Brief an einen jungen Philosophen

Gut gemeinte Ratschläge für das Studium der Philosophie, um das Schlimmste zu verhindern

In Zeiten, in denen der Mangel an guten Fachkräften, besonders in den MINT-Fächern, die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in zunehmenden Maße behindert, ist jeder talentierte junge Mensch, der sich irgendeinem Orchideenfach zuwendet, anstatt Natur- oder Ingenieurwissenschaften zu studieren, ein schwerer Verlust für unser Land. Der Autor hatte einen solchen Fall in der Familie und, um das Schlimmste zu verhindern, schrieb er einen Brief an einen jungen Philosophen.

Lieber S. ,

von Deiner Mutter erfuhr ich, dass du beschlossen hast, in B. Philosophie zu studieren. Das bekümmert mich sehr und ich schreibe Dir diesen Brief, um Dich zu bewegen, doch noch von diesem unnützen Unternehmen abzulassen.

Dabei geht es mir nicht zuerst um Deine wirtschaftliche Zukunft. Du weißt selber, wie viele Doctores Philosophiae letztlich als Taxifahrer ihr Brot verdienen müssen. Nein, Taxifahrer ist ein ehrenwerter Beruf, und jene, die diesen Beruf ausüben, leisten der Gesellschaft einen nützlicheren Dienst als die meisten Philosophen. Darum geht es mir also nicht.

Ich möchte Dich vielmehr bitten, Deine Motive für diesen Beschluss ernsthaft und ehrlich Dir selbst gegenüber zu prüfen. Du hast mir gesagt, dass Naturwissenschaften und Technik nicht 'dein Ding' seien. Deine Mathematiknoten in der Schule seien selten besser als ausreichend gewesen. Dies alles interessiere Dich nicht. Ich kenne Dich auch als einen jungen Mann, der sich viele Gedanken macht, dem viele Fragen unbeantwortet bleiben. Ich kenne Deinen Einsatz für die Gerechtigkeit, Deine Unterstützung der Schwächeren.

Dies alles ehrt dich, und ich bin weit davon entfernt, dies als eine Schwärmerei der Jugend abzutun, die sich mit dem Alter schon legen wird. Aber glaube mir, um zu erfahren, was Gerechtigkeit ist, was Du also tun sollst, wie die Welt beschaffen ist, was Du also erkennen kannst, und wie Du selbst in dieser Welt stehst, wie Du also zu Dir selbst finden kannst, dazu wird Dir ein Studium der Philosophie wenig helfen. Wenn Du das glaubst, machst Du den gleichen Fehler, wie diejenigen, die glauben, mit einem Psychologiestudium ihr verkorkstes Seelchen wieder zurechtbiegen zu können.

Warum muss es unbedingt ein Studium sein? Warum willst Du nicht ein ehrbares Handwerk erlernen? Ein Tischler, der mit seinen Händen nützliche Dinge erschafft, ein Gärtner, der die Schönheit der Natur zum Blühen bringt oder ein Koch, der mit seiner Gaumenkunst seine Gäste beglückt - all diese können am Ende des Tages stolz darauf verweisen, dass sie die Welt, jeder an seinem Platz, ein wenig besser gemacht haben. Du sagst, du hättest zwei linke Hände, und Handwerk sei nichts für Dich. Höre ich da etwa einen Unterton von Hochmut durch?

Nun habe ich Dir früher gesagt, dass jeder das studieren soll, dem sein ganzes Interesse gilt. Nur dann wird man den größten Erfolg erzielen und ein zufriedenes Leben führen können. Und Du sagst mir jetzt, Du hättest eben einen großen Wunsch weise zu werden. Ach, ihr Liebhaber der Weisheit, wisst ihr nicht, dass Frau Sofie ihre Zuneigung sparsam vergibt. Wie viele, die dieser Dame zu Füßen liegen, machen sich letztlich nur zum Narren. Aber sei es darum, ich vermute, dass Du Deinen Entschluss nicht ändern willst. Dann will ich Dir wenigstens ein paar gut gemeinte Ratschläge mit auf den Weg geben.

Si tacuisses, philosophus mansisses (Ach Philosophlein, wenn du doch geschwiegen hättest!)

