Brauchen wir den öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch?

Hauptstadtstudio der ARD in Berlin. Bild: Berlinautor, CC BY-SA 4.0

In den vergangenen Jahrzehnten wurden innovative Formate abgeschafft und eine Erneuerung verpasst. Nun springen die Privaten in die Bresche

In Ostdeutschland stößt die Gebührenerhöhung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks (ÖRR) auf Widerspruch. Der ÖRR wird als einseitig, ja parteiisch gesehen, verstehe die Probleme des Ostens nicht und interessiere sich nicht für den Osten, meint Frank Scheurell, CDU-Abgeordneter aus Sachsen-Anhalt.

Auch werden die hohen Gebühren kritisiert und eine zu grün- und linkslastige Einstellung. Dazu wird eine Umfrage zitiert, nach der Volontäre zu 92 Prozent links-grün orientiert seien. Darüber hinaus wird häufiger eine unsachliche Berichterstattung reklamiert.

Der ÖRR hat sich sehr gewandelt, seit das Privatfernsehen 1984 startete; auch er begann daraufhin den Wettbewerb um Einschaltquoten, der seitdem als Qualitätskriterium und Sendeplatzgarantie gilt. In der Folge nach 1984 wurden viele Fernseh-Feature-Plätze in den dritten Programmen gestrichen und Hintergrundberichte abgeschafft.

Was sich im Fernsehen abzeichnete, schwappte mit der Zeit auch auf das Radio über, so wurde etwa das Kritische Tagebuch (WDR 3, Radio) abgeschafft. Das Bildungsprogramm, eine Domäne und eigentliche Pflicht des ÖRR, ist ab dem Jahr 2000 im Prinzip im Fernsehen gänzlich gestrichen worden und durch Bildungsunterhaltung ersetzt worden, wie Terra X – sicher gut gemacht – oder neuerdings Quizsendungen, die irrtümlich, wie manche Wissenschaftsshows, für Wissenssendungen gehalten werden, obwohl sie mit Bildung nicht immer viel zu tun haben.

Fernsehauftritte von Professoren, die jahrelang unbemerkt in ihren Labors gearbeitet haben, sollen offenbar dieses Defizit zum Teil ausgleichen. Manche Wissenschaftsjournalisten wurden sogar mit einem Doktor h. c. geehrt - Fernsehen hat seine Wirkung auch auf nüchterne Physikprofessoren - und in Nebenjobs reichlich bezahlt wie andere Fernsehschaffende ebenfalls.

Der inhaltliche Wandel des ÖRR hat vor allem damit begonnen, als Intendanten aus dem Pool der politischen Nachrichtensendungen rekrutiert wurden. Friedrich Nowottny, der als Moderator des Berichts aus Bonn hohe Einschaltquoten hatte und sehr beliebt war, weil er "gut rüberkam" wurde 1985 Intendant des WDR. Sein Markenzeichen war die Nominalphrase "Das Wetter!" am Ende jeder Sendung. Seitdem warten Zuschauer und Presse darauf, wie die neue Moderatorin oder der neue Moderator das Wetter ankündigt - ein wichtiger Vorgang mittlerweile.

Nowottny eröffnete den Reigen der Intendanten, die aus den politischen Hauptnachrichtensendungen kamen. Dass sie mehr und mehr Nachrichtenformate bevorzugten, dürfte nicht verwunderlich sein. Hintergrundberichte wurden zwar nicht ganz abgeschafft, aber Nachrichten wurden mehr und mehr dominierend.

Als weiteres Nachrichtenformat kam die (Polit-)Talkshow, die immer weniger eine diskursive Diskussion beinhaltet (der bedeutende Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas hat sich ihnen immer verweigert), als einen Austausch von Meinungen und Ansichten zu einem Thema, letztlich Stellungnahmen. Sie waren importiert worden aus den USA, wie auch die beliebte heute-show.

Die Umgestaltung der dritten Programme

Im Verlauf der 1980er-Jahren begann dann die Umgestaltung der dritten Programme bei der ARD, die bis dahin ein Experimentierfeld waren für andere Sendeformate, wie etwa die Plattenküche oder Bios Bahnhof, die Unterhaltungssendungen mit eigener Note waren. Sicher gab es in den Dritten Grenzen des Experiments. Aber warum nicht?

Mit der Angleichung der dritten Programme als selbständiges Parallelprogramm zum Ersten und Zweiten begann dann die Verflachung des Programms in der Hinsicht, dass die Formate des ersten und zweiten Programms übernommen wurden. Experimente waren unbeliebt geworden, die Formate passten sich an und wurden immer gleicher. Der Zuschauer ist seit Jahren konditioniert und erwartet keine Überraschungen, die ihn heute eher verwirren würden als anregen.

Damit verschwanden aber Sendung mit Esprit, wie die Leiche im Kanal, eine Persiflage auf Fernsehmacher, die alle glauben, das Fernsehen höchstselbst erfunden zu haben, nicht mehr möglich. Ein Programmdirektor meinte einst, dass man wissen müsse, dass Fernsehen viel mit Unterhaltung zu tun habe. Das war ein weiterer Schritt, diese Meinung aufzugreifen und in die Tat umzusetzen.

Dass dem ÖRR Parteinahme und unkritische Berichterstattung vorgeworfen wird, kann an der Corona-Krise verdeutlicht werden. Bis heute sind die Ansteckungswege zum einen großen Teil noch unklar. Was auf den Intensivstationen genau geschah und geschieht ist statistisch mit einer Zeitreihe nicht zu verifizieren.

Kritisch wurden kaum einmal Alternativen zum Lockdown diskutiert. Und die Frage wurde kaum erörtert: Was hätten wir getan, wenn nicht rasch ein Impfstoff gefunden worden wäre? Zwei oder drei Jahre Lockdown, wäre psychologisch und ökonomisch nicht zu verkraften gewesen. Schon heute hat uns der Lockdown wohl um die 400 Milliarden Euro gekostet.

Solche Fragen hätte der ÖRR stellen können, um mehr Klarheit zu schaffen, Alternativen aufzuzeigen, ebenfalls Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er hätte nachprüfen können, aufgrund welcher Fakten und Studien manche Virologen zu ihren Empfehlungen kamen. Waren diese methodisch und logisch einleuchtend?

Interessant wäre auch gewesen, warum die Influenza-Toten der vergangenen 30 Jahre, die nie so intensiv registriert wurden wie die Corona-Erkrankten, früher medial fast gänzlich unberücksichtigt blieben. Auch Influenza-Tote sind Menschen!

Karl Lauterbach wurde zum Experten der Wahl, war plötzlich Epidemiologe und Virusexperte geworden und bevölkerte ubiquitär das Fernsehen und das Radio (auf Einladung des ÖRR), wo er oftmals seine Einschätzungen ohne fachlichen Widerspruch zum Besten geben durfte, was manchem Zuhörer oder Zuschauer dann doch zu weit ging.

Sich kritisch mit den politischen wie wissenschaftlichen Methoden in der Corona-Krise auseinanderzusetzen, Zahlen, Fakten, Projektionen kritisch zu hinterfragen (auf welcher Faktenbasis wird eigentlich entschieden?), kam erst langsam im Jahr 2021 vor, aber noch lange nicht kritisch genug. Bis ins Jahr 2021 hinein konnte man fast glauben, dass es in Deutschland nur zwei zitierfähige Epidemiologen und Virologen gab: Herrn Drosten und Herrn Lauterbach, letzter ist wesentlich Politiker und nicht Wissenschaftler.