"Bring on the Germans"

Die Geschichte englischer Fußballdramen wird im Spiel mit der deutschen Elf um ein Kapitel reicher - dank eines reichlich indisponierten Schiedsrichtergespanns

Als klar war, wer der Achtelfinalgegner der "Three Lions" sein würde, titelte die "Times" kühn: "Bring on the Germans"; auf deutsch also: "Her mit den Deutschen". Der "Krieg", der bislang noch jede fußballerische Auseinandersetzung Englands mit Deutschland begleitet hat, war damit noch am gleichen Tag eröffnet.

Um im Bild zu bleiben, machte "The Daily Mirror" am Freitag noch mit "It's War" auf. Deutsche Fans, so der RTL-Reporter Jürgen Klose gegenüber den verdutzten Günther Jauch und Jürgen Klopp, die aus der Dortmunder Innenstadt moderierten, sollten sich besser von englischen Pubs fern halten, gleich, ob sie sich in London, Manchester oder Liverpool befinden.

An Wochenenden trinken Engländer normalerweise mehr als sonst, wusste er. Es könnte daher lebensgefährlich für sie sein, wenn sie sich als Deutsche outen. Angst habe er allerdings nicht, meinte er auf Nachfragen. Zumal er ja für "Radio Luxemburg" unterwegs sei. Trotzdem schien es dem Zuschauer, als ob "unser Mann" in London aus einem "Kriegsgebiet" berichten würde.

Wir gegen die

"England ready to rout out the old enemy", schrieb die Zeitung dann am Samstag. Vor solchen martialischen Schlagzeilen müssen selbst die Leute von BILD erblassen. Zwar glaubte auch BILD an eine "Fußball-Schlacht" und redete von einem "nicht-normalen Achtelfinale". Und auch der Spiegel fühlte sich bemüßigt, wieder mal die Legende vom "Trauma-Partner" in Umlauf zu setzen. Die Fantasie der deutschen Kollegen hatte aber doch deutliche Grenzen. Für sie ging es um Nationalstolz, während sich die englischen Kollegen im Krieg wähnten.

Folglich spielten bei BILD nur "Wir gegen England". Kam für die Zeitung beim Spielervergleich ein knappes 6:5 für uns heraus, erinnerte der Spiegel an all die deutschen Torhüterhelden, die den englischen Schützen Angst vor dem Elfmeter einflößten.

Immer etwas Besonderes

Wundern über diese Sprache braucht oder sollte sich niemand. Immer wenn diese beiden Teams aufeinander treffen, vor allem bei internationalen Turnieren, hat sie die Begegnungen begleitet. Solche Wortgefechte gehören dazu wie das Ballyhoo vor Boxkämpfen. Für Millionen von Fans sind diese Spiele immer schon mehr gewesen als alle anderen. Nur Spiele gegen die Niederlande rufen ähnliche Gefühle bei deutschen Fans hervor.

Ein Großteil der "Feindschaft" zwischen Engländern und Deutschen hat gewiss seinen Ursprung in den Ereignissen des WK II, die von Bomben, Panzern und Millionen Toten geschrieben worden ist. Die "Schlacht um England" ist unvergessen. Vor allem die Zerstörung Tausender von Pubs durch deutsche Bomber haben die englischen Fans den Deutschen bis heute nicht verziehen.

Trotz eines über sechzig Jahre währenden Friedens, trotz der europäischen Einigung und trotz eines prosperierenden Kontinents ohne Krieg und blutige Scharmützel untereinander hat sich daran in der englischen Presse bis heute wenig geändert. Zwar sind mittlerweile die Pickelhauben, Hitlerbilder und Nazisymbole aus den Blättern verschwunden, die noch vor fünfzehn Jahren die Seiten der Zeitungen geziert haben. Von einem "normalen" Verhältnis kann man aber bis heute nicht sprechen.

Neid und Bewunderung

Eine besondere Note bekommt die Rivalität durch die unterschiedlichen Erfolge, die die beiden Teams in ihrer Geschichte bislang eingefahren haben. Dürfen die Deutschen mittlerweile drei Sterne auf ihren Trikots tragen, weil sie 1954, 1974 und 1990 den "World Cup" gewonnen haben, bringen es die Engländer nur zu einem Stern auf der Brust, der obendrein noch aus einer Heim-WM stammt.

Zwar ist die Bilanz vor dem WM-Achtelfinale immer noch negativ für die Deutschen. Zehn Siegen und sechs Unentschieden stehen 15 Niederlagen gegenüber. Unvergessen ist dabei bis auf den heutigen Tag das WM-Finale von 1966 im englischen Wembley, als Geoff Hurst mit einem Schuss an die Unterkante der Latte, der auf der Linie aufsprang, dank der freundlichen Unterstützung des Schweizer Schiedsrichters Gottfried Dienst und seines russischen Assistenten das Finale zugunsten der Mannschaft des damaligen Trainers Alf Ramsey entschied.

Bemerkenswerterweise war es nach diesem Triumph mit der Herrlichkeit des englischen Fußballs vorbei. Hatten die Deutschen bis dahin noch kein Spiel gegen die "Three Lions" gewonnen, änderte sich das hinterher vollkommen. Fortan siegten sie fast jedes Mal, wenn es darauf ankam, die Mannschaften des DFB. So gewann das Team unter anderem 1990 das WM-Halbfinale in Italien im Elfmeterschießen und schließlich auch den dritten WM-Titel. Und auch 1996 bei der EM in England beendete man das Halbfinale gegen den "Erzfeind" in gleicher Weise siegreich, um sich dann auch mit diesem Titel die Heimfahrt von der Insel anzutreten.