Du hast nicht nur zwei linke Hände, sondern, wie ich glaube bemerkt zu haben, auch zwei linke Gehirnhälften, oder mindestens ein hypertrophiertes Sprachzentrum. Du sprichst gerne und, wie ich zugeben muss, gefällig. Dann hat es den Anschein Du hörtest Dir selber beim Sprechen zu. Und wenn Du dann eine Pause machst, scheinst Du zu überlegen: "Hoppla, was habe ich da nun wieder Kluges gesagt?" Das ist die Kleistsche Methode1, bei der man erst einmal losredet, in der Hoffnung, der Gedanke wird sich noch einfinden. Diese Methode ist vielleicht den Poeten erlaubt, nicht aber den Philosophen. Entschuldige meine Offenheit, ich nenne das Geschwätz.

In nichts sind sich die Philosophen so einig und mit nichts haben sie gleichzeitig auch so recht, wie mit der Vermutung, dass die meisten ihrer Zunft nur Schwätzer sind, beziehungsweise waren. Um hier nur einen Beleg zu liefern, zitiere ich Herrn Prof. Dr. G. W. F. Hegel2:

Es gibt aber noch eine Manier, an die sich die Kritik vorzüglich zu heften hat, nämlich diejenige, welche im Besitz der Philosophie zu sein vorgibt, die Formen und Worte, in welchen große philosophische Systeme sich ausdrücken, gebraucht, viel mitspricht, aber im Grunde ein leerer Wortdunst ohne inneren Gehalt ist. Ein solches Geschwätze ohne die Idee der Philosophie erwirbt sich durch seine Weitläufigkeit und eigene Anmaßung eine Art von Autorität, teils, weil es fast unglaublich scheint, dass soviel Schale ohne Kern sein soll, teils, weil die Leerheit eine Art von allgemeiner Verständlichkeit hat. Da es nichts Ekelhafteres gibt als diese Verwandlung des Ernsts der Philosophie in Plattheit, so hat die Kritik alles aufzubieten, um dies Unglück abzuwehren.

Hegel

Einer, der sich dadurch auf den Fuß getreten fühlte, nannte darauf hin den Professor:

"... einen widerlichen, geistlosen Scharlatan und beispiellosen Unsinnschmierer (der die) ... größte Frechheit im Auftischen haaren Unsinns, im Zusammenschmieren sinnleerer, rasender Wortgeflechte, wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte" zeigte.

Arthur Schopenhauer

Schön diese Offenheit, die man heute leider nur noch selten antrifft. Um zu zeigen, was Schopenhauer mit sinnleerem Wortgeflecht des o.g. Professors gemeint haben könnte, hier des Herrn Professors Erkenntnisse zum Thema Elektrizität3:

Die Elektrizität ist der reine Zweck der Gestalt, die sich von ihr befreit; die Gestalt, die ihre Gleichgültigkeit aufzuheben anfängt, denn die Elektrizität ist das unmittelbare Hervortreten oder das noch nicht von der Gestalt herkommende, noch durch sie bedingte Dasein, oder noch nicht die Auflösung der Gestalt selbst, sondern der oberflächliche Prozeß, worin die Differenzen ihre Gestalt verlassen, aber sie zu ihrer Bedingung haben und noch nicht an ihnen selbstständig sind.

Hegel

Ach, ich vergaß, Elektrizität interessiert Dich nicht. Hegel und Schopenhauer, sie hatten ja beide recht. Sie hatten beide aber auch ihren blinden Fleck: die eigene Geschwätzigkeit.

Wie aber lässt sich philosophisches Geschwätz vermeiden. Dies ist offensichtlich eine schwierige Frage. Es ist dies aber Kernfrage der Philosophie. Ich will Dir dazu einige Fingerzeige geben:

  • Der sicherste Weg ist zu schweigen. Natürlich weiß ich, dass Dir das schwerfällt.
  • Denke alles zu Ende, bevor Du öffentlich redest oder einen Text veröffentlichst. Natürlich kannst Du Dir Notizen machen zu Zwischenschritten. Doch diese gehören nicht in die Öffentlichkeit.
  • Sprich einfach und klar. Simplex sigillum Verum (Einfachheit ist Zeichen der Wahrheit). "Alles was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen."4
  • Fasse Dich kurz. Auch große Wahrheiten kann man in wenigen Sätzen ausdrücken. Wenn ein philosophischer Traktat mehr als, sagen wir, hundert Seiten umfasst, dann enthält er entweder zu viele Gedanken auf einmal, die dann besser getrennt dargestellt werden sollten, oder es besteht akuter Schwafelverdacht.
  • Äußere Dich nicht zu allem und jedem. Jeder Philosoph hat sein Thema, und darüber hinaus sollte er nicht reden.
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