Bolívar 2.0

Venezuela will durch eine eigene Computerproduktion die "Souveränität in der Information" erreichen

Eigenständigkeit wird unter Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez groß geschrieben. Mit seiner Regionalpolitik will er den Einfluss der USA zurückdrängen und Lateinamerika zur "zweiten Unabhängigkeit" führen. Und als im Mai die Erdölreserven im Orinoco-Gürtel der Kontrolle des Staates unterstellt wurden, verkündeten ganzseitige Zeitungsanzeigen die "Erdölsouveränität". Eigenständig will Venezuela aber auch in der Technologie werden. 2008 soll "Venesat 1" in den Orbit gehen - der erste venezolanische Nachrichtensatellit. Und seit zwei Jahren läuft in Venezuela die Produktion eigener PCs und Laptops. Dadurch, so Chávez, solle die "Souveränität in der Information" erreicht werden.

Begonnen wurde das Vorhaben im April 2005. Damals entwickelte das venezolanische Ministerium für Wissenschaft und Technologe die Eckpunkte für ein Mischunternehmen mit der chinesischen Firma Langchao International. Ziel sei es, qualitative, aber preisgünstige PCs und Laptops zu produzieren. In der ersten Phase sollten die Computer lediglich für den venezolanischen Markt hergestellt werden, später allerdings auch für den Export. Rund 350 US-Dollar sollte ein "bolivarischer" Computer, so der für Chávez' Venezuela wenig überraschende Beiname, ursprünglich kosten.

Seit das venezolanisch-chinesische Joint-Venture im Oktober 2005 von Chávez öffentlich gemacht wurde, ist tatsächlich viel geschehen. Mit einer Anschubfinanzierung von 17,2 Milliarden Bolívar (gut sechs Millionen Euro) wurde Ende 2005 die Firma Venezuela Industrial S.A. (Veninsa) gegründet. Gemeinsam mit Langchao bildet sie das Konsortium Venezuela de Industria Tecnológica (VIT) mit Sitz in der Freihandelszone von Paraguaná im Bundesstaat Falcón. Das chinesische Unternehmen mit Hauptsitz in der Provinz Shandong ist mit 60 Prozent Mehrheitseigner der VIT, Venezuela ist mit den übrigen 40 Prozent beteiligt.

80.000 PCs sollen hier im Jahr zunächst entstehen, später dann bis zu 150.000. Nach Angaben von Veninsa-Präsident José Julián Villalba wird ein Großteil der Geräte in den ersten drei Jahren vom venezolanischen Staat selbst gekauft. Sie sind vor allem für soziale und Bildungsprojekte vorgesehen. Schon während dieser Zeit, vor allem aber in den Jahren danach soll das Joint-Venture die EDV-Anlagen aber auch für Privatkunden herstellen.

Anderthalb Jahre nach Beginn der Arbeit werden in Paraguaná drei PC-Modelle und ein Laptop-Modell hergestellt. Die PCs "VIT B1500", "VIT C2660" und "VIT 3400e" werden im Paket mit Monitoren und Tastatur geliefert. Sie verfügen über Prozessoren von 1,5 bis drei Gigahertz und einen Festplattenspeicher von 40 bis 80 Gigabyte. Der Laptop "VIT D2000" arbeitet mit einem Intel-Core-Prozessor 2 Duo E7200 (2.0 GHz, FSB 667 MHz). Alle Computer haben das Betreibersystem Linux installiert.

Der Preis ist zwar noch günstig, liegt mit mindestens 427 US-Dollar aber über der anvisierten 350-Dollar-Grenze. Allerdings bietet die Firma in Zusammenarbeit mit dem Staat niedrigzinsige Kreditverträge an.

Der soziale Gedanke stand bei dem Vorhaben von Beginn an Pate. So sind im Umfeld des VIT-Joint-Ventures nach Angaben der Unternehmensleitung rund hundert Kooperativen entstanden, die in Produktion, Verkauf und Kundendienst eingebunden sind. Im Hauptwerk selbst sind 200 Mitarbeiter beschäftigt, zu 90 Prozent aus Venezuela.

Die Produktion der chinesisch-venezolanischen EDV-Anlagen ist Teil der zunehmenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Staaten. Die Kooperation mit Bejing wird in Lateinamerika inzwischen als konkrete Alternative zu Europa, Japan oder den USA gesehen. In der vergangenen Woche erst hatte Costa Rica die Beziehungen mit Taiwan gebrochen, um das Verhältnis mit der chinesischen Führung zu verbessern und damit Zugang zu dem Markt des Reiches der Mitte zu bekommen. San José folgte damit einem allgemeinen Trend: Denn anders als in den Industriestaaten gehören chinesische Produkte in Lateinamerika, besonders aber in Venezuela, inzwischen fest zum Sortiment der Elektronikmärkte - und treffen dort offenbar auf die Akzeptanz der Kunden.

Auf wirtschaftspolitischer Ebene hat die Zusammenarbeit mit China aber noch einen anderen Grund. Venezolanische Wirtschaftsvertreter weisen immer wieder darauf hin, dass die chinesischen Partner anders als die führenden Industriestaaten die Bereitschaft zeigten, über einen Technologietransfer zu verhandeln. Das heißt konkret: Nach einer vereinbarten Phase der beidseitigen Geschäftsführung gehen Patente und Know-how an den lokalen Partner über. Dieses Modell der Zusammenarbeit ist für Entwicklungs- und Schwellenstaaten natürlich geeigneter, die wirtschaftliche und soziale Fortentwicklung zu sichern.

Auf dieser Basis hatte die venezolanische Nationalversammlung Ende Oktober 2005 auch einen Vertrag mit China zum Bau eines ersten eigenen Nachrichtensatelliten bewilligt. Der Trabant wird derzeit von dem Unternehmen "Great Wall" in China gebaut, während venezolanische Militärs in Funktion und Betreuung geschult werden. 2008 soll der Satellit von ebenfalls chinesischen Long-March-Raketen in den Orbit bebracht werden. In Venezuela ist der Name schon jetzt bekannt. Der Satellit soll Simón Bolívar 1 heißen.

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