Blutige Revolution: Der kommunistische Putsch in Afghanistan

Abzug der sowietischen Truppen. Bild: RIA Novosti archive, image #58833 / A. Solomonov / CC-BY-SA-3.0

Am Ende der sowjetischen Besatzung waren zwei Millionen Afghanen tot

Am vergangenen Freitag, den 27.04.2018, jährte sich der kommunistische Putsch in Afghanistan zum 40. Mal. Die sogenannte Saur-Revolution, benannt nach dem gleichnamigen afghanischen Monat, war für viele Afghanen ein historischer und brutaler Wendepunkt. Der Putsch, der an jenem Tag stattfand, war blutig.

Die Kommunisten töteten den ersten afghanischen Präsidenten, Mohammad Daoud Khan, mitsamt seiner Familie, brachten sich an die Macht und errichteten eine brutale Schreckensherrschaft. Noor Mohammad Taraki, der damalige Führer der kommunistischen Partei, ernannte sich zum Staatsoberhaupt und ließ jeden jagen, ermorden und foltern, der sich gegen die "Revolution" stellte, darunter auch seine eigenen Parteikollegen. Um Taraki entstand ein kruder Kult.

Noor Mohammad Taraki

Seine Anhänger nannten ihn den "großen Lehrer", während selbst dem Politbüro in Moskau auffiel, dass ihr ideologischer Partner in Kabul, einst ein erfolgloser Journalist, ein Extremist ist.

Taraki unterstützte den sogenannten "Roten Terror" und vertrat die Auffassung, dass jeder, der sich gegen die Revolution in irgendeine Art und Weise stellt, liquidiert werden müsse, denn genauso hätte es Lenin gepredigt. Dies machte selbst den damaligen sowjetischen Botschafter in Kabul, Alexander Puzanov, nach einem Gespräch mit Taraki sprachlos.

Eine Schreckensherrschaft folgt der anderen

In den darauffolgenden Monaten wütete Taraki. Er ließ willkürlich Ärzte, Lehrer, Ingenieure und andere Zivilisten foltern und hinrichten. Die rund 300.000 traditionellen Mullahs betrachtete der "große Lehrer" als Hindernis gegen den "modernen Fortschritt".

Viele von ihnen landeten in den dunklen Folterkellern des Geheimdienstes und erblickten das Sonnenlicht nie wieder. Tarakis Schreckensherrschaft wurde von dessen Lehrling, Hafizullah Amin, im Oktober 1979 übernommen, nachdem er Taraki ermorden ließ.

Militär am Präsidentenpalast in Kabul am 28. April 1978. Bild: Cleric77 / CC-BY-SA-3.0

Besonders detailliert werden die Umtriebe der afghanischen Kommunisten, die sich nach dem Putsch in zwei Parteien aufspalteten, von Vasili Mitrokhin, einem ehemaligen Archivar des KGB, beschrieben. (siehe Mitrokhin, Vasili: The World Was Going Our Way - The KGB And The Battle For The Third World).

Die von Mitrokhin veröffentlichten Akten machten deutlich, dass führende Kommunisten bereits in den Jahren unter Daoud Khan als Spitzel Moskaus tätig gewesen sind und Decknamen trugen. Dies galt unter anderem für Taraki, aber auch für Mohammad Najibullah, dem letzten kommunistischen Präsidenten Afghanistans.

Anfangs war dieser jedoch Chef des berühmt-berüchtigten, kommunistischen Geheimdienstes KHAD, der unzählige Menschen verschleppen, foltern und töten ließ. Laut Mitrokhins Akten und zahlreichen Augenzeugenberichten beteiligte sich Najibullah selbst ausgiebig an Folterprozeduren. So genoss er es etwa, Gefangene zu Tode zu treten oder ihre Augen mit einem Löffel zu entnehmen.

Die Spuren Amins in die USA

Währenddessen ist die Rolle Amins bis heute in Teilen nicht geklärt. Im Gegensatz zu seinen Parteikollegen hatte dieser nämlich keine eindeutige kommunistische Vergangenheit oder Verbindungen nach Moskau zu Zeiten der Daoud-Regierung. Stattdessen führten Amins Spuren in die Vereinigten Staaten, wo er einige Zeit gelebt und studiert hatte.

