Brauchen Roboter Emotionen?

Nao-Roboter. Bild: Jiuguang Wang/CC-BY-SA-3.0

Auf lange Sicht werden wir keine mitfühlenden Roboter haben

Seit etwa zwei Jahren geistern "Roboter mit Emotionen" durch die Medien. Des Öfteren werde ich gefragt, wann solche Maschinen auf den Markt kommen und ob es nicht wunderbar bzw. erschreckend wäre. Hier der Versuch einer Antwort.

Moores Gesetz hat uns immer kleinere und schnellere Computerchips beschert, so dass in vielen Produkten mehr und mehr Informationstechnologie eingebettet wird. Der Prozess der Automatisierung findet so schwungvoll statt, dass sich an manchen Ecken eine Welle der Euphorie ausbreitet.

Ein moderner Hype besteht darin, bereits heute die zukünftigen robotischen Diener anzukündigen, d.h. Roboter, die im Haushalt, aber auch im Krankenhaus alle unsere Wünsche erfüllen werden. Besonders in Japan wird regelmäßig über die Vergreisung der Bevölkerung lamentiert: Mangels jüngerer Arbeitskräfte soll die Pflege der Senioren von Robotern übernommen werden.1 Damit ältere Japaner diese Horrorvorstellung nicht sofort ablehnen, wird geschworen, dass die Pflegeroboter Emotionen lesen und ausdrücken werden. Der "emotionale Roboter", der mitfühlen und womöglich auch trauern kann, wäre dann nur eine Frage der Zeit.

Mitte 2015 war in Japan ein solcher "emotionaler Roboter" innerhalb von nur einer Minute online ausverkauft. Die Aktion war eine Art Beta-Test der Akzeptanz des neuen Roboters der Firma Aldebaran, die die populären Nao-Roboter weltweit verkauft. Damit die Käufer die Emotionalität des Roboters nicht anzweifelten, wurde verraten, dass diese durch ein "endokrinales, mehrschichtiges neuronales Netz" erzeugt wird (!).

Der Nao selber wurde schon lange - seit sechs Jahren - als erster Roboter gepriesen, der Emotionen "detektieren und ausdrücken" kann.2 Wenn der Nao "glücklich" ist, hebt er die Arme, um den ebenfalls freudigen Besitzer zu umarmen. Die Firma Emotion Robotics z.B. verkauft den Nao inklusive Software für ebensolche Entwicklungen im Bereich der sozialen Robotik. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft der Nao in den Medien als erster emotionaler Roboter porträtiert worden ist.

Wenn es darum geht, dass Computer mit Menschen interagieren, gibt es zwei große Baustellen: einerseits den Gemütszustand von Menschen durch Videokameras oder andere Sensoren zu erkennen, andererseits Gefühle durch Avatare oder synthetisierte Stimmen auszudrücken. Häufig wird für diese Forschung der Begriff "Affective Computing" verwendet, der bereits auf eine dreißigjährige Geschichte zurückblicken kann.3

Viele werden den Roboter Kismet kennen, der einem wie aus einem Science-Fiction-Film entsprungen vorkommt. Berühmt wurde Kismet weil er (oder sie?) durch Augenbrauen-, Ohren- und Augenbewegungen Langeweile, Ärger oder Interesse ausdrücken konnte. Seitdem sind kismetische Roboter in allen Variationen nachgebaut worden.

Möchte ich aber wirklich, dass mein Computer meine Gefühle erkennt? Häufig wird erzählt, wie wunderbar es wäre, wenn der Rechner merkt, dass der Schüler sich langweilt und dann eine andere Beschäftigung vorschlägt. Oder wenn der Rechner merkt, dass man traurig ist und sich dann sich etwas Passendes ausdenkt. Apple hat deswegen vor kurzem die Firma Emotient gekauft, ein Unternehmen, das sich auf die Erkennung von Emotionen spezialisiert. Microsoft hat bereits 2015 ihre "emotion-sensing platform" angekündigt und Google - die Firma, die alles über uns weiß - hat bereits entsprechende Apps für Google Glass entwickeln lassen. Emotionen sollen aber nicht nur mit Videokameras, sondern auch mit anderen Sensoren wie Mikrophonen oder über die Pulsmessung (dank vernetzter Armbanduhr) erfasst werden.

Man stelle sich vor, wenn man demnächst am Computer sitzt, erkennen die Internetanbieter nicht nur, was ich alles an Informationen runterlade, sondern auch noch, wie mein Puls sich dadurch ändert und ob ich Freude oder Frust empfinde. Die Firma Affectiva, von Rosalind Picard, einer Pionierin im Bereich affective computing, entwickelt solche Werkzeuge.

Die zweite Forschungsbaustelle ist das Ausdrücken von Emotionen. Soll uns ein Computer vormachen, dass er mitfühlt? Einige Forscher proklamieren, dass Roboter in etwa 50 Jahren echte Emotionen empfinden werden - wobei auf 50 Jahren in der Zukunft zu wetten, immer eine sichere Sache ist, da wenige sich noch daran erinnern werden.

Die "Stiftung für Effektiven Altruismus" geht viel weiter, da sie für die zukünftige Forschung folgende Maßnahme vorschlägt4:

Forschungsprojekte, die selbstoptimierende neuromorphe, d.h. gehirnanaloge KI-Architekturen entwickeln oder testen, die mit höherer Wahrscheinlichkeit über Leidensfähigkeit verfügen werden, sollten unter die Aufsicht von Ethikkommissionen gestellt werden (in Analogie zu den Tierversuchskommissionen).

Da haben sich die Kollegen etwas vergaloppiert.

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