Blutiger Einstieg in die parlamentarische Demokratie: Der Kapp-Putsch

Internationale Dimensionen des Kapp-Putsches

Zunächst einmal: Die Forderung nach Auslieferung der deutschen Kriegsverbrecher aus dem Ersten Weltkrieg wurde seitens der Alliierten relativ schnell fallengelassen. Nunmehr sollte ein deutsches Spezialgericht die Verbrecher aburteilen.

Was einer stillschweigenden Amnestie gleichkommt, da auch den Vertretern der Entente nicht entgangen sein kann, dass die deutsche Justiz wenig Bereitschaft zeigte, auf Konfrontationskurs gegen hochrangige deutsche Militärs umzuschwenken.

Der Kapp-Putsch hatte durchaus internationale Dimensionen. Am 15. März 1920 bekommt Harry Graf Kessler in Bern Besuch aus Deutschland, der ihm berichtet:2 "Die Engländer stünden der Sache [Kapp-Putsch] sympathisch gegenüber, weil sie eine reaktionäre Regierung in Deutschland gegen Russland [Bolschewisten] zu verwenden hofften."

Es geht aber noch weiter. Die deutschen Territorien westlich des Rheins sind mittlerweile von französischen, britischen und US-amerikanischen Streitkräften besetzt. In Koblenz befehligt der amerikanische General Henry T. Allen die enklavenartige amerikanische Besatzungszone. Allen schreibt in sein Tagebuch am 14. März 1920:3

Einige Mitglieder meiner Gruppe 2 glauben, in dem Putsch Englands Hand zu entdecken, doch vermag ich nicht einzusehen, was ein auf der Kippe stehendes Deutschland den Engländern nützen kann.

General Henry T. Allen

Am 17. März hat General Allen allerdings seine Skepsis abgelegt, denn er notiert:4 "Die merkwürdige Art, mit der englische Agenten in den verschiedenen Hauptstädten Deutschlands auftauchen und gehört zu werden scheinen, macht fast den Eindruck eines abgekarteten Spiels bei den letzten deutschen Ereignissen."

Der Pressesprecher der Putschisten

Zu den unzähligen Merkwürdigkeiten dieses Kapp-Theaters gehört das plötzliche Auftauchen einer äußerst obskuren Gestalt als "Pressesprecher" der Putschisten: Die Rede ist von Ignaz Lincoln-Trebitsch. Ein Abenteurer in allen Winkeln der Erde.

Geboren im orthodox-jüdischen Milieu Ungarns der KuK-Monarchie wuchs Trebitsch-Lincoln unter anderem in Hamburg auf, ging nach Kanada, diesmal als presbyterianischer Prediger, macht in England Karriere als liberaler Unterhausabgeordneter, versucht sich im Ersten Weltkrieg als Ölmakler auf dem Balkan, ist "militärischer Zensor" - was immer das bedeuten soll. Flieht in die USA, wird von dort nach England ausgeliefert und muss in England wegen Betrügerei und Spionage für Deutschland drei Jahre im Zuchthaus absitzen.

1919 sehen wir ihn beim gerade abgedankten Kaiser Wilhelm II., angeblich um selbigen zu interviewen. Und dann ist er plötzlich mitten im Zentrum des Kapp-Putsches. Dass der deutsche Oberst Max Bauer den bunten Vogel Trebitsch-Lincoln mit Nachdruck in die Position eines Repräsentanten der Putschisten geschubst hatte, brachte ihm durchaus kontroverse Reaktionen ein.

Die Rüstungsindustrie

Max Bauer war ein zentraler Organisator im Umfeld des faktischen Militärdiktators Erich Ludendorff. Bauer half mit, im Weltkrieg den damaligen Kriegsminister und obersten militärischen Befehlshaber Erich von Falkenhayn zu stürzen und Ludendorff in den Sattel zu helfen. Auf Bauer geht der Einsatz von Flammenwerfern und Giftgas im festgefahrenen Stellungskrieg zurück. Man kann Bauer getrost als einen Lobbyisten der Rüstungsindustrie, insbesondere von Krupp, bezeichnen.

Bauer war auch Verbindungsmann vom Alldeutschen Verband, einem außerordentlich aggressiven Lobbyverein der deutschen Rüstungswirtschaft, zur Obersten Heeresleitung (OHL). Nach der Niederlage gründete Bauer die Nationale Vereinigung, ein Bindeglied der deutschen Industrie zu aggressiven Militärführern und Politikern, die eine autoritäre antikommunistische Diktatur anstrebten.

Später, nach der Blamage mit dem Kapp-Putsch, hatte Bauer allerdings keine Bedenken, seine Kontakte zu deutschen Herstellern von Giftgas auch den Bolschewisten anzubieten. Daraus entstand eine heimliche Giftgaseinheit der deutschen Reichswehr im russischen Ort Lipezk. Max Bauer unterhielt vor und während des Kapp-Putsches nachweislich Kontakte zu leitenden britischen Militärs.5

Es gibt aber noch eine weit relevantere Spur, die auf eine geopolitische Dimension des Kapp-Abenteuers deutet. Dahin führt uns der Aufruf zum Generalstreik durch die SPD-geführte Reichsregierung: "Wir paktieren nicht mit Baltikumsverbrechern!"

Was hatte das Baltikum mit dem Putsch zu tun?

Kampf gegen den Bolschewismus

Bekannt ist, dass als Ergebnis der Waffenstillstandsvereinbarung vom November 1918 die deutschen Streitkräfte sich verpflichteten, umgehend besetzte ausländische Territorien zu räumen und sich nach Deutschland zurückzuziehen.

