Böhmermann sagt Sendung ab

Bild-Herausgeber Kai Diekmann postet erfundenes Interview mit dem Fernsehkomiker

Der Fernsehkomiker Jan Böhmermann hat nach dem Ausfall seiner RBB-Radiosendung Sanft & Sorgfältig auch die nächste Folge seiner regelmäßigen Fernsehshow Neo Magazin Royale abgesagt. Wegen - so wörtlich - "massiver Berichterstattung". Die ARD-Talkshowmoderatorin Anne Will hatte gestern in der SWR-Sendereihe UniTalk eine angebliche Bombendrohung erwähnt, auf die Böhmermann bislang nicht einging.

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Welche konkreteren Gründe Böhmermann für die Absage haben könnte, steht in einem Interview mit dem Bild-Herausgeber Kai Diekmann, das - wie Diekmann inzwischen selbst indirekt einräumte - so erfunden ist wie die berühmten Böhmermann-Behauptungen zur Varoufakisfingeraffäre (vgl. Zwischen Athen und Brüssel herrscht Funkstille). Dass das Interview nicht echt ist, beantwortet auch die Frage, warum Böhmermann sich ausgerechnet dem Mann offenbart haben soll, der ihn nach einem Sketch in Hitler-Verkleidung beim israelischen Ministerpräsidenten anschwärzte.

In dem erfundenen Gespräch lässt Diekmann (dessen Konzernschef selbst ein Strafverfahren droht, weil er sich Böhmermanns Worte öffentlich zu Eigen machte) den 35-Jährigen Berufsnarren unter anderem behaupten, er habe die Unterhaltung mit dem Bild-Herausgeber selbst gesucht ("Polizei vor der Tür ist gut, Bild-Fotografen vor der Tür ist besser") und die Sendungen abgeblasen, weil die Affäre um sein Erklärbeispiel für Schmähkritik "in einer Weise eskaliert [sei], die verlang[e], dass [er sich] um [s]eine Familie kümmer[t]". "Die Anfeindungen", so die von Diekmann erfundene literarische Figur Böhmermann, "gehen über alles hinaus, was ich mir je hätte vorstellen können".

In der Realität hatte der türkische Vize-Ministerpräsident Numan Kurtulmuş vorher behauptet, mit dem Recep Tayyip Erdoğan zugedachten Sketch habe der Polizistensohn alle Türken beleidigt (vgl. Türkei: Strafanzeige gegen Böhmermann mit schrillen Begleittönen). Inzwischen soll eine vierstellige Anzahl von Strafanzeigen gegen Böhmermann bei deutschen Staatsanwaltschaften vorliegen.

So präsentiert Kai Diekmann sein erfundenes Böhmermann-Interview. Screenshot: Telepolis

Trotz dieser erfundenen Begründung stellt sich Diekmann vor, dass sich sein Böhmermann als nächstes Ziel seiner Satiren die Dschihadisten vornimmt und lässt ihn sagen: "Wenn die Sendung so läuft wie ich mir das vorstelle, muss die Kanzlerin sich […] bei Abu al-Bagdadi entschuldigen". Wann der Anlass dafür zu sehen sein sein soll, bleibt in dem Fake-Interview jedoch offen, weil Diekmann Böhmermann über einen "Mangel an Rückhalt von [s]einen Auftraggebern" klagen und ankündigen lässt, er werde seine Familie so lange "nicht einer solchen Situation aussetzen, so lange das ZDF sich nicht deutlich zu [ihm] und zur Freiheit der Satire bekennt".

Der Gebührensender hatte den Schmähkritik-Sketch in der Realität bereits kurz nach der Ausstrahlung aus seinem Angebot in der Mediathek entfernt und das mit "Qualitätsansprüchen" begründet. ZDF-Intendant Thomas Bellut bekräftigte diese Entscheidung gestern. Diekmann lässt seinen Böhmermann dazu verlautbaren, er habe sich "nicht vorstellen können, dass einer, der Himmler heißt, in Deutschland mal entscheiden würde, was komisch ist und was nicht".

Außerdem lässt Diekmann seine Böhmermann-Sockenpuppe sagen, sie habe "eine Debatte geschaffen, die offenbar überfällig war" - und "mit Traumschiff und Forsthaus Falkenau treten Sie solche Debatten nun mal nicht los", weshalb ihm sein Auftraggeber "dankbar sein" sollte: "Making ZDF great again, wie Donald Trump sagen würde!" Auf die Frage, was er "mit dem Wissen von heute" anders machen würde, antwortet der Böhmermann in Diekmanns Kopf: "Ich hätte Schafe genommen, nicht Ziegen. Schafficker. Holpert zwar etwas, aber für Schafe haben die Menschen mehr Sympathie."

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Sollte das ZDF seine Zusammenarbeit mit Böhmermann einschränken, würde der wahrscheinlich keine Schwierigkeiten haben, neue Auftraggeber zu finden: Die Affäre machte ihn zu einer der bekanntesten Personen Deutschland, die seit mittlerweile fast zwei Wochen die deutschsprachigen Medien dominiert.

Die Aufmerksamkeit dürfte auch noch eine gewisse Zeit anhalten, weil Erdoğan unabhängig von der noch ausstehenden Entscheidung der Bundesregierung zur Einleitung von Ermittlungen wegen "Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten" als Privatperson straf- und zivilrechtlich gegen Böhmermann vorgehen will. Der Hamburger Medienrechtler Stefan Engels hält es für möglich, dass der Fall bis vor das Bundesverfassungsgericht kommt. Für diese Einschätzung spricht, dass es unter Juristen durchaus unterschiedliche Meinungen dazu gibt.

Politisch hat sich mit der Debatte um den wenig bekannten § 103 des Strafgesetzbuchs ein Nebenarm des Affärenflusses gebildet: SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann stellte eine mögliche Abschaffung in Aussicht, was Oppositionspolitiker wie der Piratenpartei-Bundesvorsitzende Stefan Körner begrüßten. Körner ist der Auffassung, dass Beleidigungsklagen in einem Rechtsstaat mit Gewaltenteilung von Gerichten "ohne Ansehen der Person" und ohne Einflussnahme der Regierung entschieden werden sollten.

Andere Nebenarme sind die Reaktionen anderer Prominenter auf Böhmermanns Sketch - von Dieter Hallervorden (der am Montag sein eigenes vertontes Schmähgedicht veröffentlichte) bis hin zum türkisch-deutschen Katzen- und Skandalbuchautor Akif Pirincçi (der der Jungen Freiheit als "Experte für Fäkalsprache" sagte, die "in der Türkei [...] viel hochentwickeltere Fluch- und Beleidigungskultur" gehe "weit über das hinaus, was in Deutschland gebräuchlich ist", weshalb Erdoğan das seiner Ansicht nach eigentlich "abkönnen" müsste).

Im nicht deutsch- und nicht türkischsprachigen Ausland ist das Interesse an Böhmermann dagegen vergleichsweise gering. Mit einer Ausnahme: In Polen kritisierte der EU-Abgeordnete Zdzisław Krasnodębski in den Hauptnachrichten des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders TVP, dass der Komiker in seinem Video Be Deutsch! ein Bild der polnischen Ministerpräsidentin Beata Szydło in einem offenbar negativ gemeinten negativen Kontext verwendete. Um Erdoğan kümmert man sich dort aber weniger. (Peter Mühlbauer)

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