Bologna-Prozess vorerst gescheitert?

Von Kehrtwende keine Spur: An der gerade zur Spitzenuniversität ernannten FU Berlin gehören gerade die Bachelor-Studenten zu den häufigsten Studienabbrechern

Mit der Durchsetzung des sogenannten Bologna-Prozesses und der Einführung internationaler Studiengänge sollen zentrale Probleme des deutschen Bildungssystems dauerhaft beseitigt werden. Neben einer qualitativen Verbesserung der Ausbildung und höherer Konkurrenzfähigkeit der Absolventen versprechen sich die Bologna-Befürworter – als Folgen intensiverer Betreuung und besserer Strukturierung - vor allem eine deutliche Reduzierung der Studienabbrecherquote sowie eine erkennbare Verkürzung der Studiendauer.

Die Freie Universität Berlin, die sich nach dem Erfolg in der Exzellenzinitiative seit nunmehr zwei Monaten als "Leuchtturm der Wissenschaft" feiert, wollte hier mit gutem Beispiel vorangehen und den weniger ausstrahlungskräftigen Bildungstempeln vormachen, wie das Studium der Zukunft organisiert werden muss, um den Arbeitsmarkt der Wissensgesellschaft mit elitären High Potentials zu versorgen.

Die FU, die im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanzierten Projekts Kompetenzzentrum Bologna gefördert wird, verfolge eine „Strategie der internationalen Netzwerkbildung“, erklärte der ehrgeizige Präsident Dieter Lenzen Mitte Oktober. Seine Hochschule könne so „den richtigen Weg beschreiten, um die Herausforderungen der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zu meistern“ und natürlich auch national richtungweisende Maßstäbe zu setzen: „Wir werden hiermit einen wertvollen Beitrag für die Entwicklung des Wissenschaftsstandortes Berlin leisten können.“

Was der von der örtlichen Presse zur "Lokomotive Lenzen" gekürte Präsident damals schon seit Monaten wusste, erfuhr die breite Öffentlichkeit erst in den letzten Tagen: Ausgerechnet an der FU Berlin und gerade in den neu eingerichteten Bachelorstudiengängen hat die Abbrecherquote eine astronomische Höhe von zum Teil weit über 50 Prozent erreicht. Eine interne Studie, die offenbar seit Februar 2007 vorliegt, bislang nicht offiziell vorgestellt wurde, mittlerweile aber im Internet nachzulesen ist, kommt zu dem denkwürdigen Ergebnis:

Der Schwund in den neuen Studiengängen ist größer als der Schwund in den alten Studiengängen.

Die vom Arbeitsbereich Controlling durchgeführte „Untersuchung des Studienerfolgs von Studierenden der zum Wintersemester 2004/05 neu eingerichteten Bachelorstudiengängen“ stellte unter anderem deutliche Veränderungen in der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft fest. Während in früheren Jahren beim Magisterstudium regelmäßig ein Studierendenzuwachs bis zum fünften Fachsemester verzeichnet wurde, sind im Bachelorstudiengang zu diesem Zeitpunkt bereits 26 Prozent der Erstsemester ausgestiegen. (Wir verwenden im folgenden auch den Begriff "Abbrecher", weisen aber darauf hin, dass die Studie keine Auskünfte darüber gibt, wie dauerhaft der Abbruch des Bachelor-Studiengangs war. Es ist allerdings in vielen Fällen davon auszugehen, dass die Studierenden die Hochschule nicht endgültig verlassen, sondern sich für einen anderen Studiengang entscheiden.)

Noch weitaus dramatischer sieht es im Mono-Bachelorstudiengang Informatik und in den lehramtsbezogenen Bachelorstudiengängen Informatik aus: Während die Abbrecherquote im Diplom-Studiengang bei gerade einmal 7 Prozent lag, stieg sie im Bachelor-Bereich auf über zwei Drittel und erreichte damit Werte, welche die Controlling-Abteilung der FU für „unakzeptabel hoch“ hält.

