Boomerangs im Hotel Mama

Symbolbild: Pixabay

Rückzugstrend in der Coronakrise: Immer mehr junge Erwachsene wohnen wieder bei den Eltern. Führt das zu politischer Regression?

In Deutschland nennt man sie "Bumerang-Kinder". Eine Ratgeberseite für Umzüge definiert sie so: Sie sind "meist mit viel Schwung und großen Plänen ins Leben gestartet - um sich ein paar Jahre später als Erwachsene im alten Kinderzimmer bei den Eltern wiederzufinden".

Das ist ein trauriges Fazit. Entsprechend wird dann bei den Tipps, "damit es nicht kracht", gleich an erster Stelle betont: "Allen sollte klar sein, dass es sich um eine Übergangslösung (herausgehoben i.O.) handelt."

Dass es beim Übergangszustand bleibt, ist nicht so sicher und das kann auch politische Auswirkungen haben. Der Einzug ins Hotel Mama macht es Papa Staat leicht, junge Erwachsene mutieren zu "fügsamen Perma-Kindern", meint Helen Buyniski. Die US-Journalistin beobachtet einen Trend zur Umwertung des Erwachsenenlebens, der eine Regression in die endlose Unselbstständigkeit beschönigt. Das nütze Unternehmen und Autoritäten, die Schutz gewähren, und bringe die jüngeren Generationen auf einen Trip der politischen Verharmlosung.

Wenn von den Millennials und der Generation Z erwartet wird, dass sie unter dem Dach ihrer Eltern leben, dann haben es Arbeitgeber leicht damit, ihnen noch weniger zu bezahlen - weil sie ja keine Miete bezahlen müssen, weil sie sich wahrscheinlich um keine Kinder sorgen müssen und immer Mamas oder Papas Auto ausleihen können, falls sie irgendwo hin müssen. Junge Erwachsene, die als ewige Kinder leben, werden sich dann auch als solche verstehen, und in die Rolle eines Abhängigen zurückfallen - in einem Alter, wo sie mehr verlangen sollten: von ihnen selbst, von ihren Arbeitgebern und sogar von ihrer Regierung.

Helen Buyniski, RT

Zahlen aus den USA belegen einen Rückzugstrend. 52 Prozent der 18- bis 29-jährigen Amerikaner leben bei mindestens einem Elternteil, berichtete Pew Anfang September aufgrund amtlicher Angaben. Erstmals ist es eine Mehrheit, die bei Mama oder Papa wohnt. Dieser Anteil ist mit Einsetzen der Corona-Krise angestiegen.

Mehr als 2,6 Millionen Unter-Dreißigjährige sind seit Februar dazu gekommen. Insgesamt leben 26,6 Millionen junge Erwachsene (U-30) mit mindestens einem Elternteil unter einem gemeinsamen Dach. Dabei werden keine markanten Unterschiede zwischen Ethnien, Frauen oder Männer, Stadt- oder Landbewohner festgestellt. Auffallend sei aber die Zunahme bei den Jüngsten im Alter zwischen 18 und 24 und den jungen weißen Erwachsenen.

Dieser Trend würde in einem Buzzfeed-Artikel zu einem komfortablen Status verklärt - Gaslighting, nennt Buyniski den Versuch des Artikels, "das Stigma des Wiedereinzugs bei den Eltern" zu etwas Richtigem und Gutem zu stilisieren.

Dort heißt es von einer 40-Jährigen, die bei ihren Eltern lebt, dass das Konzept des Erwachsenseins im Westen und besonders in Amerika, bei weitem zu eng seien und einzig der kapitalistischen Maschine helfen würden. Dass in US-Publikationen seit einiger Zeit das Verb "adulting" aufgekommen ist und das Erwachsenwerden mehr und mehr in die mittleren Jahre verlegt, ist für Buyniskis scharfen Kommentar ebenso ein beängstigendes Zeichen wie Beiträge in Zeitungen wie der Financial Times, wo der Rückzug zu den Eltern als "cool" und "finanziell raffiniert" gewertet wird. Anderswo wird das sogar als "Akt des Widerstandes" bezeichnet.

Tatsächlich aber seien das Signale dafür, dass uns eine lange und schmerzliche Rezession bevorstehe, so der RT-Kommentar, der seinerseits einem Trend folgt, nämlich die Jungen als "snowflakes" zu zeichnen.

In Deutschland gibt es übrigens keine amtlichen Zahlen zu den "Boomerang"-Erwachsenen. Im oben genannten Ratgeber-Magazin wird eine britische Langzeitstudie zitiert, wonach sich Bumerang-Kinder negativ auf das Wohlbefinden der Eltern auswirken. "Denn die sind nun plötzlich wieder in ihrer Mutter- und Vaterrolle gefordert, statt als aktive Senioren so richtig durchzustarten."

Bei Umziehen.de sind alt und jung startbereit. Es braucht also nur genügend Wohnungen, die man sich leisten kann. Mithilfe des paternalistischen Staats? (Thomas Pany)