Blut auf dem Maisfeld

Filmbild: StudioCanal Deutschland

Klaustrophobisch, labyrinthisch, brutal: Gareth Evans "The Raid 2" ist ein "Pate" des Martial-Arts-Gore und der beste Actionknaller der Saison

Ein Kamera-Shot von oben... Man sieht ein Maisfeld, einen Weg und sehr klein unten ein paar Menschen. Einer von ihnen hat einen Kartoffelsack über dem Schädel und winselt um Gnade. Die wird ihm nicht gewährt, die Szene hat nur den Zweck, ein schönes Bild zu zeigen und den Schurken als solchen einzuführen. Dann ein harter Schnitt in einen Innenraum. Gespräche unter Männern.

"The Raid 2" ist ein Männerfilm, es gibt hier einfach so gut wie gar keine Frauenfigur, die Macher haben es noch nicht einmal nötig sicherzustellen, dass ihre Protagonisten sich für Frauen interessieren. Der Held hat eine Ehefrau, die wie die anderen nur dazu da ist, zwei-, dreimal seine Abwesenheit zu bedauern, es gibt zwei Prostituierte, die dazu da sind, sich dumm zu benehmen, um vorzuführen, dass eine Figur allmählich die Selbstkontrolle verliert.

Und es gibt eine mit schönen, rätselhaften Gesicht (Julie Estelle), passenderweise taubstumm und daher nicht mit übermäßigen Dialogsätzen belastet und vom Wesentlichen ablenkend, deren Filmexistenz offenkundig nur den Sinn hat, in jede Hand einen sogenannten "Klauenhammer" zu nehmen und damit in einem U-Bahnwagen ein Dutzend Japaner zu Tode zu prügeln. Aus derlei Einlagen besteht vor allem die Originalität dieses Films.

"The Raid" - das war schon im ersten Teil 2011 einfach nur ein derber Klopperfilm aus Indonesien, bei dem eine Polizeieinheit ein Hochhaus voller böser Menschen stürmen musste und der in seinen immer neuen, immer schwierigeren Stockwerken (i.e. Level) mehr an ein Computerspiel erinnerte als an Kino.

Alles war recht unabhängig, wenn auch für indonesische Verhältnisse groß produziert, aber am Ende doch Unterschichtkino für primitive Karten- und DVD-Käufer aus allen Teilen der Welt. Nach dem überraschenden Welterfolg war nicht nur der zweite Teil eine automatische Konsequenz, auch seine Ausgestaltung macht den Ehrgeiz der Macher deutlich, "The Raid" zu einer breit ausbaubaren Franchise zu entwickeln, die den bereits angekündigten dritten Teil noch deutlich übersteigt.

Filmbild: StudioCanal Deutschland

Jetzt gibt es eine Geschichte, eine echte Dramaturgie, eine Psychologisierung der Figuren, ja sogar einen handfesten Ödipuskomplex und einen Bruderzwist mit Identitätsdilemmata.

Rama heißt der Held beider Filme, nicht etwa nach einer Margarine-Marke, sondern nach dem hinduistischen Gott, genauer der siebten Inkarnation des Gottes Vishnu, womit auch die spirituelle Dimension benannt wäre. Den ersten Teil hat er überlebt, nun wird er vom Leiter der Anti-Korruptions-Einheit der Polizei angeheuert. Dessen Angebot, endgültig aufzuräumen, lehnt er aber ab: "Nein: Kein Interesse." Der Ältere hat schon begriffen, was Rama im Laufe dieses Films erst noch lernen wird:

So etwas wie einen sauberen Krieg gibt es nicht. Machen Sie die Augen auf.

Für den Auftrag einspannen lässt er sich dann aber doch, als er erfährt, dass sein Bruder ermordet wurde.