In anderen Fächern stellt sich die Situation weniger ausweglos dar, doch der Durchschnittswert ist alarmierend genug: Während der Rückgang vom ersten zum fünften Fachsemester im traditionellen Magisterhauptfach etwa zehn Prozent beträgt, liegt die Quote in den Bachelorstudiengängen bei durchschnittlich 37 Prozent. Um welche Größenordnung es dabei fortan geht, zeigen die Zahlen vom Wintersemester 2006/07. Zu diesem Zeitpunkt waren 6.265 Studierende in Bachelorstudiengängen an der FU Berlin immatrikuliert. Der Blick in die Zukunft müsste die reformfreudigen Eliteschmieden allerdings noch mehr beunruhigen, denn in zwei Jahren sollen es rund 12.000 sein.

Problematisch erscheint den Beobachtern aber auch die Anzahl der bisher gesammelten Leistungspunkte, die Rückschlüsse auf den Fortgang des Studiums zulässt. Demnach studierten im 3. Fachsemester des Jahres 2005/06 lediglich 30 Prozent in dem Tempo, das die neue Studien- und Prüfungsordnung vorsieht. In diesen Fällen kann davon ausgegangen werden, dass die Regelstudienzeit eingehalten wird. In 38 Prozent der Fälle vermuten die Controller allerdings, dass die Jungakademiker „mindestens ein Jahr länger für ihre Abschlussprüfung benötigen.“ Der beträchtliche Rest von noch einmal mehr als 30 Prozent könnte „noch länger“ brauchen.

Die Autoren der internen Studie kommen zu der Einschätzung, dass „eine Reihe von Änderungen“ vorgenommen werden muss, „um das Studienangebot attraktiver und besser studierbar zu machen“. Dazu zählen sie mehr Wahlmöglichkeiten für die Studierenden und eine höhere Flexibilität bei den einzelnen Lehrmodulen, aber auch Verbesserungen bei der Einführung der Nachwuchsakademiker in die neuen Bachelorstudiengänge.

Darüber hinaus müsse der „workload“ für Studierende „angemessen“ gestaltet und verstärkt darauf geachtet werden, konfliktfreie Studienverläufe zu ermöglichen. Perspektivisch könnten sich aus der aktuellen Situation selbstredend auch immer mehr Probleme für die neu konzipierten Masterstudiengänge ergeben. Die Autoren stellen deshalb explizit die Frage, ob Zulassungsbeschränkungen für diese Bereiche „überhaupt notwendig“ sind.

Der AStA der FU Berlin sieht sich durch die Ergebnisse in seiner langjährigen Kritik am gesamten Bologna-Prozess bestätigt. Die Befunde seien nicht auf simple Anfangsschwierigkeiten und Probleme bei der Umsetzung größerer Studienreformen zurückzuführen, sondern „elementare Bestandteile“ einer falschen Entwicklung. Die europäische Studienstrukturreform führe in dieser Form lediglich zur Verschulung und Entwissenschaftlichung des Studiums sowie zur Arbeitsüberlastung der Studierenden.

Wir wollen eine breite Diskussion über eine Reform der Hochschulen, welche alle Betroffen mit einbindet. Hierfür ist es notwendig, dass diese an den einzelnen Fachbereichen und Instituten beginnt. Grundlage hierfür sollte nicht das schnelle Durchschleusen durch das Gebilde Lernfabrik sein, sondern die Schaffung offener, demokratischer und freier Hochschulen.

Claudia Wrobel, AStA - FU Berlin

Die interne Studie basiert auf Studierendenzahlen der ersten Bachelorkohorte an der FU und kann keine Auskunft darüber geben, aus welchem Grund und mit welchem Ziel die Abbrecher ihr Studium beendet haben. Präsident Dieter Lenzen nahm denn auch die Gelegenheit wahr, die Zahlen als „Schätzungen“ abzutun und im übrigen darauf zu verweisen, dass laut einer aktuellen Umfrage rund 50 Prozent der exmatrikulierten FU-Bachelorstudenten an eine andere Universität gewechselt seien.

