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Breitscheidplatz: Wie lief der Anschlag genau ab?

Der Weihnachtsmarkt am Breitscheidtplatz 2013. Foto: Arild Vågen. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Obwohl mehr als eineinhalb Jahre seit dem LKW-Attentat vergangen sind, kann die Bundesanwaltschaft vieles nicht beantworten - Interview mit dem Anschlagsopfer Andreas Schwartz

Zwölf Menschen sind dem Anschlag vom 19. Dezember 2016 auf dem Breitscheidplatz in Berlin zum Opfer gefallen, Dutzende wurden zum Teil schwer verletzt, noch mehr traumatisiert. Der Attentäter war mit einem Sattelschlepper abends um 20 Uhr in die Menschenmenge des Weihnachtsmarktes bei der Gedächtniskirche gefahren. Viele Menschen wurden Ohren- und Augenzeugen der Tat. Dennoch sind bis heute zahlreiche Details unklar oder umstritten. Viele Fragen sind unbeantwortet, wie die, warum der Täter scheinbar so ohne weiteres entkommen konnte.

Zwei Sonderermittler und drei parlamentarische Untersuchungsausschüsse mühen sich bisher mit der Aufklärung der Hintergründe ab. Doch sie stellen fest, dass die Fragen mehr werden und nicht weniger. Vieles erinnert bedenklich an den ebenfalls weiterhin ungeklärten NSU-Komplex. Noch immer ermittelt die Bundesanwaltschaft das Tatgeschehen. Derweil müssen die Parlamentarier auf die Akten warten.

Dass nicht einmal feststehen soll, was genau am Anschlagstag geschehen ist, macht die Opfer nervös. Viele Menschen haben Wahrnehmungen gemacht - wurden sie befragt? Was für Zeugenaussagen gibt es? Mit welchem Inhalt? Man fragt sich das auch, weil inzwischen Aussagen bekannt wurden, die mit dem offiziell Erklärten nicht zusammenpassen.

Nach der Version der Bundesanwaltschaft soll der mutmaßliche Attentäter Anis Amri am Nachmittag des 19. Dezember 2016 sich jenen Lastwagen als Tatwaffe ausgesucht haben, der in Berlin am Friedrich-Krause-Ufer abgestellt war. Er gehörte einer polnischen Spedition. Um etwa 19:30 Uhr soll Amri den Speditionsfahrer erschossen, das Fahrzeug in seine Gewalt gebracht und ziemlich genau um 20:02 Uhr auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz gesteuert haben. Dort starben elf weitere Menschen.

Geldbörse, Duldungsbescheinigung und zwei Handys im Führerhaus

Der Attentäter soll unerkannt den Tatort und die Stadt verlassen haben. Erst am folgenden Tag sollen seine Geldbörse, eine Duldungsbescheinigung der Ausländerbehörde Kleve und zwei Handys im Führerhaus gefunden worden sein und damit seine Identität festgestanden haben. Dennoch entkam Amri den Fahndern. Erst am 23. Dezember 2016 soll er mitten in der Nacht in der Nähe des Bahnhofes Sesto San Giovanni bei Mailand von Polizisten angehalten und nach einem Schusswechsel erschossen worden sein.

Der Berliner Andreas Schwartz war am 19. Dezember 2016 einer der Besucher des Weihnachtsmarktes. Er stand an einer der Konsumbuden, als der LKW auf den Platz fuhr. Er konnte sich im letzten Moment retten, verletzte sich dabei, half anschließend aber noch bei der Erstversorgung von Schwerverletzten.

Schwartz war selber LKW-Fahrer und ist ausgebildeter Rettungssanitäter. Seit dem Anschlag ist er arbeitsunfähig. Mit der Unfallkasse Berlin kämpft er bisher erfolglos um eine Zahlung. Er bekommt eine staatliche Opferrente von 141 Euro monatlich und erhielt eine Opferentschädigung von einmalig 9000 Euro. Bei der kürzlich erfolgten Verdreifachung der familiären Entschädigungszahlungen für Todesopfer auf 15 000 bzw. 30 000 Euro wurden Verletzte wie er nicht mitberücksichtigt.

Andreas Schwartz hat bei dem Anschlag Beobachtungen gemacht, die die Version der Bundesanwaltschaft berührt. Bereits im Juni 2017 hat er diese Beobachtungen Ermittlern des Bundeskriminalamtes ausführlich geschildert. Weil daraus in seinen Augen bisher nichts geschehen ist, hat er sich im Juni 2018 an die Amri-Untersuchungsausschüsse des Abgeordnetenhauses von Berlin und des Deutschen Bundestages gewandt, den beiden Ausschussvorsitzenden seine Beobachtungen schriftlich überreicht und sich angeboten, auch als Zeuge auszusagen.

