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Blutiger Einstieg in die parlamentarische Demokratie: Der Kapp-Putsch

März 1920: Putschende Soldaten mit Transparent am Berliner Wilhelmplatz vor dem abgeriegelten Regierungsviertel. Bild: Bundesarchiv, Bild 183-J0305-0600-003 / CC-BY-SA 3.0

War das der Staatsstreich entfesselter Abenteurer oder handelte es sich um einen geopolitischen Schachzug?

Die ganze Nacht vom Freitag, dem 12. März 1920, auf den darauffolgenden Samstag sitzen Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD), Reichskanzler Gustav Bauer (ebenfalls SPD) und die anwesenden Minister zusammen. Sie sind wirklich nicht zu beneiden. Denn hohe Militärs haben ihnen gedroht, in Berlin einzumarschieren, wenn die Regierung tatsächlich die neu gebildete Reichswehr auf 100.000 Soldaten begrenzen sollte.

Die Beunruhigung der Militärs ist ein Stück weit nachvollziehbar. Die kaiserlichen Streitkräfte hielten immerhin 400.000 Soldaten in Lohn und Brot. 300.000 entlassene Soldaten werden die sowieso schon deprimierend hohe Arbeitslosigkeit weiter verschärfen. Auf die Straße geworfene Soldaten, die nach vier Jahren brutalem Stellungskrieg eigentlich erst einmal dringend eine Behandlung ihrer Traumata benötigen, bevor man sie wieder in die Fabriken schickt.

Das interessiert naturgemäß die höheren Offiziere weniger. Sie fürchten einen massiven Machtverlust durch die zusammengestutzte Truppe. Der Vertrag von Versailles, der Deutschland von den Siegermächten nach dem Ersten Weltkrieg diktiert wurde1 [1] , sah neben dem massiven Personalabbau auch ein Verbot der Fliegerei für alle Waffengattungen und ein Ende aller Panzerdivisionen vor.

Die Stimmung war also auf das Äußerste gereizt in jenen Märzwochen, da es der Regierung nicht gelungen war, den Siegermächten wenigstens ein Zugeständnis über insgesamt 200.000 Soldaten abzuringen.

Reichswehrminister Gustav Noske, ebenfalls SPD, unterhielt exzellente Beziehungen zu den Militärs. Er hatte arbeitslose Frontsoldaten, die nicht in das komplexer gewordene Zivilleben zurückkehren wollten, in neu gebildeten illegalen Söldnertruppen unterzubringen gewusst.

Die Freikorps

Als nach dem Waffenstillstand im November 1918 in Deutschland eine starke Bewegung für direkte Demokratie durch Arbeiter- und Soldatenräte aufkam, hetzte Noske seine Freikorpssoldaten auf die wehrlose Bevölkerung. Die Söldner beendeten in außerordentlich brutalen Massakern diese Ansätze von Basisdemokratie.

Noske wurde der Satz "einer muss ja den Bluthund abgeben!" zugeschrieben. Jetzt befinden sich Noske und sein Vorgesetzter Friedrich Ebert in der Zwickmühle einer unheilvollen Symbiose mit den von ihnen ins Leben gerufenen Freikorpsverbänden.

Als nun Gustav Noske am 29. Februar 1920 von den Militärs die Auflösung der Marinebrigade Ehrhardt fordert, wird dies von den Offizieren als Verrat gewertet. "Marinebrigade Ehrhardt" ist eine glatte Irreführung, denn diese besonders brutale Mördertruppe ist keine reguläre Einheit der Marine, sondern eine teilweise von Privatleuten finanzierte Söldnertruppe.

Es ist nichtsdestoweniger eine besonders scharfe Waffe der Militärs. Sie betrachten die Freikorpseinheiten nämlich als ihre inoffizielle Reserve, mit der sie die Beschränkungen durch den Versailler Vertrag unterlaufen wollen.

Lüttwitz: Ebert soll die Weimarer Nationalversammlung auflösen

Haudegen Ehrhardt ignoriert die Auflösungsaufforderung und hält demonstrativ am 1. März eine schneidige Parade mit seinen Schlägerbanden ab. Noske meint es aber diesmal ernst. Der Kriegsminister setzt Ehrhardt ab und delegiert die Führung dieser Brigade an die reguläre Marine. Da geht General Walther von Lüttwitz aus der Deckung und nimmt den großen Dienstweg.