Als Amin an die Macht kam, wütete er derart in Kabul, dass das Politbüro ihn loswerden wollte und das Gerücht verbreitete, er sei ein amerikanischer Spion. Da Amin daraufhin allerdings weiterhin wütete und mit seinen Handlungen eine sowjetische Intervention regelrecht provozierte, glaubten einige Entscheidungsträger in Moskau zum Teil, dass ihr verbreitetes Gerücht womöglich sogar der Wahrheit entspreche und die CIA ihre Finger im Spiel habe. Vollkommen geklärt ist dieser Umstand bis heute nicht.

Am Tag nach der Saur Revolution in Kabul. Bild: Cleric77 / CC-BY-SA-3.0

Schon bald darauf intervenierte die UdSSR in Afghanistan und begann ihre fast zehnjährige Besatzung, die rund zwei Millionen Afghanen das Leben kostete.

Amin wurde von den sowjetischen Besatzern getötet und durch einen kontrollierbaren Politiker, Babrak Karmal, ersetzt. Am kommunistischen Schreckensregime änderte dies jedoch nur wenig. Hunderttausende von Menschen waren gezwungen, das Land zu verlassen und wurden zu Geflüchteten.

Imperiale Politik: Nachholbedarf bei der Kritik an der sowjetischen Invasion

Zum gleichen Zeitpunkt war es allgemein bekannt, dass die absolute Mehrzahl der Menschen zu Opfern der Sowjet-Massaker wurden. Laut einem UN-Bericht aus dem Jahr 1986 wurden allein zwischen Januar und September 1985 mindestens 33.000 afghanische Zivilisten getötet, hauptsächlich durch die sowjetische Armee und deren Verbündete in Kabul.

Der Bericht hebt hervor, dass durch aufständische Gruppierungen im selben Zeitraum mehrere hundert Zivilisten getötet wurden, dies allerdings nicht vergleichbar sei mit den Zehntausenden von Opfern, die die Gegenseite verursacht habe. In den Vordergrund wurde auch die Tatsache gestellt, dass das kommunistische Regime in Kabul und seine Unterstützer in Moskau den gezielten Massenmord und Massenfolter von Zivilisten anwenden.

Rückblickend fällt regelmäßig auf, dass der Fokus vieler linker oder vermeintlich kritischer Analysen auf der Rolle der CIA sowie der afghanischen Widerstandskämpfer, der Mudschaheddin, liegt. Hinzu kommt natürlich noch Al-Qaida sowie Osama bin Laden. Die Blicke auf diese Akteure sind wichtig und notwendig für den Diskurs. Das Ausblenden der Rolle Moskaus ist für die Gesamtdiskussion allerdings alles andere als hilfreich.

Einseitiger Anti-Imperialismus

Man kann nicht über den US-amerikanischen Imperialismus schwadronieren, während man die imperiale Politik anderer Mächte ignoriert. Wie kann es sein, dass nicht wenige linke Medien über die sowjetische Invasion Afghanistans kaum ein Wort verloren oder diese gar zelebrierten, während bei der US-Invasion 2001 genau das Gegenteil der Fall gewesen ist?

Manchmal war selbst blanker Rassismus unverkennbar. Der bekannte irisch-amerikanische Journalist Alexander Cockburn, bis heute eine linke Ikone, meinte einst gar, dass Afghanistan es verdient hätte, von den Sowjets "vergewaltigt" zu werden.1

Letztendlich wurde Afghanistan tatsächlich "vergewaltigt". Am Ende der sowjetischen Besatzung waren zwei Millionen Afghanen tot. Währenddessen wurden Millionen weiterer Afghanen zu Geflüchtete gemacht.

Ganze Generationen wurden zerstört und viele junge Menschen schlossen sich militanten Gruppierungen nicht etwa an, weil ihnen das die CIA so befohlen hatte, sondern weil sie ihre Familienmitglieder nach brutalen Massakern oder in den Folterkellen des Kabuler Regimes verloren hatten.

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