Das Interview mit Andreas Schwartz

Wie haben Sie den Anschlag erlebt?
Andreas Schwartz: Ich war etwa ab 19:30 Uhr auf dem Breitscheidplatz, habe dann an einer Hütte gestanden, hatte mir etwas bestellt und habe mit den Leuten dort ganz normal freundlich gesprochen. Es war dort an der Hütte nicht allzu viel los. Mit einem Mal gab es, wie soll ich das beschreiben, es war wie so ein Donnergrollen. Es ist ein ganz komisches Geräusch gewesen. Manchmal kennt man das ja von Bahnhöfen, wenn die Züge durchfahren, Güterzüge, das holtert und poltert.
In dem Moment, als ich mich dann wegdrehte in die Richtung, wo das Geräusch herkam, sah ich mit einem Mal zwei Lichter auf mich zukommen. Ein LKW, der auf den Platz raste. Ich sah, wie Menschen überrollt worden sind, ich sah Menschen sterben, ja, es war zu viel, zu heftig. Aber ich sah auch, wie zwei Mann im LKW waren. Einer griff dem anderen ins Lenkrad.
Das habe ich dann dem BKA auch ein halbes Jahr später mitgeteilt in einer Zeugenvernehmung, einer offiziellen Zeugenvernehmung. Das LKA hat es nicht geschafft, mich zu vernehmen. Dann kam das BKA auf mich zu. Am 1. Juni 2017 war das BKA bei mir zuhause, wollte eigentlich nur ein normales Gespräch führen und daraus wurde dann eine intensive Zeugenvernehmung, die weit über zwei Stunden ging.
Sie haben den LKW auf sich zurasen sehen: Wie haben Sie reagiert?
Andreas Schwartz: Ich stand im ersten Moment wie angewurzelt, konnte nicht glauben, was man sieht. Im wirklich letzten Moment bin ich weggesprungen, sonst hätte mich der LKW erfasst, und bin in eine Hütte rein gesprungen und dabei habe ich mir den Rücken schwer verletzt. Ich bin dann aus der Hütte wieder raus und bin zu zwei Männern hin gekrabbelt, die aber schon tot waren. Und dann bin ich zu der Frau hin gekrabbelt, ich hatte sie dann bei mir auf dem Schoß. Die Augen riss sie weit auf und dann kippte der Kopf beiseite und die Frau war tot. Das war die Anna. [Bagratuni]
Wie ging es dann mit Ihnen weiter?
Andreas Schwartz: Ich weiß nur noch, dass mich einer am Nacken gepackt hat, an der Jacke hochgezogen hat, weg von der Frau und gesagt worden ist: 'Wir übernehmen.' Ich habe dann bloß noch gesagt: 'Ihr braucht nicht mehr übernehmen, die Frau ist tot.' Sie wurde dann auch zugedeckt, das habe ich auch noch gesehen. Aber was dann passiert ist - keine Kenntnis mehr.
Im Nachhinein habe ich dann erfahren, weil ich jemanden von der Feuerwehr kenne, der mir erklärt hat, wie das ablief: Die Menschen wurden dann in Kategorien eingestuft: Es gab die Toten, es gab die Sterbenden, es gab die Schwerverletzten und es gab die Traumatisierten. Die Gestorbenen hat man erst einmal liegen lassen, diejenigen, die im Sterben lagen, auch. Geholfen wurde den Leuten, die schwer verletzt dalagen, wo man noch Hoffnung hatte.
Aber wie bin ich nach Hause gekommen? Ich weiß es einfach nicht. Mein Psychologe sagt, das ist eine Teilamnesie, die in mir drin ist, da fehlt etwas. Ich sag mal so, ab dem Punkt, als ich da weggezogen worden bin, weiß ich nicht, wo ich hingebracht wurde. Mir wurde dann gesagt, es wurden Sammeltransporte gemacht und die Leute wurden mit Rettungswagen nach Hause gefahren.
Ich weiß nur, dass ich am nächsten Morgen mit blutverschmierten Klamotten, meine Straßenschuhe an, meine Jacke, meine Hose, alles blutverschmiert, in meinem Bett lag. Mein Wohnungsschlüssel steckte außen in der Tür.
Können Sie sich erinnern, ob schon Polizei auf dem Breitscheidplatz da war?
Andreas Schwartz: Man hat Blaulicht ohne Ende gesehen, das habe ich wahrgenommen.
Mich interessiert, ob zum Beispiel von Zeugen Personalien aufgenommen wurden und Zeugenaussagen festgehalten wurden.
Andreas Schwartz: An so etwas kann ich mich überhaupt nicht erinnern. Ich bin drei Tage später selber zu einer Polizeistation und habe versucht, Hilfe zu bekommen, weil ich völlig neben mir stand.

