Breivik und die Philosophie

Über den Zusammenhang von Ästhetiktheorie und Amokläufen

Am 16. April hat der Prozess gegen den Amokläufer Anders Behring Breivik begonnen, der sich vielleicht immer noch als neuen König Norwegens sieht, als Retter der Welt und vielleicht sogar Friedensnobelpreisträger. Das steht zumindest in seinem über 1.500 Seiten starken, eng beschriebenen Manifest - neben vielen Bezügen auf Philosophen wie Kant oder Adorno. Viele Amokläufer verwenden wie Breivik philosophische Versatzstücke in einer Weise, als ob es ihnen fachmännisch beigebracht worden wäre, von einem Fachmann für Ästhetiktheorie und die Geschichte des Begriffs der Erhabenheit.

Die philosophische Überlegenheit: Kant und Kollegen

So zählt Breivik zum Beispiel zu seinen Lieblingsautoren Kant1, einen der wichtigsten Denker der Erhabenheitstheorie. Kant erklärte, erhaben fühlt sich der Mensch im Angesicht unfassbarer Dinge - beim Anblick des unendlichen Sternenhimmels oder gefährlich wogender Wellen -, wenn er nur in dem Moment spürt, dass innere Werte mehr zählen als jede äußere Übermacht. Und weil auch Breivik seine Werte höher einstuft als die der anderen, zitierte er kurz vor seiner Tat John Stuart Mill mit dem Satz: "Ein Einziger mit seinem Glauben wiegt 100000 andere auf, die nur Interessen haben." Im Original ist da zwar nur von 99 die Rede, aber das tut genauso wenig zur Sache wie die Tatsache, dass Kant und Mill Breiviks Interpretation ihrer Thesen massiv abgelehnt hätten.

Doch die Vorstellung von erhabener Größe im Angesicht des Unterganges, die Kant und seine Kollegen in der Zeit der Französischen Revolution nicht ohne Grund formuliert hatten, war entscheidend für die späteren Verwandtschaftsbeziehungen von Erhabenheit und Amok. Im 19. Jahrhundert wurde daraus die romantische Vorstellung von erhabenen Genies und genialen Künstlern, über alle Welt durch große Gedanken erhabene Einzelkämpfer. Darum spricht Breivik von der "Kunst des Überlebens"2 im Kampf, zitierte Kriegsgedichte3 und entwarf Grabsteine für die Märtyrer seines geplanten Kriegzuges4.

Die reinigende Apokalypse - Satan und Splatter

Breivik hat wohl auch John Miltons Versgedicht "Paradise Lost" gelesen. Darin wird der gegen Gott rebellierende Satan "erhaben" genannt, der sogar im Straflager der Hölle hoch erhobenen Hauptes eine Revolution anzettelt. Am Ende steht das Paradies in Flammen. Und Breivik schreibt: "Scandinavia is a Utopia lost."5

Die Rede von blutigen Umstürzen kennzeichnet die Erhabenheitstheorie von Edmund Burke (auch ein Lieblingsautor Breiviks6) bis Jean Baudrillard, der den erhabenen Rausch bei der Zerstörung althergebrachter Systeme lobt. Sein Beispiel dafür ist 9/11. Und wenn Breivik sein Manifest mit der Jahreszahl "2083" betitelt, bezieht er sich damit nicht nur auf den Jahrestags der Schlacht bei Wien - 1683 wurde dort die Einnahme durch türkische Truppen abgewehrt -, sondern nennt exakt den 11. September 2083 als anvisiertes Datum.7 Auch beim Amoklauf von Ansbach notierte der Täter vorab einen "Tag der Apokalypse" und datierte sein Testament auf das Datum 9/11.

Der männliche Richter - Gender und Gewalt

Wie bei vielen Amokläufen war auch in Ansbach die Zahl der weiblichen Opfer höher als die der männlichen, Amokläufer selbst sind fast immer Männer. Und schon Kant unterteilte die Geschlechter in schöne Frauen und erhabene Männern - Männer, die auch im Krieg Erhabenheit aushalten können. Breivik machte den feministischen "Krieg gegen Jungs" verantwortlich für die Verweichlichung der Gesellschaft, die letztendlich dem Islam den Weg ebnet8, denn vom heutigen Manne würde erwartet, "eine feinfühlige Unterart zu sein, die sich der radikalfeministischen Agenda beugt".9

Die rauschhafte Selbstauslöschung - Amok und Psyche

Ein weiteres gemeinsames Zeichen von Erhabenheitsphilosophie und Amok ist das Gefühl einer Entgrenzung. Denn der Verstoß gegen Regeln, auch gegen die Regeln der Menschlichkeit, erzeugt Lust - wenn auch meist bei denen, die keine Empathie mit anderen bei dieser Lust stört. Nur so konnte Breivik Kostenvoranschläge zu Anschlägen auf Kernkraftwerke erstellen10 und schreiben: "Unschuldige Leute werden sterben, zu Tausenden. Aber das ist immer noch besser als die Alternative von Millionen toter Europäer.11

Breivik soll gejubelt haben, wenn er jemanden erschossen hatte. Wenn die Erhabenheitstheorie den Rausch der Regelübertretung beschreibt, tut sie das meist inklusive einer "Selbstauslöschung". So nennen es Philosophen wie zum Beispiel Georges Bataille, der von Blut und Opfern so begeistert war, dass er einen Geheimbund mit rituellen Menschenopfern gründen wollte und dergestalt vermeintlich Heiliges beschwor, das auch die Attentäter von 9/11 in ihren Briefen anriefen, die sich ebenfalls als Opfer für ihre Sache sahen - und das hatte auch Breivik im Sinn, als er für eine skandinavischen Volksgemeinschaft den überindividuellen Kampf beschwor, "nicht nur für die, die jetzt hier sind, sondern für die, die vorher hier lebten, und für die, die in der Zukunft dort leben werden". 12

