Blutige Zukunft

Den mexikanischen Behörden gelang mit der Festnahme des berüchtigten Drogenbosses Treviño Morales ein wichtiger Schlag gegen "Los Zetas". Trotzdem ist ein Ende der Gewalt nicht in Sicht. Zu eng sind die Drogenkartelle mit der Politik verbunden

Triumphaler hätte die Festnahme von Zeta-Chef Miguel Ángel Treviño Morales für die mexikanische Regierung nicht ablaufen können. Noch vor Morgengrauen des 15. Julis stoppte ein Hubschrauber der mexikanischen Kriegsmarine den Pickup-Wagen des berüchtigten Drogenbosses im nordostmexikanischen Grenzgebiet zu den Vereinigten Staaten. Ohne große Gegenwehr ging der 40 Jahre alte Boss des Drogenkartells "Los Zetas" mitsamt seinem Bodyguard und seinem Buchhalter dem Einsatzkommando ins Netz. Im Wagen fand die Kommandoeinheit außerdem zwei Millionen Dollar Bargeld sowie mehrere Waffen und Munition.

Kein einziger Schuss war bei dem Einsatz gefallen. Kein einziger Marinesoldat hatte bei der Festnahme sein Leben lassen müssen. Die Hauptnachrichten im mexikanischen Fernsehen feierten die Ergreifung Treviños als bisher größten Erfolg des seit Dezember amtierenden Präsidenten Enrique Peña Nieto im Drogenkrieg. Die Bilder zeigten einen lässig schlendernden Mann, der ohne Handschellen in den festen Griffen der Elitesoldaten abgeführt wurde. Eine Art Sonderstatus für einen der meistgesuchten Verbrechers Mexikos oder doch nur Ausdruck von Gelassenheit der Sicherheitskräfte, da der Gefangenen sowieso nicht mehr hätte fliehen können?

Fünf Millionen Dollar Kopfgeld hatten die USA für die Ergreifung des grausamen Drogenchefs ausgesetzt, in Mexiko lag die Belohnung bei 30 Millionen Pesos (1,9 Millionen Euro). Treviño alias "El Z-40" werden Mord, Folter, Geldwäsche, Menschenhandel und andere Straftaten zur Last gelegt. Unter anderem soll er auch für das Verschwinden und die Ermordung von 267 Migranten verantwortlich sein. Überhaupt sind der 40-Jährige und seine Kartellmitglieder "Los Zetas" für außergewöhnliche Brutalität bekannt.

In den neunziger Jahren wurde die Gruppe von ehemaligen mexikanischen Elitesoldaten gegründet. Als bewaffnete Milizen dienten sie damals dem Golf-Kartell. Zwischen 2008 und 2010 spalteten sich "Los Zetas" von dem Mutter-Kartell ab. Seitdem liefern sie sich mit dem verfeindeten Sinaloa- und Golf-Kartell einen erbitterten Verteilungskampf in den Bundesstaaten Tamaulipas und Nuevo León im Nordosten Mexikos. Die besonders brutalen Morde gehen meist auf das Konto der "Zetas". Enthauptungen ihrer Gegner und die Verstümmelung von Leichen sind ihr Markenzeichen.

Auch in den anderen Bundesstaaten sowie über die Landesgrenzen hinaus hat die Bande mittlerweile ihren Einflussbereich ausgedehnt. Dabei haben sie als aufstrebende Macht im Lande die traditionellen Arbeitsbereiche der alten Drogenkartelle längst überschritten. Organisierter Menschenhandel, Geldwäsche, Erpressung und sogar Rohstoffhandel in 29 Ländern der Welt sind fester Bestandteil ihrer kriminellen Energie. Außerdem verlangen sie Schutzgelder von Kasinos, Restaurants und Hotels. Rückendeckung erhält das Kartell durch etablierte Beziehungen zu Politikern und einflussreichen Geschäftsmännern. Ein profitables Geschäft für beide Seiten.