Zwei Männer

Sie sind selber zur Polizei?
Andreas Schwartz: Ich bin selber zur Polizei und habe gesagt, ich bin Opfer vom Breitscheidplatz.
Und ja auch Augenzeuge. Wurde keine Aussage aufgenommen?
Andreas Schwartz: Nichts, gar nichts. 'Sie sind registriert', hat er mir gesagt, sie würden sich bei mir melden.
Der LKW fuhr auf also Sie zu, und Sie hatten einen Bruchteil von Sekunden Zeit zu schauen. Vielleicht können Sie das einfach noch einmal beschreiben: Sie haben zwei Männer gesehen ...
Andreas Schwartz: Genau. Also der LKW kam direkt auf mich zu. Zu diesem Zeitpunkt war die Frontscheibe noch intakt, das heißt, man konnte durchsehen. Ich sah den Fahrer, und ich sah einen stehenden Beifahrer, gebeugt über das Armaturenbrett, also über den Mitteltunnel rüber gebeugt, wie er ins Lenkrad gegriffen hat. Das habe ich klar und deutlich gesehen. Das Bild ist in mir drin.
Das BKA hat mich in der Vernehmung gefragt: Können Sie uns das beschreiben? Dann habe ich ihnen eine Skizze gemacht, und sie haben gesagt: Ihre Skizze ist glaubwürdig. Ich habe das aufgemalt, da ich ja selber LKW-Fahrer bin. Es sind Bruchteile von Sekunden, aber man sieht es. Ich sag mal so: das, was ich gesehen habe, hat sich in mir reingesetzt und - sehen, springen, retten, so war es, hab mich gerettet vor dem LKW, sonst hätte er mich erfasst.
Was war denn Ihr Eindruck, warum der stehende Beifahrer in das Lenkrad greift?
Andreas Schwartz: Mein Eindruck ist: Der Beifahrer hat dadurch Schlimmeres verhindert. Hätte der nicht ins Lenkrad gegriffen, hätten sich die 40 Tonnen weiter durch den Weihnachtsmarkt gebohrt. Der wäre da nicht ausgetreten, der wäre weiter geradeaus durch, wäre vielleicht am anderen Ende zum Stehen gekommen. 40 Tonnen, die stoppt man nicht so schnell.
Und die Holzhütten, die hat er ja weggerissen ohne irgendwas. Ich bin und bleibe der Meinung, dass dieser Beifahrer Schlimmeres verhindert hat. Es sind leider zwölf Menschen ums Leben gekommen.
Auf dem Beifahrersitz wurde ja dann der tote Speditionsfahrer gefunden. Konnten Sie erkennen, dass jemand eine Pistole gehalten hat?
Andreas Schwartz: Ich habe nur die Umrisse von dem Fahrer gesehen. Eine Pistole habe ich da nicht gesehen. Den Beifahrer konnte man sehr gut erkennen, da er ja direkt vor der Frontscheibe stand. Und vom Fahrer sieht man ja nur den Kopf und ein bisschen den Oberkörper.

Zwischen 40 und 60 Stundenkilometer

Welche Geschwindigkeit hat der LKW ungefähr gehabt?
Andreas Schwartz: Der muss so zwischen 40 und 60 Stundenkilometer drauf gehabt haben, so in dem Dreh. Genau kann ich das nicht sagen. Er kam mit einer ganz schönen Wucht rein.
Und von welcher Straße kam er?
Andreas Schwartz: Von der Kantstraße.
Sie haben zuerst dieses Grollen gehört?
Andreas Schwartz: Ja, so ein Holtern, Poltern. Das ist schwer zu beschreiben. Wie wenn Güterwagen ineinander stoßen.