Breivik erwartete sich religiöse Offenbarung von seiner Tat und seinem Tod. Denn er war sich "ziemlich sicher", dass er zu Gott beten würde, "wenn ich durch meine Stadt rase mit flammenden Knarren, mit 100 bewaffneten Systembeschützern, die mich verfolgen in der Absicht, mich aufzuhalten und/oder zu töten. Die Tempelritter sind Zerstörer des Marxismus und Verteidiger der Christenheit. Wir sind Kreuzfahrer, Märtyrer der Kirche, selbstlose Verteidiger der Schwachen und Blinden. Im Licht unserer selbstlosen Handlungen haben wir nicht nur automatisch garantierten Zugang zum Himmel; unsere guten Taten und unser letztes Opfer werden dem göttlichen Schatzhaus des Verdienstes hinzugezählt und werden daher anderen weniger tugendhaften Individuen helfen."13

Die missbrauchte Erhabenheit - Verweigerung und Vorglühen

Die Erhabenheitstheorie boomt, seitdem die Philosophen die Welt des Denken mit so viel Naturwissenschaft wie möglich und so wenig Religiosität wie möglich durchforsten: Aus der Erhabenheit als einer Wahrung moralischer Standards unter erschwerten Bedingungen wurde im Lauf der Zeit das Konzept der Erhabenheit als Kraft durch ästhetische Gefühle.

Im 20. Jahrhundert bestand Erhabenheit in der Verweigerung jedweder Funktionalisierung durch die Gesellschaft, und im Übergang zum 21. Jahrhundert wurde daraus dann die Lust an der Selbstüberforderung. Die Erhabenheit mutierte zu einer Ästhetik und Logik suizidalen Scheiterns, je blutiger, umso erhabener.

Das hat mit der früheren und alltagspsychologischen Bedeutung von Erhabenheit als Inbegriff von Würde nicht mehr viel zu tun. Und dabei gilt Erhabenheit als wichtigster Begriff der heutigen Ästhetik-Theorie. Zwar lesen nicht alle Amokläufer philosophische Fachbücher, sie verwenden aber auch unwissentlich gerne die gleichen Formulierungen. Manche Beobachter zweifeln an, dass Breivik viel von dem gelesen hat, was er zitiert. Aber seine Literaturlisten und Buchtipps belegen, dass er in der für Amokläufe charakteristischen Vorglüh-Phase des Grübelns doch das ein oder andere Buch in der Hand hatte, wenn auch wohl keines der Bücher von Philosophen mit menschenfreundlichen Erhabenheitstheorien.

Die möglichen Extreme - Philosophie und Leben

Wenn Philosophen über Erhabenheit schreiben, dann schreiben sie aber eigentlich über eine Grundkonstante des Menschen. Alle Menschen sind dazu in der Lage, Grenzerfahrungen zu genießen. Nur was bestimmte Wahrnehmungsregeln bricht, wirkt nicht nur "schön", sondern "faszinierend", wenn nicht gar "erhaben".

Es gab schon immer Kulturtechniken, um an dieses Gefühl heranzukommen, aber in der heutigen Zeit wurden diese Mittel rar. Das modernde Denken hat eine gewisse Hilflosigkeit in Fragen Extremerfahrungen erzeugt, die in Ermangelung religiöser Vorstellungen eigentlich nur noch durch Geisteskrankheit erklärt werden können - oder durch gesteigerte Selbstwahrnehmungen ersetzt werden. Das beginnt dann bei Extremsportarten und hört auf beim Amok. Wenn aber erhabene Gefühle vielleicht nur eine Art von gut verkleidetem Gotteserleben sind, warum wollen dann manche unbedingt nicht nur zum Gott aufsteigen, sondern auch gleich Apokalypsen auslösen? Und warum verwenden so viele Amokanwärter, Außenseiter der Gesellschaft oder in ihrer Eitelkeit verletzte Selbstdarsteller, so viele Versatzstücke aus der Philosophie, so wie auch Breivik seine Thesen über die Welt, über Mulitkulturalismus und über das Fantasy-Spiel World of Warcraft in seiner eigenen Gegen-Geschichtsphilosophie von über 1500 eng beschriebenen Seiten ausgebreitet hat?

Philosophie trifft immer auf verschiedenste Menschen. Das Gedicht Invictus von George Ernest Henley war Programm sowohl für Nelson Mandela, dem späteren Friedensnobelpreisträger, als auch für Timothy McVeigh, dem später hingerichteten Attentäter von Oklahoma::

It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll,
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

Philosophie ist fast immer das, was aus ihr im realen Leben gemacht wird.

Dr. habil. Stefanie Voigt ist Gastprofessorin an der Geert Grote-Universität Deventer (NL). Zuletzt erschienen ist von ihr: Erhabenheit - Über ein großes Gefühl und seine Opfer. Würzburg 2011, und (zusammen mit Markus Köhlerschmidt): Die philosophische Wollust. Sinnliches von Sokrates bis Sloterdijk. Darmstadt 2011.

(Stefanie Voigt)