Bombenstimmung in 3D und Dolby Digital

"Trinity and beyond": Preisgekrönte Dokumentation der Atombombentests

Die Geschichte der Atombombentests ist mit der Deklassifizierung des Filmmaterials nun auch für die gute Stube als Videofilm erhältlich.

Robert Jungk war einst einer der ersten, der nach einer eigentlich rein journalistischen Besichtigung der amerikanischen Plutoniumfabriken und Forschungseinrichtungen in Hanfield, Oakridge und Los Alamos und der Testgelände in Nevada entsetzt war und seine Klassiker "Die Zukunft hat schon begonnen - Amerikas Allmacht und Ohnmacht" 1952 und "Heller als 1000 Sonnen - Das Schicksal der Atomforscher" 1956 schrieb. 1963 folgte "Strahlen aus der Asche" über Hiroshima und Nagasaki und Jungk wurde so lange vor der Gründung der Partei zu einer Leitfigur der grünen Bewegung.

Eigentlich reichen Bücher auch völlig aus, um das Grauen der Atombombe zu vermitteln, doch sind diese Werke über die Atombombe ebenso wie etliche kritische Dokumentar- und Fotobände nur noch im Antiquariat zu finden. Nach dem Ende des Kalten Krieges ist die in den 70ern allgegenwärtige Angst vor dem Weltende heute fast vergessen, obwohl Terroristen oder kleinere Atomstaaten ebenso wie Fehlfunktionen der tödlichen Bomben immer noch eine Katastrophe auslösen können. Da sich die Archive der US-Atombehörden mittlerweile auch für Zivilisten geöffnet haben, steht nun allerdings immer mehr Film- und Fotomaterial zur Verfügung, das zu Fotobänden wie "100 Sonnen" (Kraftlose Sonnenbilder führte, aber auch zum 92 Minuten langen Dokumentarfilm Trinity and beyond von Peter Kuran, der mir das erste Mal bei einem US-Besuch 1998 in einem Media- und Elektronik-Großmarkt in die Hände fiel - samt 3D-Pappbrille, Dolby Digital und musikalischer Begleitung ausgerechnet durch das Moskauer Symphonieorchester.

Ende eines Südseeparadieses

Diese eher an Spielfilme erinnernde Aufbereitung erklärt sich durch die Geschichte des Regisseurs Peter Kuran, der seine Karriere mit 18 als Animator in Star Wars begann, bei Kampfstern Galactica mitwirkte und dann Animationschef bei der Star-Wars-Fortsetzung "Das Imperium schlägt zurück" wurde. Mit 20 startete er seine eigene Firma Visual Concept Engineering und hat seitdem an über 200 Filmen mitgearbeitet, beispielsweise Airplane, Men in Black oder 6th Day. Er hat ein eigenes Verfahren entwickelt, um die Farben der bereits ausbleichenden Negative der Atomtests zu restaurieren.

Einzelne Ausschnitte des Filmmaterials waren auch früher schon veröffentlicht worden, "Trinity and Beyond" geht jedoch deutlich weiter. Die amerikanische Atombombe war entwickelt worden, um den Deutschen Paroli zu bieten, die jedoch selbst gar keine Atombombe hatten. Als der US-Geheimdienst dies herausfand, wurde trotzdem weitergebaut. Der Film startet mit einer Explosion am 7. Mai 1945 in Alomogordo, New Mexiko - einen Tag vor der deutschen Kapitulation: Der typische Atompilz steigt auf. Doch es waren 100 Tonnen TNT - als Testlauf für die erste Atombombe Trinity, die dann am 16. Juli 1945 mit 21 Kilotonnen TNT-Äquivalent hochging. Die nächsten beiden Bomben wurden am 6. und 9. August 1945 in Hiroshima und Nagasaki gezündet, da Deutschland ja nicht mehr im Krieg war. Trotzdem war dies kein spontanes "Ersatzziel": Die US-Army hatte die Städte in Japan flächendeckend bombardiert, doch dabei einige Städte ausgelassen, damit dort die Auswirkungen der neuen Superbombe besser studiert werden konnten.

Die zweite auf der Erde gezündete Atombombe verwüstete Hiroshima

Schon 11 Monate später wurden mit Able und Baker am Bikini Atoll in "Operation Crossroads" weitere 2 Bomben gleicher Bauart wie in Hiroshima und Nagasaki gezündet - Able über, Baker 30 Meter unter Wasser. 185 Schiffe wurden in Position gebracht und mit Tieren beladen. Der diensthabende Vizeadmiral Blandy betonte, die Explosion werde keine Kettenreaktion im Wasser starten und nicht die Weltmeere leeren. Die meisten Schiffe wurden trotzdem versenkt und die meisten Tiere starben: Baker war der erste Atomtest, der erheblich stärker ausfiel als erwartet und die Umgebung großräumig verseuchte. Ein dritter Test "Charlie" wurde daher zunächst abgeblasen.

1948 ging es mit "Operation Sandstone" weiter: Hier wurden nun neue Bomben getestet und dafür ganze Inseln erst asphaltiert und dann gesprengt. Jetzt wurde auch die Fließbandfertigung von Atombomben eingeführt. Am 29. August 1949 zündeten die Russen ihre erste Atombombe. Dass sich die Atomgeheimnisse trotz höchster Sicherheitsstufe nicht im Lande halten ließen, lieferte dem Kommunistenjäger McCarty Argumente, ihren Chefentwickler Robert Oppenheimer zu verfolgen, der nicht einsah, dass Amerika nach der Atombombe nun auch noch die Wasserstoffbombe brauchte.