Dem eigenen Angebot stellt diese Begründung auch kein gutes Zeugnis aus, aber sind die Studienbedingungen anderorts tatsächlich deutlich besser als an der Freien Universität? Eine Ende November veröffentlichte Untersuchung der Hochschul Information System GmbH (HIS) scheint darauf hinzudeuten, dass sich der Bologna-Prozess auch anders entwickeln könnte als in seinen Berliner Anfangsjahren.

Moderne, aktivierende Lehr- und Lernformen kommen im Bachelorstudium häufiger zur Anwendung als in traditionellen Studiengängen. Und auch zahlreiche andere Aspekte des absolvierten Studiums bewerten Bachelorabsolventen besser als Absolventen mit herkömmlichen Abschlüssen – dazu gehören u. a. die wissenschaftliche Qualität der Lehre, die Praxisbezüge im Studium und die kommunikativen Strukturen. Aber auch bei den Absolventen mit herkömmlichen Abschlüssen fallen die Urteile über das Studium beim aktuell befragten Jahrgang im Vergleich mit früheren Jahrgängen besser aus. Die Umstellung auf die neuen Abschlüsse legt somit Potenziale zur Erneuerung des Studiums frei, die auch auf die tradierten Studiengänge abstrahlen.

HIS

Allerdings handelt es sich hier um eine Befragung der ersten Bachelorabsolventen, die naturgemäß einen anderen Blick auf ihr akademisches Leben haben als Studienabbrecher. Ihre Erfahrungen entkräften also nicht den Vorwurf, dass durch den Bologna-Prozess vielfach die individuelle Profilbildung behindert, eigenständiges Arbeiten erschwert und den Erwartungen der Studierenden zu selten Rechnung getragen wird.

Einen gewissen Handlungsbedarf leugnet schließlich nicht einmal der FU-Präsident. Dieter Lenzen hat einen „Zehn-Punkte-Plan“ angekündigt, der auf den Seiten der „Fachschaftsinitiativen an der Freien Universität Berlin“ bereits eingesehen werden kann. Demnach plant das Präsidium:

  1. 1
  2. System der Mentoringprogramme in allen Fachbereichen verstärken
  3. Studienfachberatung: alle Lehrenden halten einmal in der Woche eine Sprechstunde, nicht nur einmal im Monat
  4. Bachelor: Anerkennungspraxis der Scheine von anderen Unis liberalisieren? Bologna soll Mobilität steigern und nicht senken
  5. Übergänge: Fachbereiche sollen im Rahmen von Studienverlaufsplänen den Wechsel im ersten Semester liberalisieren
  6. Geschlechterstereotype sollen aufgebrochen werden
  7. Status von ausländischen Studierenden: Zulassungspraxis für Masterstudiengänge fördern, auch aufgrund des Zukunftskonzepts der International Network University
  8. Einführungswochen sollen in einzelnen Fächern ernster genommen werden und bereits vor Beginn des Semesters stattfinden
  9. Einführung zentraler Studien- und Prüfungsbüros in den Fachbereichen -verlässliche und ausreichende Öffnungszeiten
  10. Wiederholungsleistung von Prüfungen soll zeitnah ermöglicht werden
  11. flächendeckende Evaluationen in den Fachbereichen für jeden Studiengang einen Studiengangsleiter an den Fachbereichen, der die inhaltliche Weiterentwicklung des Studiengangs und das Lehrangebot plant

Der Verbesserung der Lehre und der Studienbedingungen werden diese Maßnahmen mutmaßlich nicht schaden. Allerdings dürften sie kaum geeignet sein, die studentischen Forderungen nach Mitbestimmung, Transparenz und weniger Verschulung zu erfüllen. Von einem definitiven Scheitern des Bologna-Prozesses zu sprechen, wäre also sicher verfrüht. Aber dass eine Umsetzung, die den Bedürfnissen der betroffenen Studierenden nur ansatzweise Rechnung trägt, dauerhaft nicht funktionieren kann, ist jetzt schon absehbar. (Thorsten Stegemann)

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