum zu einer schlechten personellen Ausstattung führen, die dann schließlich in einem quantitativ oder qualitativ überschaubaren Angebot endet, das wiederum relativ wenig genutzt wird. In der tagespolitischen Berichterstattung haben Blogs so natürlich keinerlei Chance gegen etablierte journalistische Angebote. Daher überrascht es nicht, dass einige größere politische Blogs ihren Erfolg vor allem ihrer sehr kritischen Haltung jenseits des Mainstreams zu verdanken haben. Wie zum Beispiel Blogs, die man der so genannten Neuen Rechten zurechnet.
Sie betonen in Ihrer Studie immer wieder, dass es sich dabei um eine "Momentaufnahme" handelt. Was meinen Sie: Wie werden sich die Blogs hierzulande weiterentwickeln?
Olaf Hoffjann: Einerseits erwarte ich, dass sich in den verschiedenen Bereichen einige wenige Leuchtturmblogs herausbilden, die sich wie z.B. Netzpolitik professionalisieren. Dort stellt sich dann recht schnell die Frage, ob das noch ein Blog ist oder schon ein professionelles journalistisches Angebot ist. Bei diesen Angeboten werden die Grenzen zwischen Bloggern und professionellen Journalisten weiter verschwimmen. Andererseits wird die Blogosphäre ein buntes, schnelllebiges und vielfältiges Feld bleiben, das vom stetigen Entstehen neuer und Verschwinden alter Blogs geprägt bleiben wird.

Informationen zur Studie Befragung journalistischer Blogger in Experteninterviews und zusätzlich gemeinsam mit professionellen Journalisten in einer Online-Befragung. In die Auswertung eingeflossen sind 1.399 Teilnehmer, darunter 936 Journalisten und 463 journalistische Blogger.

Ergänzende Nutzerbefragung von 156 Nutzern (Studierende), um etwas über Erwartungen und Bewertungen der Nutzer zu erfahren.

Gefördert wurde die Studie von der Otto Brenner Stiftung. Sie kann kostenlos bestellt oder heruntergeladen werden.

(Marcus Klöckner)

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