Blut und Busen

Game of Thrones - Staffel 8. Bild: © HBO / Helen Sloan

In den Wonnen der Unübersichtlichkeit: Warum "Game of Thrones" so erfolgreich ist, wie die Serie ausgeht und warum alles nach acht Staffeln nicht zu Ende ist

In der Nacht zum 15. April startete "Game of Thrones" in seine finale Staffel. Noch immer rätselt die globale Fangemeinde, wer von den vielen Heldinnen und Helden überleben wird, wer den Eisernen Thron besteigt und wer das Zeug hat, die Welt vor dem eisigen Nachtkönig zu retten. Oder wird doch alles ganz anders?

"Game of Thrones" ist längst zum globalen Phänomen geworden: 30 Millionen Zuschauer im Schnitt sehen allein in den USA die Serie, mehrere hundert Millionen weltweit, dazu insgesamt geschätzte 1 Milliarde in Form von DVDs sowie illegalen Verbreitungswegen. Inzwischen zieht dieses Phänomen auch Kulturwissenschaftler und Gesellschaftsforscher auf den Plan.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs? Was macht dieses hochkomplexe Serien-Universum mit seiner ausufernden Handlung und über 50 "zentralen" Charakteren so erfolgreich?

"Games of Thrones" enthüllt die schnöde Wahrheit über unsere Kultur

"Westeros" ist keineswegs nur eine fiktive Welt. "Westeros" heißt auch so, weil dieser Kontinent für den Westen steht, genauer für das, was nach seinem Niedergang von ihm übrig blieb. Dieses historische Ereignis ist bis heute kaum zu begreifen. Es bedeutet, dass es zurzeit in unserer entregelten Welt kein Imperium mit politischer Deutungsmacht gibt, mit der Fähigkeit politische Narrative und aus ihnen hervorgehende Regeln zu formulieren, die den Tag und die Stunde überdauern. Die Politik verliert gerade die Fähigkeit, eine solche Macht auch nur zu simulieren.

Game of Thrones - Ein Rückblick (21 Bilder)

Staffel 1. Bild: © HBO Entertainment

"Game of Thrones" repräsentiert die hochmobile Komplexität der heutigen Welt, eine desintegrierte Welt, in der die einst funktionierenden internationalen Institutionen gelähmt und entscheidungsunfähig sind; eine Welt ohne alle Gewissheiten und Regeln; eine Welt, in der die Herrschenden vor allem mit sich selbst beschäftigt sind, mit dem Erhalt ihrer Macht - dies ist vor allem eine Folge tiefer Verunsicherung: Die Elitenkritik stellt den Zustand erst her, den sie kritisiert.

Zugleich ist diese Welt tendenziell unregierbar durch die enorme Beschleunigung der Ereignisse und die zeitliche Parallelität des Grundverschiedenen. "Game of Thrones" repräsentiert in seinem Figurenpersonal auch den "anarchistischen Autoritarismus" (Bernd Ulrich) des gegenwärtigen politischen Alltags: "Immer mehr Menschen sehnen sich nach autoritärer Führung, sind aber keinesfalls bereit, sich führen zu lassen, schon gar nicht autoritär."

Die Serie als Lehrbuch für den politischen Aufstieg

Dazu passt, dass sogar ein Politiker aus der allerersten Reihe, nämlich kein anderer als der Spanier Pablo Iglesias, Gründer der linkspopulistischen "Podemos"-Partei, bereits 2014 ein Buch über die "politischen Lektionen aus 'Games of Thrones'" geschrieben hat: "Ganar o morir. Lecciones políticas en Juego de tronos" - getränkt mit Einsichten von Antonio Gramsci, Carl Schmitt und - vor allem - Niccolo Machiavelli, entfaltet er die Serie als Lehrbuch für den politischen Aufstieg.

Diese Serie widerlegt auch alle Behauptungen, nach denen unsere Gesellschaft eine erhöhte Sensitivität in der Frage der Gleichberechtigung der Frau, der Darstellung von Gewalt, der Exploitation von Schauwerten aller Art an den Tag legen würde - dergleichen existiert tatsächlich nur unter erlesenen Minderheiten.

Der Rest lebt in "spätrömischer Dekadenz" (Guido Westerwelle) und betrachtet gern bereits in der ersten Folge drei Enthauptungen, vier "nicht-einverständige" Sexualakte, diverse Varianten von Mord und Totschlag - grundsätzlich gilt die Herrschaft des Zufalls und das Überleben des Anpassungsfähigsten. "Der Mensch ist dem Anderen ein Wolf" (Thomas Hobbes).

Game of Thrones - Staffel 8 (10 Bilder)

Bild: © HBO / Helen Sloan

"Games of Thrones" enthüllt die schnöde Wahrheit über unsere Kultur.

Dazu gehört auch, dass die Serie ein Popkulturphänomen geworden ist, das längst den Bildschirm hinter sich gelassen hat, dass sie Nicht-Fantasy-Fans und Kulturwissenschaftler erreicht. Das Gefachsimpel des Publikums am nächsten Tag bei der Arbeit oder in der Schule ist hier ebenso wichtig wie die Serie selbst.

Die sozialen Netzwerke laufen heiß, und "Game of Thrones" verwandelt das Publikum für einen kurzen Augenblick wieder in eine Fernsehgemeinde alten Zuschnitts. Das erreichen sonst nur im Fernsehen übertragene Sportereignisse. Und tatsächlich ist die Sport-Analogie vielleicht treffender als der Vergleich mit anderen Serien: Wie in der späteren Match-Analyse werden zwischen den Fans Spielzüge analysiert, Aufstellungen und alternative Enden abgewogen, Stärken und Schwächen der Spieler die Chancen auf den Sieg im nächsten Spiel evaluiert. Und die entscheidende Frage ist auch jetzt: Wer wird gewinnen?

"Game of Thrones" zeigt in seinem Zusammenspiel aus ökonomischer Gier, politischer Krisen und religiösem Fanatismus, was wir überwunden zu haben glaubten, und in was wir zurückfallen.

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