Er baut sich am 10. März vor Reichspräsident Ebert auf: Die geplante Auflösung der Marinebrigade Ehrhardt soll gefälligst zurückgenommen werden. Und Lüttwitz schiebt noch politische Forderungen nach: Ebert soll die Weimarer Nationalversammlung, in der immer noch an der Verfassung der neuen Republik gefeilt wird, auflösen und Neuwahlen zum Reichstag veranlassen.

Das sehen Ebert und Noske nun gar nicht ein. Sie schicken den größenwahnsinnigen Lüttwitz, verzuckert durch eine Beförderung, in die einstweilige Beurlaubung. Lüttwitz schäumt und fährt nach Döberitz bei Berlin. Dort hat sich der widerspenstige Kommandant Ehrhardt mit seiner Brigade verschanzt. Lüttwitz fordert die Söldner auf, nach Berlin zu marschieren und die neuerdings eigensinnig gewordene Regierung einkesseln, abzusetzen und zu verhaften.

Die Putschisten

Zugleich ruft Lüttwitz bei dem ostpreußischen Landschaftsdirektor (was ungefähr der Position eines Regierungsdirektors entspricht) Wolfgang Kapp sowie bei dem bereits früher zwangsbeurlaubten Offizier Waldemar Pabst und bei Erich Ludendorff an. Sie sollen auch nach Berlin kommen und dort die neue Putschistenregierung anleiten.

Eigentlich ein klarer Fall von Insubordination. Eigentlich müssten alle anderen militärischen und polizeilichen Kräfte die Putschisten sofort verhaften. Doch der Geist weht ganz anders in jenen harten Nachkriegstagen. Die preußische Sicherheitspolizei verweigert Noske die Gefolgschaft und lässt durchblicken, dass sie sich den Putschisten gegenüber in wohlwollender Neutralität verhalten wird. Auf wen also soll die amtierende rechtmäßige Regierung sich stützen?

Es wird eng. Am Freitag dem 12. März nachts um halb zwölf hat Noske alle Kommandeure um sich versammelt. Und diese lassen den Reichskriegsminister wissen, dass sie es eher mit General Lüttwitz und seinen Freunden halten als mit dem zivilen Minister.

Den sozialdemokratischen Regierungsmitgliedern schwant, dass die Geister, die sie 1918 riefen, ihnen jetzt die Gurgel zudrehen werden. Am Samstagmorgen, dem 13. März 1920, können sie um 6:25 gerade noch durch den Hinterausgang entkommen, während die fröhlich Kampflieder schmetternden Totschläger der Brigade Ehrhardt durch das Brandenburger Tor ins Regierungsviertel einmarschieren.

In Dresden findet sich auch kein Militär, der die Reichsregierung beschützen will. In Stuttgart schließlich finden Ebert und Noske mit ihren Mitarbeitern Unterschlupf. Sicher und willkommen sind sie hier auch nicht wirklich. Im Schwabenland sind die Militärs zumindest nicht zu hundert Prozent gegen die Zivilregierung eingestellt.

Generalstreik der Arbeiter und ein Massaker

Dass die Herrschaft der blanken Waffengewalt nicht obsiegt, verdanken Ebert und seine Mitstreiter einer einmaligen Koalition aus Arbeiterbewegung und bürgerlich-konservativ geprägter Bürokratie. Für über eine Woche stehen nun in Deutschland alle industriellen Räder still.

Die Arbeiter und Angestellten treten in einen Generalstreik. Als Kapp, Lüttwitz, Pabst und Ludendorff illegal die Regierungssessel in Berlin besetzen, findet sich kein einziger Mitarbeiter der Ministerialbürokratie, der die Anordnungen der Hasardeure umzusetzen bereit ist.

Reichsbankpräsident Rudolf Havenstein verweigert jede Transaktion, sodass die Putschisten bald ohne Geld dastehen. Die Usurpatoren müssen ihre Söldner schließlich mit einem regelmäßigen Sold versehen, sonst legen auch diese Gewaltprofis ihre Gewehre beiseite.

Die Arbeiter- und Soldatenrätebewegung erlebt eine bemerkenswerte Renaissance. Die Massen sind mobilisiert, worauf die Sicherheitspolizei mit Terror aus der Luft reagiert: Die Beamten bombardieren Arbeiterviertel. Als Reaktion auf den Angriff von rechts entstehen Revolten in Thüringen und Sachsen.

Im Westen formiert sich eine Ruhrarmee mit bis zu 120.000 bewaffneten Arbeitern, die den Freikorps zu schaffen machen. Schließlich gewinnen die Freikorps doch noch die Oberhand und es kommt zu einem monströsen Massaker.

