Bonzen im Schnee

Das Welt-Economy-Forum hat es geschafft, wieder zum Medienthema werden. Die Gegner haben dem wenig entgegen zu setzen.

Eigentlich war das alljährlich Ende Januar in Davos stattfindende Welt-Economic-Forum in der Schweiz nie so recht beliebt. Das Image des Wohlfühltreffens mit esoterischem Einschlag für die Reichen und Mächtigen dieser Welt, wurde das von Klaus Schwab initiierte Meeting nie ganz los. Als im Zuge des Aufschwungs der globalisierungskritischen Bewegung zu Beginn des Jahrzehnts auch das WEF zum Gegenstand von Protesten über die Schweiz hinaus wurde, wollten die Eidgenossen liebend gerne auf das Stelldichein in Davos verzichten. Sogar die Geschäftsleute im mondänen Davos betonten, dass sie ohne das WEF ausgebucht wären und durch die großen Polizeieinsätze mitten in der Skisaison Einbußen erleiden.

So schien man in der Schweiz richtig erleichtert, als Klaus Schwab im Jahre 2002 die Elite der Welt erstmals nicht in die Berge, sondern nach New York einlud. Das sollte ein Zeichen der Solidarität für die USA nach den Anschlägen vom 11. September sein. Doch die Hoffnungen vieler WEF-Gegner und der Schweizer Wirtschaft und Politik erfüllten sich nicht: Das WEF wanderte nicht dauerhaft aus und hat es in den letzten drei Jahren sogar geschafft, in der Medienöffentlichkeit das Image des biederen, langweiligen Events abzulegen.

Das fing schon im Jahr 2003 an, als einige handverlesene Nichtregierungsorganisationen nach Davos eingeladen waren. Zwar hatten sie erwartungsgemäß nichts mitzubestimmen, aber die gewünschten Pressemitteilungen gab es. Das WEF öffnet sich, geht auf seine Kritiker zu und jetzt müssen auch die Gegner nachziehen, hieß es auch in Medien, die noch einige Jahre vorher dem Davoser Event jede Relevanz absprachen.

Dieses Jahr setzten die Medienberater von Schwab und Co. die Öffentlichkeitsoffensive fort und versuchten das aktuelle Motto vom „kreativen Imperativ“ gleich umzusetzen. So wurde mit dem Sänger und Entschuldungsaktivisten Bono jemand eingeladen, der sich an den Tischen der Reichen und Mächtigen so richtig wohl fühlt. Hatte er im Juli bereits beim G8-Treffen in Schottland beim britischen Premiereminister Tony Blair Sympathien erregt, so gelang es ihn in Davos ebenfalls, das erlesene Publikum für sich einzunehmen.

„Hier sind wir, die Bonzen im Schnee, und ich sage das als einer von Ihnen“, sagte Bono, Leadsänger der irischen Band U2, unter dem Gelächter des Publikums. „Es ist ein großartiger Ort zum Geschäftemachen, und wir haben ein Geschäft, über das wir mit Ihnen sprechen wollen.“ Danach warb er für Anti-Aids-Programme in Afrika. Das ist ein Engagement, wie es dem Publikum gefällt. Offen, selbstkritisch und dann noch scheinbar kreativ. Ob die vollmundigen Versprechungen umgesetzt werden oder ob es nur bei Absichtserklärungen wie in Schottland bleibt, wird dann niemand mehr so genau prüfen wollten. Die Medien interessiert mehr, dass die Reichen und Mächtigen mittlerweile so offen sind und sogar einen Workshop zu "Sex und Beziehungen" im Programm haben.

Was sonst noch auf der Agenda des WEF stand, trat hingegen in den Hintergrund. In den deutschen Medien wurde die Eröffnungsrede von Bundeskanzlerin Merkel zur Kenntnis genommen. Da sie aber nur ein Plädoyer war, die soziale Marktwirtschaft neu zu erfinden und zu internationalisieren, löste sie keine größeren Kontroversen aus. Dass sich Ex-Präsident Clintion für gemeinsame Schritte in der Klimapolitik aussprach, konnte ebenso wenig überraschen, wie die Appelle von einer besseren internationalen Zusammenarbeit.

Die aufstrebenden Märkte in China und Indien standen im Mittelpunkt vieler Gespräche im kleinen Kreis und auch manche Geschäftskontakte dürften dort angebahnt worden sein.

Einsame Kritiker

Anders als in den vergangenen Jahren drang die Kritik am WEF kaum noch in die Öffentlichkeit. Zu den wenigen Ausnahmen gehört der SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer: „Einseitig ausgerichtete moderne Wirtschaftsideologen bemühten sich dort seit Jahren um schöne Worte, aber letztlich zielt alles auf Wettbewerb, Wettbewerb, Wettbewerb, und wenn es noch so ökologisch und sozial in der Praxis ignorant ist,“ monierte Scheer. Er sah hingegen im Weltsozialforum in Caracas das interessantere Podium. Die Weltsozialforumsbewegung ist als Gegeninitiative zum WEF entstanden, hat aber längst eine Eigendynamik bekommen.

WEF-Gegner in Medienflaute

Auch die organisierten WEF-Kritiker haben es schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Als vor einigen Jahren Blockaden, Demonstranten und ein riesiges Polizeiaufgebot zum WEF gehörten, diskutierte man auch über die Gründe des Protests. Als durch eine rigide Polizeitaktik Proteste in Davos nur noch als Kunstaktion möglich waren und sich die Protestbewegung auf die größeren Städte zu konzentrieren begann, ließ das Interesse schnell nach.

In diesem Jahr gab es im Vorfeld und zum Abschluss des WEFs Demonstrationen. Am vorletzten Wochenende gab es in zahlreichen Schweizer Städten kleinere Demonstrationen und am letzten Samstag konzentrierte man sich auf eine zentrale Demonstration in Basel und einige öffentlichkeitswirksame Kleinaktionen. Doch der Tenor der Medienberichterstattung ist längst dazu übergegangen, die Kritiker als schrumpfende Gruppe darzustellen, die an alten Ritualen festhält.

Dazu trägt sicherlich auch bei, dass unter den Gegnern manche holzschnittartige Argumentenmuster verbreitet sind. Die Vorstellung, dass in Davos einige Mächtige die Geschicke der ganzen Welt planen, kann beispielsweise unter die Rubrik verkürzte Kapitalismuskritik verbucht werden. Die Kritiker werden sich in den nächsten Jahren was einfallen müssen, um die öffentliche Debatte wieder stärker zu bestimmen. Sexkurse und Bono-Auftritte müssen es aber nun wirklich nicht sein. (Peter Nowak)