Schlagartige Stille

Mehrere Zeugen beschreiben, dass es dann plötzlich ganz still war.
Andreas Schwartz: Ja, es war mit einem Mal schlagartig Totenstille. Nicht lange, vielleicht eine Minute, weil es ja dann auch schon los ging. Die Rettungsdienste waren ganz schnell da, die Polizei war ganz schnell vor Ort.
Jemand soll einen Schuss gehört haben?
Andreas Schwartz: Richtig. Das war die Frau aus der Hütte, die auch plattgemacht worden ist, wo frische Kartoffelchips hergestellt wurden. Mit dieser Frau habe ich mich am Jahrestag [des Anschlages] unterhalten, sie hat mich wiedererkannt. Und sie hat gesagt, sie hat damals einen Schuss wahrgenommen.
Also die Polizei war nicht bei Ihnen, Sie sind zur Polizei, wurden aber nicht vernommen. Wie kam es, dass dann ein halbes Jahr später im Juni 2017 das Bundeskriminalamt (BKA) auf Sie zukam?
Andreas Schwartz: Das BKA ist auf mich zugekommen, weil die Beamten durch die Medien auf mich aufmerksam geworden sind, haben sie gesagt. Dann sagte ich: Wieso durch die Medien? Ich bin doch offiziell registriert beim Lageso. [Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales] Ich habe ihnen die Unterlagen vorgelegt. Der Beamte war verwundert, was da schiefgelaufen ist. Und ich bin kein Einzelfall. Es gibt noch mehr Leute, wie er sagte, bei denen Sachen schiefgelaufen sind.
Er meinte, es gibt noch mehrere Zeugen, die nicht vernommen wurden?
Andreas Schwartz: Richtig.
Haben Sie seither noch einmal etwas gehört vom BKA?
Andreas Schwartz: Nein, seitdem nicht mehr.
Ihr Fall wurde ja auch in den Medien schon zwei-, dreimal dargestellt. Ihre Beobachtung der zwei Männer im Führerhaus habe ich bisher keiner einzigen Berichterstattung entnommen. Haben Sie das auch geschildert?
Andreas Schwartz: Ich habe es Ihren Kollegen auch geschildert, aber sie haben es nicht gesendet. Warum es nicht gesendet wurde, kann ich nicht sagen. Ich selber habe es ja bei Facebook veröffentlicht, und dann war da einer, der kam mir vor wie so ein Verschwörungstheoretiker. Der ist der Meinung, Breitscheidplatz, den Anschlag hat es nie gegeben. Ich finde das gegenüber den Opfern und den getöteten Menschen respektlos.
Ich habe das vorhin so verstanden, dass auch der BKA-Mann überrascht war von der Aussage, da waren zwei Männer im Führerhaus des LKW, also dass der Beifahrer noch lebte.
Andreas Schwartz: Genau und deswegen wurde es dann so eine lange Zeugenbefragung.
Haben Sie von irgendeinem anderen Augenzeugen so etwas Ähnliches mal gehört? Oder hat der BKA-Mann erzählt, dass er so etwas schon mal gehört hat?
Andreas Schwartz: Nein. Der BKA-Mann sagte, er stehe noch am Anfang seiner Ermittlungen. Er sagte aber, meine Aussage stütze seine Theorie. Da muss irgendetwas Wahres dran sein. Und warum hat sich das LKA nicht an mich gewandt, warum muss erst das BKA kommen?
Was ist denn seine Theorie?
Andreas Schwartz: Das hat er nicht gesagt.

40 Tonnen

Der Sattelschlepper hatte im Prinzip ja das maximale Gewicht von 40 Tonnen - und zwar auch deshalb, weil er Stahlträger geladen hatte. Ist das wieder nur Zufall, dass der Täter sozusagen sich einen LKW mit dem Höchstgewicht aussucht? Er konnte ja nicht in die Ladung gucken.
Andreas Schwartz: Spekulieren kann man hin und her: Wo hat der LKW-Fahrer zum Beispiel die Ladung aufgenommen? Ist er da von Komplizen oder wie auch immer beobachtet worden? Das weiß man ja alles nicht. Ich will mich in diese Spekulationen gar nicht reinhängen. Meiner Meinung nach war der polnische LKW-Fahrer nur Mittel zum Zweck.
Faktum ist: Dieser 40-Tonner, der hat sich da durchgebohrt, ohne mit der Wimper zu zucken. Das Gewicht spielt eine sehr große Rolle. Ich bin der Meinung, durch das beherzte Eingreifen des polnischen LKW-Fahrers, der ins Lenkrad gegriffen hat, ist noch Schlimmeres verhindert worden.
Dann ist er ja fast ein Held?
Andreas Schwartz: In meinen Augen ist er ein Held. Für mich ist er der wahre Held. Er hat sein Leben gelassen und hat noch versucht, Schlimmeres zu verhindern. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich verstehe nicht, wie da ermittelt worden ist. Die offizielle Variante ist: Er soll ja schon am Friedrich-Krause-Ufer erschossen worden sein, soll die ganze Zeit tot im LKW auf dem Beifahrersitz gesessen haben. Das sind Widersprüche in sich und viele Ungereimtheiten.