Ernnerungen an Wembley

Bis kurz vor dem Spiel war in diversen Medien noch über ein mögliches Elfmeterschießen spekuliert worden, das die Engländer dann natürlich wieder verlieren würden. Andere wiederum meinten, dass der englische Torhüter erneut "patzen" und so den Deutschen zum Sieg verhelfen würde.

Zwar erinnerten manche Medien, allen voran die öffentlich-rechtlichen, an das unvergessene Wembleytor, mit dem die Dominanz des englischen Fußballs über den deutschen ein letztes Mal festgeschrieben wurde. Und ein paar Unverbesserliche glaubten wohl auch, wenn man den Meldungen trauen darf, dass sich so eine Szene am Sonntag vielleicht wiederholen könnte. In England konnte man in einschlägigen Büros sogar darauf wetten. Aber das war wohl nicht ganz ernst gemeint.

Genugtuung für Wembley

Dass es dann an diesem Nachmittag in Bloemfontein tatsächlich dazu gekommen ist, vierundvierzig Jahre danach die "Schmach" von Wembley getilgt wurde, konnte da noch niemand ahnen. Ermöglicht wurde das durch das Schiedsrichtergespann aus Uruguay, das einen Schuss von Frank Lampard an die Unterkante der Latte, der für jedermann im Stadion oder an den Bildschirmen gut sichtbar einen halben Meter hinter der Torlinie aufknallte, die Anerkennung verweigerte.

Gleich darauf und noch während des Spiels werteten viele Zuschauer bei Facebook und Twitter das nicht gegebene Tor als wohlverdiente "Rache für Wembley". Und auch in den Nachbetrachtungen, ob in "Waldis WM-Club", bei RTL oder an den Stammtischen, breitete sich Genugtuung und Freude aus. "Das Leben ist halt doch gerecht", hieß es; "im Leben sieht man sich eben immer zweimal", hörte man; und: zwei Generationen nach diesem Drama ist endlich ein Ausgleich dafür erreicht und gefunden worden.

Der Knackpunkt

Trotz der verständlichen Wut über den "Tor-Fehler" wird die Fehlentscheidung wohl doch letztlich nur eine Fußnote bleiben. Zu überlegen war diesmal das Spiel des jungen deutschen Teams und hochverdient der Sieg, wie Steven Gerrard nach dem Spiel fairerweise zugab. Gewiss war es der Knackpunkt im Spiel. Niemand weiß, wie das Spiel danach verlaufen wäre, hätte das Tor gezählt und wäre es zur Pause unentschieden gestanden.

Doch selbst der "Daily Mirror" (Three Lions Muller-ed by Germans... and the ref) sah das Team nicht bloß vom Referee "gemüllert"; und auch die "Sun"(Frank for Nothing), die Daily Mail und die Experten im Studio der BBC bei Gary Lineker sprechen trotz der Fehlentscheidung des Schiedsrichters Jorge Larrionda und seines Assistenten Mauricio Espinosa von einem schwachen englischen und einem brillant auftrumpfenden deutschen Team. Zu groß waren die Defizite der englischen Defensive, und zu schwach war man insgesamt im Angriff.

Dramen und Tragödien

Gleichwohl wird der Missgriff des "nutzlosen Referees" (The Sun) die Diskussion über den Einsatz von Torrichtern oder von technischen Hilfsmitteln wie den Videobeweis oder den Chip im Fußball erneut anheizen. Günter Netzer meinte im Studio zwar, dass genau das den Fußball ärmer machen würde. Dramen und Tragödien, Wut, Schmerz und Tränen gehörten zum Fußball wie das Amen in der Kirche. Erst sie machten den Fußball zu dem, was er ist. Jürgen Delling wiederum war da anderer Meinung. Würde man diese Instrumente nutzen, meinte er, müsste man nicht mehr ein halbes Jahrhundert lang über eine einzige Szene diskutieren, die die Gemüter erhitzte.

Dazu kann man nur sagen: Sicherlich würde der Fußball viel von seinem Reiz, seinen Unwägbarkeiten und Überraschungen verlieren, wenn man auch das noch regulieren würde. Andererseits geht es im modernen Profisport aber auch um viel, um zu viel Geld und Prestige, um die Entscheidung über Erfolg oder Misserfolg den Augen oder dem falschen Stellungsspiel zweier jederzeit fehlbarer Schiedsrichter überlassen könnte. Längst hat man darum in vergleichbaren Sportarten, beim Eishockey oder Handball etwa oder auch im Tennis, die Konsequenzen daraus gezogen und die Mittel der Elektronik hinzugezogen.

Überfälliger Einsatz

Günter Netzer hatte aber auch leicht lachen. Am Nachmittag traf es die Engländer, später am Abend traf es die Mexikaner. Auch hier übersah das Schiedsrichtergespann ein klares Abseits des Spielers Tevez, wodurch die Mexikaner vollkommen aus dem Tritt gerieten und danach verloren.

Schon bei den diesjährigen Spielen um die Champions League griffen Referees mit ihren Fehlentscheidungen nachhaltig in das Spiel ein. Beispielsweise erreichten die beiden Finalisten, Inter Mailand und Bayern München, nur deswegen das Endspiel, weil Schiedsrichter sie in den Spielen davor (unfreiwillig natürlich) begünstigt hatten. Darum hätte man Netzer, Paul Breitner und andere Experten erleben wollen, wenn die deutsche Elf davon betroffen gewesen wäre. Da wäre was los gewesen.

Allein die nicht enden wollenden Diskussionen über das so genannte Wembleytor haben gezeigt, wie tief so ein Stachel sitzen, er eine Mannschaft oder gar ganze Nation treffen kann. Vielleicht wäre es wirklich gut, wenn der Mythen- und Legendenbildung, die garantiert danach einsetzt, technisch oder zumindest menschlich ein Ende gesetzt würde. (Rudolf Maresch)

Anzeige