Weitgehend unbekannt ist dagegen der Artikel 12 der Waffenstillstandsvereinbarung. Der besagt nämlich, dass deutsche Streitkräfte dort mobilisiert und bewaffnet bleiben, wo die Alliierten sie im Kampf gegen den Bolschewismus einzusetzen gedenken. Und die Westmächte versuchten an mehreren Flanken das neue Sowjetreich niederzustrecken.

In Archangelsk befand sich eine US-amerikanische Division, die sich "Polarbären" nannte und die eine tschechoslowakische Söldnertruppe sowie liegen gebliebenes amerikanisches Kriegsgeschirr, das für die zaristischen Truppen gedacht war, vor den heranrückenden Sowjets schützen sollte.

Eine antibolschewistische russische Truppe unter General Judenitsch lauerte vor Petrograd. Und im Baltikum war das 6. Deutsche Armee Corps unter Rüdiger von der Goltz, die berüchtigte Eiserne Division, mit 73.000 deutschen Soldaten.6

Befehligt wurden sie durch die britische First Light Cruiser Squadron unter Konteradmiral Cowan, die in der Ostsee vor Anker lag. Angeblich sollte sie nautische Aktivitäten der Deutschen behindern. Tatsächlich taten sie aber gerade das Gegenteil, so dass am 16. April 1919 das Freikorps Westfalen unter Pfeffer von Salomon komfortabel über den Seeweg nach Lettland gelangen kann.

"Baltikumer" gegen Landreformen

Die deutschen Soldaten und Söldner sollen die russischen und baltischen Kommunisten vernichten, aber auch die russischen und deutschen Großgrundbesitzer vor demokratischen Landreformen der gemäßigten lettischen, estnischen und litauischen Politiker schützen. Auch der deutsche Kriegsminister und Sozialdemokrat Noske lässt sich am 26. April in Libau blicken, um den Fortgang der kriegerischen Bemühungen seiner Landsleute zu inspizieren.

In der Schlacht zu Wenden am 19. Juni 1919, bei dem die Deutschen Max Bauers Giftgas einsetzen, kann eine estnisch-lettische Armee die deutschen Söldner entscheidend besiegen. Den finalen Schlag können sie jedoch gegen ihre Peiniger nicht ausführen, da ihnen die Engländer unter Führung von Colonel Harold Alexander massive Vergeltung androhen, sollten sie nicht sofort mit den deutschen Söldnern Frieden schließen.

Die deutschen Verbände werden zum Schein aufgelöst, um sich sodann einer russischen Truppe unter dem kosakischen Abenteurer Pavel Avalov-Belmondt anzuschließen. Diese bunte Truppe soll nun General Judenitsch vor Petrograd zu Hilfe kommen.

Am 3. November stellen lettische und estnische Verbände deutsche Söldner an der Kurischen Küste. Ihnen kommt aus Deutschland das Freikorps Rossbach zu Hilfe. Beide gemeinsam praktizieren im Baltikum die Politik der verbrannten Erde.

Die westalliierten Generäle Gough (Großbritannien), Boset (Frankreich) und Dawley (USA) machen den Esten und Letten erneut unmissverständlich klar, dass jede Landreform zu unterbleiben hat, und dass nunmehr die deutschen Söldner ungestört nach Deutschland abziehen sollen.

Nachdem die Freikorps-Brandschatzer noch halb Litauen ausgeplündert haben, kehren sie, geschlagen, gedemütigt und vollkommen abgestumpft, am 13. Dezember über Ostpreußen heim ins Deutsche Reich. Ihr Leben verdanken sie den Westalliierten. Nachdem sie kurze Zeit als Landarbeiter auf ostelbische Güter verteilt wurden, treffen wir sie wenige Monate später beim Kapp-Putsch wieder.

Die "Baltikumer" werden, wie wir an der Verlautbarung der SPD-Regierung ablesen können, als aktiver Kern des Kapp-Putsches von der Öffentlichkeit erkannt. Es ist nicht zu verstehen, warum unsere Historikerzunft diese Zusammenhänge, die auf eine geopolitische Dimension des Kapp-Putsches hinweisen, komplett ignoriert haben.

Die Faschisierung Deutschlands

Der Kapp-Putsch war ein erster, dilettantisch vorgetragener Versuch, der von der Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit gewünschten Demokratisierung Deutschlands einen Riegel vorzuschieben. Weitere Versuche sollten folgen, so z.B. der von Hitler und von Ludendorff vorgetragene Münchner "Bierhallenputsch". Die Bemühungen gewannen an Professionalität und endeten 1933 im Sieg der Nationalsozialisten.

Die Baltikumer sollten wesentlichen Anteil an dieser Faschisierung Deutschlands haben. Hier einige Namen von "Baltikumern": Eiserne Division: ein Teil der Mannschaft wechselte später in die 2. Marine-Brigade Ehrhardt. Prominente Mitglieder: Major von Lossow oder der spätere Generaloberst Heinz Guderian. Freikorps Roßbach: Teile der Mannschaften kämpften in Oberschlesien gegen Polen. Später waren sie an Hitlers Münchner Bierhallenputsch 1923 beteiligt.

Prominente Teilnehmer: Martin Bormann, Kurt Deluege (SS, Generaloberst der Polizei), sowie der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss. Freikorps Westfalen unter Pfeffer von Salomon: besonders brutal bei Niederschlagung des Ruhraufstandes im April 1920. Aus dem Freikorps Baltische Landeswehr ging der spätere General der Fallschirmtruppe, Hermann-Bernhardt Ramcke, hervor. (Hermann Ploppa)