Puzzlestück eines anderen Tatablaufes als dem offiziell dargestellten?

Die Beobachtungen von Andreas Schwartz könnten ein Puzzlestück eines anderen Tatablaufes als dem offiziell dargestellten sein.

Im Abgeordnetenhaus von Berlin hat Schwartz zusammen mit Astrid Passin, deren Vater auf dem Breitscheidplatz starb, gegenüber den Vertretern der Fraktionen im Amri-Untersuchungsausschuss daran erinnert, dass der Tathergang bisher nicht zweifelsfrei ermittelt ist. Passin äußerte die Befürchtung, dass bei Zeugen und Ermittlern mit der Zeit die Erinnerungen verblassen könnten. Für die Angehörigen habe es eine große Relevanz zu wissen, was genau passiert sei. Sie sprach dabei ausdrücklich auch für die Familie des getöteten polnischen LKW-Fahrers Lukasz Urban.

Eine der ungeklärten Fragen ist, woher der mutmaßliche Attentäter Anis Amri die Pistole hatte, mit der Urban getötet wurde. Und mit der er vier Tage später in Italien auf Polizisten geschossen haben soll, woraufhin er erschossen wurde.

Mit der Spur Italien eröffnet sich zugleich ein wahres Mysterium des Anschlages vom 19. Dezember 2016. Denn Amri flieht über Emmerich in Nordrhein Westfalen, Niederlande, Belgien und Frankreich nach Italien - und ausgerechnet dorthin, wo einen Tag vor dem Anschlag, am 18. Dezember 2016, ganz in der Nähe der LKW, den er zur Tatwaffe machte, Richtung Berlin gestartet war. Das beschäftigt inzwischen den Amri-Untersuchungsausschuss des Bundestages.

Soll es etwa nur ein großer Zufall gewesen sein, dass Amri dort in Sesto San Giovanni auftauchte? Aber was wollte er gerade dort? Wollte er jemanden treffen? Kannte er den Ort und war schon einmal dort gewesen?

Der Sattelschlepper Marke Scania, mit dem der Attentäter in den Weihnachtsmarkt fuhr, besaß das zulässige Maximalgewicht von 40 Tonnen. Leer wiegt das Fahrzeug etwa 20 Tonnen. Das Höchstgewicht erreichte es aufgrund der Ladung: Stahlträger. Die Ladung soll bei Sesto San Giovanni aufgenommen worden sein. Stimmt die offizielle Version vom spontanen Einzeltäter Amri, hätte er sich am 19. Dezember 2016 am Friedrich-Krause-Ufer in Berlin zufälligerweise ein Fahrzeug mit dem Höchstgewicht ausgesucht. Er konnte ja nicht ins Innere des Aufliegers schauen. 40 Tonnen richten aber einen größeren Schaden an als 20 Tonnen.

Wenn es aber kein Zufall war, dass sich der Attentäter nach der Tat dorthin begibt, wo seine Tatwaffe ihren Ausgangspunkt hatte, drängen sich andere Tathypothesen auf. Wäre es demnach nicht Amri gewesen, der in Berlin den LKW ausgesucht hatte, sondern hätte jemand anderes das Tatfahrzeug dort in Mailand ausgewählt, als Tatwaffe bestimmt und dann die Information, dass der geeignete LKW auf dem Weg in die deutsche Hauptstadt ist, nach Berlin übermittelt? Eine solche Tathypothese würde bedeuten, es hätte Mittäter in Italien gegeben und Amri wäre Teil einer größeren Täterorganisation gewesen.

Der Amri-Untersuchungsausschuss des Bundestages hat jedenfalls beschlossen, der Spur Italien nachzugehen. Das Gremium will die Akten zum Tod Amris anfordern und auch die Polizeibeamten als Zeugen befragen, die den Tunesier am 23. Dezember 2016 in Mailand kontrolliert und erschossen haben. Der Ausschuss hat in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause die Bundesregierung aufgefordert, in diesem Sinne gegenüber der italienischen Regierung initiativ zu werden und das Prozedere zu klären. 1


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