Bratwurst, Cocktailparty oder Ausflug im Doppelpack mit Impfstoff

Was, wenn die Bratwurst nicht schmeckt und deshalb der zweite Impftermin nicht wahrgenommen wird? Foto: Hans Braxmeier auf Pixabay / Public Domain

Spontane Impfentscheidungen werden kreativ gefördert. Dabei gibt es Risiken, wenn Kurzentschlossene "halb geimpft" bleiben. Spahns Ministerium nimmt nun Zwölf- bis 17-Jährige ins Visier

Der Vorschlag mit den Geldprämien konnte sich bundesweit nicht durchsetzen - dafür gab es am Freitag zumindest im Thüringer Landkreis Sonneberg Bratwurst als Belohnung für spontane Impfbereitschaft. Regionale Medien meldeten daraufhin einen "Ansturm" auf die dortige Impfstelle; statt wie üblich rund 140 Personen hätten bei dieser Gelegenheit 250 den Ärmel hochgekrempelt, um sich eines der Vakzine gegen das Coronavirus verabreichen zu lassen.

Im hessischen Landkreis Gießen wird auf alkoholfreie Cocktails als Impfanreiz gesetzt - und im oberbayerischen Berchtesgaden fand am Wochenende eine Impfaktion in 1.800 Metern Höhe statt. An der Bergstation des Jenner konnten sich am Samstag laut einem Bericht des Bayerischen Rundfunks bis zu 145 Personen impfen lassen.

Anreize für Bauchentscheidungen – eine gute Idee?

Die Frage ist nicht, ob sich die teils übermächtigen Ängste von Menschen, die schwere Nebenwirkungen oder Impfschäden fürchten, mit Bratwurst oder Softdrinks zerstreuen lassen - das dürfte selten bis nie der Fall sein - sondern eher, ob die Kurzentschlossenen nach ihrer Spontanentscheidung für die erste Dosis auch den zweiten Impftermin wahrnehmen, wenn die Bratwurst nicht geschmeckt hat.

Denn gesicherte Erkenntnisse, wie sich "halbe" Impfungen auf mögliche Virusmutationen auswirken, gibt es bisher nicht. Entsprechende Warnungen vor einem "Escape"-Effekt gab es aber zumindest Anfang des Jahres von Florian Krammer, einem Impfforscher der Icahn School of Medicine in New York. Damals war wegen des Impfstoffmangels darüber debattiert worden, die Abstände zwischen der ersten und er zweiten Dosis zu erhöhen.

Stiko bei Kindern und Jugendlichen zurückhaltend, Ministerium prescht vor

Inzwischen herrscht kein solcher Mangel mehr. Es gibt sogar "Impfnächte" ohne Termin. Das Impftempo bei Erwachsenen hat sich trotzdem verlangsamt; die Verunsicherung ist groß; der Druck auf Impfskeptiker nimmt zu - und das Bundesgesundheitsministerium unter Jens Spahn (CDU) will nun auch Kindern und Jugendlichen ab zwölf Jahren flächendeckend Impfangebote machen. Das geht aus einem Entwurf für einen Beschluss der Gesundheitsministerkonferenz von Bund und Ländern am heutigen Montag hervor, aus dem die Deutsche Presseagentur zitierte, nachdem zuerst die Bild am Sonntag darüber berichtet hatte.

"Es werden nunmehr alle Länder Impfungen für Zwölf- bis 17-Jährige in den Impfzentren anbieten", so das Ministerium. Eine entsprechende ärztliche Aufklärung sowie die notwendige Zustimmung der Sorgeberechtigten würden dabei sichergestellt, hieß es. In einigen Ländern sind bereits Impfaktionen an Schulen geplant. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte im Mai den Covid-19-Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen, vor wenigen Tagen folgte auch die Freigabe für Moderna.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) die Impfung trotz massiven politischen Drucks bisher nur für Kinder und Jugendliche mit bestimmten Vorerkrankungen wie Diabetes oder Adipositas, die ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf haben, ausdrücklich. Als Gründe nannte die Stiko noch fehlende Daten zur Sicherheit des Impfstoffs. Eine Aktualisierung der Impfempfehlung könne es erst dann geben, wenn aussagekräftige Daten für diese Altersgruppe zum Risiko durch die Impfung und zum Risiko durch die Corona-Variante Delta vorlägen, hatte der Stiko-Vorsitzende Thomas Mertens kürzlich betont. (Claudia Wangerin)