Ein strafloses Ende

In Berlin sind noch Regierungsmitglieder bürgerlicher Parteien zurückgeblieben, wie z.B. der liberale Vizekanzler und Justizminister Eugen Schiffer von der Deutschen Demokratischen Partei. Zusammen mit dem ehemaligen Staatssekretär Karl Trimborn von der katholischen Zentrumspartei ermöglicht Schiffer den gescheiterten Putschisten einen sanften Abgang.

Am 17. März tritt die Regierung Lüttwitz zurück, nachdem ihr Trimborn und Schiffer eine Amnestie in Aussicht gestellt haben. Unbehelligt verlassen Lüttwitz, Ludendorff und Konsorten das Berliner Regierungsviertel.

Am 23. März beenden die Gewerkschaften ihren Generalstreik. Präsident Ebert ist wieder im Amt. Reichskanzler Gustav Bauer (SPD) allerdings muss gehen. Und auch Noske ist nicht länger zu halten. Zu deutlich ist, dass der "Bluthund" jene Kräfte erst möglich gemacht hat, die jetzt so viel Stress verursacht haben.

Und die Gewerkschaften, die gerade eine beachtliche Kraft entfaltet haben, will Ebert dadurch bändigen, dass er den Vorsitzenden des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Carl Legien, zum neuen Reichskanzler ernennen will.

... und eine konspirative Terroristengruppe

Der lehnt jedoch dankend ab. So wird der farblose SPD-Parteisoldat Hermann Müller neuer Kanzler. Die Freikorps-Schlächter kommen straflos davon. Die Brigade Ehrhardt wird allerdings aufgelöst. Doch der verwegene Abenteurer Ehrhardt schmiedet mit der Organisation Consul eine konspirative Terroristengruppe.

Sie wird in den folgenden Jahren einige der brillantesten Politiker der Weimarer Republik wie zum Beispiel Matthias Erzberger oder Walther Rathenau ermorden und der fragilen Demokratie auf diese Weise unersetzliche Lücken reißen.

Soweit der Ablauf der Ereignisse. In der offiziellen Geschichtsschreibung wird immer wieder betont, dass der Kapp-Putsch eine Aktion deutschnationaler Militärs gewesen sei, um die strengen Bestimmungen des Versailler Vertrages einer Minimierung der deutschen Streitkräfte zu unterlaufen und eine mögliche Auslieferung deutscher Kriegsverbrecher an die Alliierten zu verhindern. Die Alliierten hätten den Kapp-Putsch nicht gerne gesehen.

Internationale Dimensionen des Kapp-Putsches

Zunächst einmal: Die Forderung nach Auslieferung der deutschen Kriegsverbrecher aus dem Ersten Weltkrieg wurde seitens der Alliierten relativ schnell fallengelassen. Nunmehr sollte ein deutsches Spezialgericht die Verbrecher aburteilen.

Was einer stillschweigenden Amnestie gleichkommt, da auch den Vertretern der Entente nicht entgangen sein kann, dass die deutsche Justiz wenig Bereitschaft zeigte, auf Konfrontationskurs gegen hochrangige deutsche Militärs umzuschwenken.

Der Kapp-Putsch hatte durchaus internationale Dimensionen. Am 15. März 1920 bekommt Harry Graf Kessler in Bern Besuch aus Deutschland, der ihm berichtet:2 [2] "Die Engländer stünden der Sache [Kapp-Putsch] sympathisch gegenüber, weil sie eine reaktionäre Regierung in Deutschland gegen Russland [Bolschewisten] zu verwenden hofften."

Es geht aber noch weiter. Die deutschen Territorien westlich des Rheins sind mittlerweile von französischen, britischen und US-amerikanischen Streitkräften besetzt. In Koblenz befehligt der amerikanische General Henry T. Allen die enklavenartige amerikanische Besatzungszone. Allen schreibt in sein Tagebuch am 14. März 1920:3 [3]

Einige Mitglieder meiner Gruppe 2 glauben, in dem Putsch Englands Hand zu entdecken, doch vermag ich nicht einzusehen, was ein auf der Kippe stehendes Deutschland den Engländern nützen kann.

General Henry T. Allen

Am 17. März hat General Allen allerdings seine Skepsis abgelegt, denn er notiert:4 [4] "Die merkwürdige Art, mit der englische Agenten in den verschiedenen Hauptstädten Deutschlands auftauchen und gehört zu werden scheinen, macht fast den Eindruck eines abgekarteten Spiels bei den letzten deutschen Ereignissen."

