Boeing 747: Ende einer Ära

Die damalige Präsidentengattin Patricia Nixon bei der Taufe einer Boeing 747 am 15. Januar 1970. Bild: White House Photo Office.

Der amerikanische Konzern lässt die Produktion des Flugzeugklassikers 2022 auslaufen

Diese Woche gab der Boeing-CEO David Calhoun bekannt, dass sein Unternehmen die Produktion der 747 auslaufen lässt. 2022 soll der letzte Jumbo-Jet aus den Hallen rollen. Als Gründe dafür nannte der Fachmann für Rechnungswesen die Corona-Pandemie mit "weiterhin schweren Auswirkungen auf die Luftfahrt". Die trug dazu bei, dass der Konzern im zweiten Quartal 2020 einen Verlust von 2,4 Milliarden Dollar verbuchen musste.

Verglichen mit dem kurzlebigen Konkurrenten Airbus A380, der nur 14 Jahre lang hergestellt wurde (vgl. Airbus will A380-Staatskredite nicht zurückzahlen), hatte die Boeing 747 aber ohnehin ein langes Leben: Ihren Jungfernflug absolvierte sie noch in der Mad-Men-Ära, am 9. Februar 1969. Seitdem wurden 1.418 Jumbo-Jets ausgeliefert - darunter auch mehrere Air-Force-One-Maschinen für amerikanische Präsidenten.

Charakteristisches Design

Die alten 747 werden Boeing zufolge weiter vom Hersteller gewartet. Mehrere große Fluggesellschaften haben sie aber schon in der Vergangenheit stillgelegt - darunter British Airways, Virgin Atlantic, die niederländische KLM und die australische Qantas. Andere setzen sie weiterhin ein - vor allem als Frachtmaschine. In dieser Ausführung wurde sie im letzten Jahr noch sechs Mal bestellt.

Wie viele Maschinen, die in den 1960er Jahren entstanden, verfügt die 747 über ein sehr charakteristisches Design: Durch ihren Oberdeck-Buckel unterschied sie sich von anderen Flugzeugen ähnlich gut wie ein Mercedes /8 von anderen Automobilen. Darüber hinaus schaffte sie mit 9.700 Kilometern deutlich längere Strecken als alle anderen Passagierflugzeuge der damaligen Zeit. Und sie konnte mit 560 doppelt so viele Passagiere aufnehmen wie die vor ihr größte Boeing 707. Der Chefingenieur, dem dieses Kunststück gelang, war der slowenischstämmige Joseph Sutter, der 2016 im Alter von 95 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

Produktion der 777 und der 787 wird verringert

Zu einer Zeit, als Fliegen eher ein Luxus und ein Genuss war, als eine Quälerei (vgl. Nach United-Skandal: US-Politik beschäftigt sich mit Überfüllung als Geschäftsmodell), lohnte sich das große Flugzeug sowohl für Fluggesellschaften als auch für Fluggäste: Die Tickets wurden günstiger und Geschäftsleute wie Touristen hatten damals noch die Zeit, auf großen Drehscheiben umzusteigen und sich mit ein paar Drinks in Hotels auf Anschlussflüge vorzubereiten. Ein paar Jahrzehnte darauf haben enge Margen, trockenere Arbeitsbedingungen und damals unvorstellbare Sicherheits- und Kontrollmaßnahmen dazu geführt, dass viele Passagiere lieber auf Direktverbindungen und kleinere Maschinen zugreifen, die öfter fliegen.

Ein weiterer Grund, warum die 747 nach und nach weniger gekauft wurde, waren technische Neuerungen wie die Zweistrahler Boeing 777 und 787, die keine vier Turbinen mehr benötigen, und längere Strecken mit weniger Treibstoff bewältigen. Ihre Produktion will Boeing zwar nicht einstellen, aber verringern: Von der 787, dem "Dreamliner", sollen ab 2021 nun noch sechs Maschinen im Monat produziert werden, von der 777 zwei. Die Premiere der neuen 777X wurde auf 2022 verschoben.

737 Max soll bald wieder fliegen

Die der 737 Max soll dagegen schon bald wieder anlaufen. Bei diesem Flugzeug ruht weltweit der Betrieb, seit im letzten Jahr ein Flugverbot verhängt wurde, nachdem bei zwei Abstürzen insgesamt 346 Menschen starben. Bei der Suche nach den Ursachen kamen unter anderem Mails an die Öffentlichkeit, in denen ein Boeing-Angestellter 2018 ein "systemisches" Problem diagnostizierte: "Ein Führungsteam, das sehr wenig vom Geschäft versteht", aber Zielvorgaben ausgibt, die sich nicht erfüllen lassen (vgl. "Von Clowns designt", "die von Affen beaufsichtigt werden").

Der Verkauf von Flugzeugen für die zivile Luftfahrt ist nicht das einzige Geschäft, mit dem Boeing Geld verdient: 2018 kam ein knappes Drittel des Unternehmensgewinns aus Rüstungs- und Raumfahrtaufträgen. Damit ist die US-Regierung der größte Einzelkunde des Konzerns - und Boeing ist mit etwa einem Fünftel des gesamten Auftragsvolumens der zweitgrößte Auftragnehmer des US-Verteidigungsministeriums nach Lockheed Martin. Bei den Apache-Hubschraubern und den anderen Produkten, die Boeing hier liefert, gibt es jedoch aktuell kein mit dem 737-Max-Desaster vergleichbares Problem.

Beim Standbein Raumfahrt gab es zwar Schwierigkeiten - aber keine so großen: Der Boeing-Starliner, der in Zukunft Astronauten zur ISS bringen soll, verbrauchte bei einem Test (angeblich wegen einer falsch eingestellten Uhr) zu viel Treibstoff und musste im Dezember zur Erde zurückkehren, ohne vorher an die Internationale Raumstation angedockt zu haben. Sowohl Boeing als auch die US-Raumfahrtbehörde NASA betonten danach, dass der Test nicht nutzlos gewesen sei, sondern viele wertvolle Daten für weitere Versuche gebracht habe. (Peter Mühlbauer)