"Bretter, die der Welt gestohlen bleiben können"

Nicht, dass in Wuppertal ein Theater geschlossen wird, ist ein Skandal - der Skandal ist, dass weiter eine Oper mit Schulden finanziert wird

Bis 2014 sollen im Wuppertaler Stadthaushalt insgesamt 216 Millionen Euro eingespart werden. Das hundertdreißigseitige "Haushaltssicherungskonzept" (HSK), das Oberbürgermeister Peter Jung von der CDU dazu präsentierte, enthält neben der Schließung von drei Freibädern, zwei Hallenbädern und zwei Bibliotheken auch Einsparungen bei der Straßenbeleuchtung, erhebliche Gebührenerhöhungen und Kürzungen im Sozialbereich.

Mit Abstand am meisten Aufsehen erregten bisher die geplanten Einsparungen bei den Zuschüssen für die städtischen Bühnen. Deren Förderung in Höhe von bislang 10,9 Millionen Euro soll bis 2014 nach und nach um 2 Millionen Euro reduziert werden, was dem Konzept zufolge ab Mitte 2012 eine Aufgabe des Schauspielhauses als Spielstätte zur Folge hätte. Betriebsbedingten Kündigungen soll es dabei deshalb nicht geben, weil die Handwerker anderswo eingesetzt werden und die Schauspieler nur befristete Verträge haben. Zudem werden "organisatorische Verbundlösungen" mit anderen Städten geprüft. Keine unbedingt unschlüssige Idee: Immerhin liegt Wuppertal auch nicht weiter vom Ruhrgebiet mit seinen zahlreichen Spielstätten entfernt als die Vororte anderer Großstädte.

Schauspielhaus Wuppertal. Foto: Andreas Praefcke. Lizenz: CC-BY-SA.

Trotzdem sorgte die geplante Schließung des Schauspielhauses für viel Medienaufmerksamkeit. Seitdem steht die Stadt als Symbol für die angebliche "Notlage" der deutschen Kommunen. Dabei gerät ein bisschen aus dem Blickfeld, wie sehr sie weiterhin andere Bereiche subventioniert - darunter eine Stadthalle für eine knappe Million Unterhaltskosten im Jahr und ein Sinfonieorchester. Für die Tanztheater GmbH werden die Zuschüsse sogar um einige hunderttausend Euro erhöht und sollen 2014 - ohne "Sachleistungen" - bei knapp 2,4 Millionen liegen, obwohl die Attraktion und Namensgeberin dieser Einrichtung im letzten Jahr starb. Auch das Opernhaus und der Opernplatz wurden gerade frisch und für offenbar so viel Geld "umgestaltet", dass die Stadtverwaltung Nachfragen zu den konkreten Kosten unbeantwortet lässt.

Von all dem ist in den Beschwerden wenig zu hören: Opernintendant Johannes Weigand meint etwa, das Stadttheater müsse deshalb unbedingt erhalten werden, weil es eine identitätsstiftende Funktion habe und das Theater ebenso wie die Oper für die Jugend "eine großartige Übung für die Wirklichkeit" wäre - was immer das sein soll. Und Holger Springorum, der Betriebsratsvorsitzende des Schauspielhauses, meint, sein Arbeitsplatz werde "gebraucht", weil er "zum einen durch die Darsteller Identifikation biete, zum anderen bei jungen Leuten eher Anklang finde als die Oper".

Die Stadt Wuppertal hat derzeit etwa 350.000 Einwohner. In den 1950er Jahren waren es noch 100.000 mehr. Das Theater besuchen davon höchstens ein paar Hundert, die Oper noch weniger. Beide Einrichtungen sind angeblich teilweise so leer, dass sich auf der Bühne mehr Menschen befinden als im Zuschauerraum.

Auch wenn es Manchem wahrscheinlich nicht gefällt, muss man wohl objektiv konstatieren, dass Theater und Oper zwei Kunstformen sind, die im 21. Jahrhundert vorwiegend einer sehr, sehr kleinen Elite als Treffpunkt dienen. "Die Bühne", so formulierte es Fritz Ostermayer bereits in den Nuller Jahren, "sind die Bretter, die der Welt gestohlen bleiben können". Ganz anders sieht es da im Bereich der Bibliotheken aus, wo im Zuge der HSK-Einsparungen gleich zwei Häuser geschlossen werden sollen. In diesem analogen Äquivalent zum Filesharing stiegen die Ausleihen seit 2005 bundesweit um etwa fünf Prozent.

Auch abseits des Kulturbereichs findet sich in dem angeblichen "Nothaushalt" noch einiges, von dem man sich wundert, dass es mit Schulden finanziert wird: Ausgaben für einen Rosenmontagszug, "Ehrengaben für Ehejubilare und Altersjubilare" sowie Zuwendungen für eine Vielzahl von Sport- und sonstigen Vereinen scheinen beispielsweise Ausgaben, die eher aus der Wahlkampfkasse der Parteien als aus dem Stadtsäckel finanziert werden sollten. Sogar für Städtebauförderungsmaßnahmen wollte der Wuppertaler Bürgermeister noch Geld ausgeben und dafür Schulden machen. In diesem Programm werden öffentliche Mittel für das Pflastern von Teerstraßen und Ähnliches verwendet. Hier zog jedoch die Bezirksregierung die Notbremse.

Das Soziale umfasst im Haushaltsplan 2010/2011 mit 4,5 Millionen Euro deutlich weniger als die Hälfte der Zuschüsse für Bühnen. Trotzdem soll auch in diesem Bereich eine knappe halbe Million eingespart werden. Wie viel davon genau bei der Hilfe für Obdachlose gestrichen wird, will die Stadtverwaltung nicht sagen. Doch einerlei, um wie viel es sich genau handelt: Sich ein Opernhaus und Obdachlose gleichzeitig leisten, ist auch eine Priorität, die man erst einmal setzen muss. (Peter Mühlbauer)

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