Der Pressesprecher der Putschisten

Zu den unzähligen Merkwürdigkeiten dieses Kapp-Theaters gehört das plötzliche Auftauchen einer äußerst obskuren Gestalt als "Pressesprecher" der Putschisten: Die Rede ist von Ignaz Lincoln-Trebitsch. Ein Abenteurer in allen Winkeln der Erde.

Geboren im orthodox-jüdischen Milieu Ungarns der KuK-Monarchie wuchs Trebitsch-Lincoln unter anderem in Hamburg auf, ging nach Kanada, diesmal als presbyterianischer Prediger, macht in England Karriere als liberaler Unterhausabgeordneter, versucht sich im Ersten Weltkrieg als Ölmakler auf dem Balkan, ist "militärischer Zensor" - was immer das bedeuten soll. Flieht in die USA, wird von dort nach England ausgeliefert und muss in England wegen Betrügerei und Spionage für Deutschland drei Jahre im Zuchthaus absitzen.

1919 sehen wir ihn beim gerade abgedankten Kaiser Wilhelm II., angeblich um selbigen zu interviewen. Und dann ist er plötzlich mitten im Zentrum des Kapp-Putsches. Dass der deutsche Oberst Max Bauer den bunten Vogel Trebitsch-Lincoln mit Nachdruck in die Position eines Repräsentanten der Putschisten geschubst hatte, brachte ihm durchaus kontroverse Reaktionen ein.

Die Rüstungsindustrie

Max Bauer war ein zentraler Organisator im Umfeld des faktischen Militärdiktators Erich Ludendorff. Bauer half mit, im Weltkrieg den damaligen Kriegsminister und obersten militärischen Befehlshaber Erich von Falkenhayn zu stürzen und Ludendorff in den Sattel zu helfen. Auf Bauer geht der Einsatz von Flammenwerfern und Giftgas im festgefahrenen Stellungskrieg zurück. Man kann Bauer getrost als einen Lobbyisten der Rüstungsindustrie, insbesondere von Krupp, bezeichnen.

Bauer war auch Verbindungsmann vom Alldeutschen Verband, einem außerordentlich aggressiven Lobbyverein der deutschen Rüstungswirtschaft, zur Obersten Heeresleitung (OHL). Nach der Niederlage gründete Bauer die Nationale Vereinigung, ein Bindeglied der deutschen Industrie zu aggressiven Militärführern und Politikern, die eine autoritäre antikommunistische Diktatur anstrebten.

Später, nach der Blamage mit dem Kapp-Putsch, hatte Bauer allerdings keine Bedenken, seine Kontakte zu deutschen Herstellern von Giftgas auch den Bolschewisten anzubieten. Daraus entstand eine heimliche Giftgaseinheit der deutschen Reichswehr im russischen Ort Lipezk. Max Bauer unterhielt vor und während des Kapp-Putsches nachweislich Kontakte zu leitenden britischen Militärs.5 [5]

Es gibt aber noch eine weit relevantere Spur, die auf eine geopolitische Dimension des Kapp-Abenteuers deutet. Dahin führt uns der Aufruf zum Generalstreik durch die SPD-geführte Reichsregierung: "Wir paktieren nicht mit Baltikumsverbrechern!"

Was hatte das Baltikum mit dem Putsch zu tun?

Kampf gegen den Bolschewismus

Bekannt ist, dass als Ergebnis der Waffenstillstandsvereinbarung vom November 1918 die deutschen Streitkräfte sich verpflichteten, umgehend besetzte ausländische Territorien zu räumen und sich nach Deutschland zurückzuziehen.

Weitgehend unbekannt ist dagegen der Artikel 12 der Waffenstillstandsvereinbarung. Der besagt nämlich, dass deutsche Streitkräfte dort mobilisiert und bewaffnet bleiben, wo die Alliierten sie im Kampf gegen den Bolschewismus einzusetzen gedenken. Und die Westmächte versuchten an mehreren Flanken das neue Sowjetreich niederzustrecken.

In Archangelsk befand sich eine US-amerikanische Division, die sich "Polarbären" nannte und die eine tschechoslowakische Söldnertruppe sowie liegen gebliebenes amerikanisches Kriegsgeschirr, das für die zaristischen Truppen gedacht war, vor den heranrückenden Sowjets schützen sollte.

Eine antibolschewistische russische Truppe unter General Judenitsch lauerte vor Petrograd. Und im Baltikum war das 6. Deutsche Armee Corps unter Rüdiger von der Goltz, die berüchtigte Eiserne Division, mit 73.000 deutschen Soldaten.6 [6]

Befehligt wurden sie durch die britische First Light Cruiser Squadron unter Konteradmiral Cowan, die in der Ostsee vor Anker lag. Angeblich sollte sie nautische Aktivitäten der Deutschen behindern. Tatsächlich taten sie aber gerade das Gegenteil, so dass am 16. April 1919 das Freikorps Westfalen unter Pfeffer von Salomon komfortabel über den Seeweg nach Lettland gelangen kann.

