Blutige Grüße

Wie Stalker Grußkartendienste missbrauchen

Was die Liebe genau ist – auf diese Frage haben schon viele Wissenschaftler keine befriedigende Antwort gefunden. Sie wurde biologisch, psychologisch, medizinisch und philosophisch nahezu erfolglos erforscht. Selbst die theologischen Erkenntnisse Gottes Vertreters auf Erden weisen nach Expertenmeinung schwerwiegende Fehler auf.

Auf jeden Fall regt sie vieles in uns an, nicht zuletzt die Phantasie. Wer erinnert sich nicht gerne und wehmütig an seine Kindheit und Jugend, wo man träumte, den oder die Angebetete aus den Klauen von Drachen, Banditen, bösen Stiefeltern oder anderen Unholden zu befreien oder selbst befreit zu werden?

Was in Kindertagen noch positiv angesehen wird, kann jedoch unter Erwachsenen zu ernsten Problemen führen. Die Phantasiewelten von einst können später zu Wahngebäuden in Massivbauweise mutieren, wenn der Liebende den Unterschied zwischen Realität und Phantasie aus den Augen verliert.

Bei manchen Zeitgenossen reicht ein einziger Korb durch den oder die Angebetete; schon wird aus der romantischen Verliebtheit eine schizophrene Psychose. Beliebte Opfer sind natürlich Prominente, aber selbst eine Diplom-Psychologin kann zum Objekt der ungesunden Begierde werden. Ein Stalker belästigte sie per Telefon, drohte sogar mit Mord, wenn sie ihn nicht erhören wolle. Weil seine Psychose zu spät erkannt wurde, litt sein Opfer am Ende unter Angststörungen und musste selbst in Therapie.

Inzwischen schalten nicht nur Prominente Anwäte ein, um Nachstellungen ein Ende zu bereiten; Stalking beschäftigt immer öfter die Staatsanwaltschaften.

Auch Stalker gehen mit der Zeit und nutzen inzwischen gerne das Internet für ihre Aktivitäten. Besonders praktisch sind dabei Grußkartendienste. Das Opfer erwartet einen Liebesgruß oder eine Dankeskarte, findet aber mitunter Mord- und andere Drohungen. Anwälte, für die das Internet und die verwendete Technik kein Böhmisches Dorf ist, bekommen mit wenigen Tricks schnell heraus, wer der Absender ist.

Immer wieder benutzen Menschen Grußkartenportale teilweise anonym dazu (Mord)-Drohungen zu verschicken. So arbeite ich regelmäßig mit der Kriminalpolizei zusammen und muss auf richterlichen Beschluss hin Logfiles und IP-Adressen herausgeben. Jedenfalls kam es bis jetzt nicht nur einmal vor, dass scheinbar Verflossene ihrem Frust freien Lauf ließen.

Marcus Tober, Betreiber von www.grusskartenfreunde.de

Doch das ist in den meisten Fällen nur erforderlich, um vor Gericht zweifelsfrei beweisen zu können, wer der Übeltäter ist. Schließlich leben Stalker in einer Wahnwelt und sehen sich selbst als Opfer übler Machenschaften an, gegen die sie natürlich das Recht auf Gegenwehr haben. Die seelischen Verletzungen bei ihren Opfern nehmen sie dabei in Kauf. Susanne Schumacher berichtet in ihrem Buch „Stalking – geliebt, verfolgt, gehetzt“ von einem geradezu filmreifen Fall, in dem ein als Grußkarte getarnter Trojaner eine Rolle spielt:

Beim Öffnen der Datei lädt die junge Frau sich dadurch einen Trojaner auf die Festplatte und ist seitdem für den Stalker angreifbar. Er meldet sich in Foren an, da er ihren Namen dort kennt, und beginnt unter Pseudonym mit ihr zu chatten. Am Ende hat sie das Gefühl, dass der Stalker hinter ihr steht.

Susanne Schumacher, www.liebeswahn.de

Grußkartendienste wie www.grusskartenfreunde.de haben für Stalker jedoch einen bestechenden Vorteil gegenüber klassischen Belästigungsmethoden: Der eigentliche Grund, warum Stalker so gerne die Grußkarten nutzen, ist ein ganz einfacher: Sie erhalten eine Reaktion.

Briefpost kann ungelesen schon vom Nachbarn entsorgt werden, SMS müssen nicht ankommen, Emails landen vielleicht im Spam-Ordner. Aber Grußkarten müssen in der Regel. abgeholt werden. Und der Stalker erhält seine Bestätigungsmail und weiß, sein Opfer hat sich mit ihm beschäftigt. Ganz egal, ob es um "Ich liebe dich" oder "Ich bringe dich um" geht.

V. Parpart, www.stalkingforum.de

Für www.grusskartenfreunde.de programmiert Macus Tober gerade eine Registrierungspflicht – wer Grußkarten verschicken will, muss zukünftig eine Benutzerkennung besitzen, die mit einer Mailadresse verknüpft ist. Dadurch wird zwar nicht verhindert, dass Stalker den Dienst für ihre Zwecke missbrauchen. Aber ihre Aktivitäten sind schon recht affektgeladen, und da verderben der Registrierungsvorgang und das Warten auf die Mail mit dem Bestätigungslink den „Spaß“. Solange es noch Grußkartendienste ohne Registrierungspflicht gibt, wird das den Missbrauch beschränken.

Vielleicht sollten die Anbieter nicht nur Absendern die Möglichkeit bieten, sich eine Lesebestätigung schicken zu lassen, sondern auch den Empfängern, diese Bestätigung zu verweigern – so wie das im normalen Mailverkehr möglich ist. Oder vielleicht eine Robinson- Liste nur für Grußkarten?

V. Parpart, www.stalkingforum.de

(Volker König)