Jakarta geht es auch nicht anders als New York: Es wird von der Mafia kontrolliert. In diesem Fall von zwei Clans: Bangun leitet die Geschäfte mit Würde und Durchsetzungsfähigkeit, er hat sich aber auch mit der japanischen Konkurrenz arrangiert. Rama soll in sie eingeschleust werden. Dazu kommt er drei Jahre ins Gefängnis, um sich dort mit Banguns Sohn Uco anzufreunden. Das gelingt, und er beginnt in Indonesiens Hauptstadt eine veritable Mafiakarriere.

Filmbild: StudioCanal Deutschland

Dieser Mittelteil vor der vorhersehbaren finalen Eskalation ist das Glanzstück des Films: ein Epos von der Dimension und stellenweise Kraft eines shakespeareschen Königsdramas. Mehr als einmal wirkt "The Raid 2" wie "Der Pate" des Martial-Arts-Gore: Es gibt einen alten Vater, der das Handwerk des Verbrechens immer noch am besten beherrscht, den alten Zeiten nachtrauert und noch wider besseres Wissen mit Begriffen wie Ehre und Vertrauen arbeitet. Brutalität, wo sie nötig scheint, verbindet er mit Würde, wo sie möglich ist.

Unter ihm sein missratener Sohn, dessen Scheitern der Vater ahnt, den Gedanken aber verdrängt und dadurch vom gegelten Kotelettenträger-Sprößling schließlich selbst in den Abgrund des Verrats gestoßen wird. Auch Rama opfert um ein Haar die eigene Familie. Lange zweieinhalb Stunden wird dieses Hin und Her in immer wieder durch wilde Kampfexkurse unterbrochenen Handlungssprüngen, breitgetreten.

Das letzte Drittel ist Kinese pur. Das kann mit seinem ewigen baff-baff, bumm-bumm, baff-bumm-baff schnell arg redundant werden, darum wechseln Schauplätze und Handwerkszeug: Ein metallener Baseballschläger ist für die Tonspur ebenso ein Gewinn wie Glasscheiben in der Hand.

Filmbild: StudioCanal Deutschland

Visuell macht sich Blut im Schnee seit Grimms Märchen wunderbar, mal landet - wbutsch - eine Spitzhacke in einem Herren-Schädel, mal - zzzisch - ein Kopf auf einer heißen Herdplatte, mal bekommt - oohh - ein weißes Kleid rote Flecken, und dauernd - hui - fliegen Menschenkörper aus Fenstern und gegen Wände. Dazu erklingen Händel und Bach, Dödelpop und Deppentecho.

Gegen Ende dann noch eine wahnsinnige Autoverfolgungsjagd, die tatsächlich besser und auch nicht unrealistischer ist als alles, was wir in der Hinsicht bei Michael Mann gesehen haben. So mischt dieser Film geschickt hyperkinetische Martial-Arts-Massaker mit stillerer, inhaltlich anspruchsvollerer Narration und Charakterzeichnung. Man kann da, wie gesagt, an Hollywood-Mafia-Epen denken, man muss auch "Only God Forgives" und Filme Hongkongs und Japans im Kopf haben, vor allem die existentiell-verzweifelte Melancholie des Hongkongkinos findet man auch hier wieder.

Filmbild: StudioCanal Deutschland

Die Räume in denen all das stattfindet, sind ein Thema für sich: nichts Glamuröses, sondern schmutzige Gassen, Spielhöllen, zwielichtige Tanzlokale, ein schlammiger Gefängnishof, eine Hinterhof-Pornoproduktion - die Slums des Organisierten Verbrechens.

Dies ist also zusammenfassend der beste Actionknaller der Saison, besser als der ganze pseudoreligiös aufgeladene amerikanische Superhelden-Quatsch, der einen nur noch ermüdet. Ach ja: Der Regisseur heißt Gareth Evans, der Hauptdarsteller Iko Uwais. Und viel wichtiger: Die deutsche Synchronisation sollte man unbedingt vermeiden, Feinheiten des Dialogs kann man hier nicht verpassen. Aber das Gangster ihre Untergebenen siezen, das gibt es nur auf deutschen Tonspuren.

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