"Baltikumer" gegen Landreformen

Die deutschen Soldaten und Söldner sollen die russischen und baltischen Kommunisten vernichten, aber auch die russischen und deutschen Großgrundbesitzer vor demokratischen Landreformen der gemäßigten lettischen, estnischen und litauischen Politiker schützen. Auch der deutsche Kriegsminister und Sozialdemokrat Noske lässt sich am 26. April in Libau blicken, um den Fortgang der kriegerischen Bemühungen seiner Landsleute zu inspizieren.

In der Schlacht zu Wenden am 19. Juni 1919, bei dem die Deutschen Max Bauers Giftgas einsetzen, kann eine estnisch-lettische Armee die deutschen Söldner entscheidend besiegen. Den finalen Schlag können sie jedoch gegen ihre Peiniger nicht ausführen, da ihnen die Engländer unter Führung von Colonel Harold Alexander massive Vergeltung androhen, sollten sie nicht sofort mit den deutschen Söldnern Frieden schließen.

Die deutschen Verbände werden zum Schein aufgelöst, um sich sodann einer russischen Truppe unter dem kosakischen Abenteurer Pavel Avalov-Belmondt anzuschließen. Diese bunte Truppe soll nun General Judenitsch vor Petrograd zu Hilfe kommen.

Am 3. November stellen lettische und estnische Verbände deutsche Söldner an der Kurischen Küste. Ihnen kommt aus Deutschland das Freikorps Rossbach zu Hilfe. Beide gemeinsam praktizieren im Baltikum die Politik der verbrannten Erde.

Die westalliierten Generäle Gough (Großbritannien), Boset (Frankreich) und Dawley (USA) machen den Esten und Letten erneut unmissverständlich klar, dass jede Landreform zu unterbleiben hat, und dass nunmehr die deutschen Söldner ungestört nach Deutschland abziehen sollen.

Nachdem die Freikorps-Brandschatzer noch halb Litauen ausgeplündert haben, kehren sie, geschlagen, gedemütigt und vollkommen abgestumpft, am 13. Dezember über Ostpreußen heim ins Deutsche Reich. Ihr Leben verdanken sie den Westalliierten. Nachdem sie kurze Zeit als Landarbeiter auf ostelbische Güter verteilt wurden, treffen wir sie wenige Monate später beim Kapp-Putsch wieder.

Die "Baltikumer" werden, wie wir an der Verlautbarung der SPD-Regierung ablesen können, als aktiver Kern des Kapp-Putsches von der Öffentlichkeit erkannt. Es ist nicht zu verstehen, warum unsere Historikerzunft diese Zusammenhänge, die auf eine geopolitische Dimension des Kapp-Putsches hinweisen, komplett ignoriert haben.

Die Faschisierung Deutschlands

Der Kapp-Putsch war ein erster, dilettantisch vorgetragener Versuch, der von der Bevölkerung mit überwältigender Mehrheit gewünschten Demokratisierung Deutschlands einen Riegel vorzuschieben. Weitere Versuche sollten folgen, so z.B. der von Hitler und von Ludendorff vorgetragene Münchner "Bierhallenputsch". Die Bemühungen gewannen an Professionalität und endeten 1933 im Sieg der Nationalsozialisten.

Die Baltikumer sollten wesentlichen Anteil an dieser Faschisierung Deutschlands haben. Hier einige Namen von "Baltikumern": Eiserne Division: ein Teil der Mannschaft wechselte später in die 2. Marine-Brigade Ehrhardt. Prominente Mitglieder: Major von Lossow oder der spätere Generaloberst Heinz Guderian. Freikorps Roßbach: Teile der Mannschaften kämpften in Oberschlesien gegen Polen. Später waren sie an Hitlers Münchner Bierhallenputsch 1923 beteiligt.

Prominente Teilnehmer: Martin Bormann, Kurt Deluege (SS, Generaloberst der Polizei), sowie der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss. Freikorps Westfalen unter Pfeffer von Salomon: besonders brutal bei Niederschlagung des Ruhraufstandes im April 1920. Aus dem Freikorps Baltische Landeswehr ging der spätere General der Fallschirmtruppe, Hermann-Bernhardt Ramcke, hervor.


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