Im großen schwarzen Gebäude befand sich die erste Wasserstoffbombe - der Schacht sollte Neutronenmessungen ermöglichen in den Sekundenbruchteilen, bevor er mit dem Rest der Insel verdampfte

Nun wurde noch mehr getestet und die Südsee-Trauminseln wurden knapp, deshalb wurden ab 1951 kleinere Bomben im Land selbst in Nevada 60 km nördlich von Las Vegas getestet, größere weiter im Pazifik in "Operation Greenhouse". 1952 kam dann die Wasserstoffbombe - als "Mike" noch ein über dimensionaler 62 Tonnen schwerer Tiefkühlschrank gefüllt mit flüssigem Deuterium und Tritium. Das ganze Eniwitok-Atoll mit fast 40 Kilometern Ausdehnung diente als Basis für diese 10-Megatonnen-Bombe.

Als nächstes wurde auf dem Nevada-Testgelände eine Kanone mit einer Bombe von Hiroshima-Stärke bestückt - sie war dazu gedacht, in einer Schlacht benutzt zu werden. Heute kennt man die "Atomkanone" eigentlich nur als Witz in Gerhard Zwerenz' satirischem Text über verstrittene Nachbarn, doch damals dachte man ernsthaft daran, mit Atomkanonen in einen Krieg zu ziehen. Die Bombe detonierte in nur 150 Metern Höhe und erzeugte deshalb starken Fallout.

Absurd: In die Schlacht mit der Atomkanone ziehen

Die Wasserstoffbombe wurde von Edward Teller in ein flugzeugtaugliches Format gebracht, wobei sie typischerweise in drei Stufen zündet und die Wasserstofffusion nur eine Zwischenstufe ist: Die Endstufe beruht wieder auf Kernspaltung, was starken Fallout zur Folge hat und mit Test "Bravo" 1954 erneut zu einer unerwartet starken Verseuchung führte. Einziger Unterschied bei dieser Kernspaltung ist die Verwendung von normal inaktivem Uran 238, das deshalb nicht wie Uran 235 oder Plutonium kritisch wird und somit den Bau beliebig großer Bomben erlaubt. 1955 hatte dann auch Russland die Wasserstoffbombe und 1956 konnte eine knapp 4 Megatonnen starke Wasserstoffbombe von einem Flugzeug abgeworfen werden.

Da nun nicht nur einzelne Inseln, sondern ganze Atolle in die Luft gesprengt wurden, wechselte man zu Bombentests von Schiffen aus. Doch auch in Nevada wurde weiter gebombt und nachdem Russland den Sputnik gestartet und damit bewiesen hatte, leistungsfähige Raketen zu haben, die man auch für Bomben verwenden könnte, wurden panisch auch Atombomben mit Raketen in den Weltraum geschossen und an die Entwicklung von Bomben in Raketen gedacht - bislang gab es nur Atombomben in Flugzeugen wie B52 und Verwandte. Ebenso sollten anfliegende Raketen durch radioaktive Wolken abgelenkt werden - "Star Wars" war keine Erfindung der Reagan-Ära.

Die Sowjetunion zündete am 30. Oktober 1961 im Arktisgebiet bei Novaya Zemlya eine 57-Megatonnen-Monsterbombe. Diese hatte keinen militärischen Nutzen mehr, sie galt als Drohung, eine "Doomsday Bomb" zu bauen, die so groß ist, dass sie über ihren Fallout alles Leben auf der Erde auslöscht. Die UDSSR zündete diese Bombe nach zwei Jahren Testmoratorium und beendete dieses damit. Prompt wurden auf beiden Seiten weitere hunderte Bomben in der Atmosphäre gezündet. Erst 1963, nach der Kuba-Krise, kamen die beiden Supermächte zur Vernunft und stellten die atmosphärischen Tests ein, um die zunehmende radioaktive Verseuchung in den Griff zu kriegen - bis dahin hatten die USA alleine 331 Atombomben in der Atmosphäre gezündet. 100 andere Staaten befürworteten den Teststopp. Doch dann ließ Mao-Tse-Tung eine Atombombe in der chinesischen Wüste hochgehen...

Ross und Reiter werden auf eine Schlacht zu Pferde in der Fallout-Zone nach dem chinesichen Atombombentest vorbereitet

Dass der Soundtrack zu allen Explosionen ebenso manipuliert ist wie der in Weltraum-Ballereien, bei denen wegen des Vakuums normalerweise nichts zu hören wäre, zeigt abschließend ein nicht editierter Soundtrack, in dem es trotz großer Nähe zur Bombe wegen der endlichen Schallgeschwindigkeit erst nach 30 Sekunden knallt. An der Stelle im Abspann, wenn üblicherweise gesagt wird, dass keine Tiere bei diesem Film zu Schaden kommen, verkündet Regisseur Kuran stattdessen

Some goats, pig and sheep were nuked during the original photography of some operations.

Der Film erschien 1995 - mittlerweile ist eine ganze Reihe daraus entstanden, die Telepolis in den nächsten Monaten ebenfalls ansehen wird.

Alle Bilder stammen aus dem Film resp. von www.vce.com.

(Wolf-Dieter Roth)

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