Im ominösen goldenen Dreieck des Drogenhandels zwischen den Bundesstaaten Sinaloa, Chihuahua und Durango treten die etablierten Verbindungen am deutlichsten zu Tage. "Wählt die PRI" (PRI – Partei der institutionellen Revolution) lautet dort das Motto der Drogenkartelle, wo ungefähr 80 Prozent der Landesproduktion von Marihuana und Mohn erfolgen. Vor jeder Wahl setzen bewaffnete Banden sich dafür ein, dass Bürger das richtige Kreuzchen beim gewünschten Kandidaten setzen. Im Gegenzug revanchieren sich die gewählten Funktionäre durch Straffreiheit bei ihren Helfern.

Bei der letzten Präsidentschaftswahl im Juli 2012 errichteten bewaffnete Banden Straßensperren, die nur PRI-Angehörige und die Mitglieder der öffentlichen Wahlbehörde durchließen. In Chihuahua schlossen Narcos sogar Hunderte von Rarámuris-Indígenas in Lagerräumen ein und drohten, die Häuser derjenigen anzuzünden, die nicht für die Kandidaten der PRI stimmen würden.

Aber auch Polizisten sind in das schmutzige Geschäft involviert. Erst Ende März dieses Jahres wurden in Durango 29 Polizisten wegen Unterstützung der beiden Drogenkartelle "Los Zetas" und "Sinaloa" dem Haftrichter vorgeführt. Besonders bei der Erpressung von illegalen Migranten auf dem Weg in die USA spielen sich Polizei und Kartellmitglieder gegenseitig in die Hände.

Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam äußerte sich letzten Donnerstag positiv über die Zukunft des vom Drogenkrieg zerrütteten Mexikos. Seiner Meinung nach werde die Gewalt im Land durch die Festnahme Treviños abnehmen, da die Mehrheit der blutigen Konflikte auf die Rechnung der "Zetas" gehe.

Sicherheitsexperten wiederum vermuten, dass die Gewalt kurzfristig ansteige. Verfeindete Kartelle werden wohl die Gunst der Lage nutzen, um den Zetas ihren Einflussbereich streitig zu machen. Auch stärke der Schlag gegen die "Zetas" das verfeindete Sinaloa-Kartell. Während "Los Zetas" der Zerfall in immer kleinere verfeindete Kartelle drohe, hätten ältere Kartelle bessere Zukunftschancen, um als geschlossene Gruppe fortzubestehen. Zwischen Splittergruppen innerhalb des Zeta-Kartells wiederum könnten blutige Machtkämpfe um die Nachfolge von "El Z-40" entstehen. Als Favorit gilt sein jüngere Bruder Omar Treviño Morales alias "El Z-42".

Korruptionsexperte Edgardo Buscaglia sieht in der Festnahme des brutalen Drogenboss ein abgekartetes Spiel zwischen mexikanischer Regierung und dem Chef des Kartells. Der Wissenschaftler geht davon aus, Treviño habe sich freiwillig den Sicherheitskräften übergeben. Zu viele Feinde habe er sich durch seine expansiven Strategien als Drogenboss erschaffen und bange jetzt um seine Sicherheit. Durch den Austausch an Informationen über Hintermänner könnte er wohl eine mildere Strafe beim bevorstehenden Prozess erwarten. Sieben Haftbefehle und zwölf Vorermittlungen lagen gegen den Drogenboss vor. Die gewonnenen Daten würden der mexikanischen Regierung wiederum helfen, ihre Gegner im geschwächten Rechtsstaat zu mehr politischer Disziplin zu zwingen. Doch dafür müsste sie die politisch-wirtschaftlichen Netzwerke zwischen Kartellmitgliedern und Staatsfunktionären offenlegen, was in dem durch Korruption zerfressenen Staat wohl nur schwer passieren wird.

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