Britische Medien wurden "angeführt"

Die jetzt veröffentlichten Bilder von britischen Soldaten, die auf irakische Jugendliche einschlagen, ließen an gefälschte Folterbilder denken, deren Herkunft trotz des von ihnen entfachten Medienskandals noch unklar ist

Nach der Veröffentlichung von weiteren Folterbildern in der englischen Sonntagszeitung „News of the World“ am 12. Februar, die laut Angaben des Blattes britische Soldaten bei der Misshandlung von jungen Irakern zeigen, wurden sofort Parallelen zu einem der größten Presseskandale auf der Insel gezogen. Im Mai 2004 hatte der „Daily Mirror“ Bildmaterial und Informationen veröffentlicht, die sich später als Fälschungen erwiesen (Wahrheit und Täuschung im Medienkrieg). Kaum bekannte Hintergründe des damaligen Skandals haben Medienstudenten der Hochschule Mittweida in dem Forschungsprojekt „Folter frei“ zusammengetragen und sind dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass vor allem die britische Regierung Interesse an der Veröffentlichung des gefälschten Materials gehabt haben konnte.

Am 1. Mai 2004, knapp zwei Tage nach Veröffentlichung der ersten schlimmen Bilder aus dem US-Militärgefängnis Abu Ghraib im Irak, hatte die Armee ihrer Majestät – und damit auch die Medien in Großbritannien – einen „eigenen“ Folterskandal, ausgelöst vom Daily Mirror .

„Vile, but this time it’s an british soldier degrading an iraqi“ (Abscheulich, aber dieses Mal ist es ein britischer Soldat, der einen Iraker erniedrigt) stand in großen Lettern auf der Titelseite des Daily Mirror. Über die gesamte Fläche war das Bild eines Gefangenen auf dem Boden eines Armeefahrzeugs kauernd zu sehen, dessen Kopf verhüllt war und auf den ein britischer Soldat offenkundig herab urinierte. Im Inneren des Blattes wurden weitere brutale Fotos gezeigt: Britische Soldaten prügelten, traten und schlugen mit Gewehrkolben auf einen wehrlosen Häftling ein.

Die dazu gehörende Story wirkte unter dem Eindruck der kurz zuvor veröffentlichten Schreckensbilder aus Abu Ghraib einleuchtend. Die Bilder seien der Redaktion von zwei besorgten Soldaten übergeben worden, die damit zeigen wollten, dass die Koalitionstruppen vor allem wegen ihres brutalen Vorgehens im Irak auf so heftigen Widerstand stoßen würden.

Für Tony Blair „völlig unakzeptabel“

Nach Angaben des Mirror waren die Schwarz-Weiß-Fotos im August 2003 aufgenommen worden. Die Bewohner der Ölstadt Basra stöhnten damals unter der Bruthitze, wegen Stromangels liefen die Ventilatoren nicht, das Wasser war knapp, die Kloaken stanken, der Zorn entlud sich in Demonstrationen gegen die Besatzer. Zu dieser Zeit war das Queen's Lancashire Regiment in Basra stationiert, bevor es nach dem Rotationsprinzip ausgetauscht und nach Zypern verlegt wurde. Zwei Soldaten erlebten mit, wie ein junger Iraker, als Dieb verdächtigt, gequält wurde. Der Gefangengenommene sei 18 bis 20 Jahre alt gewesen und acht Stunden lang von sechs britischen Soldaten gepeinigt worden. Mit Gewehrkolben und Knüppeln hätten sie ihm den Kiefer gebrochen und Zähne ausgeschlagen. Anschließend sei der Mann vom fahrenden LKW geworfen worden, ohne dass sich jemand darum gekümmert hätte, ob er noch am Leben ist. So die Darstellung im Daily Mirror.

Die britischen Medien, einschließlich der BBC, übernahmen zunächst die Geschichte und die Bilder. Auch politisch zog die Geschichte bald weite Kreise. „Falls die Vorwürfe stimmen, sind die Täter nicht würdig, die Uniform der Königin zu tragen", wetterte Generalstabschef Mike Jackson noch am Abend vor der offiziellen Veröffentlichung, nachdem er einen Andruck der Zeitung erhalten hatte. Das Verteidigungsministerium kündigte sofort eine schnelle und strenge Untersuchung der Vorfälle an. Premierminister Tony Blair äußerte sich am 1. Mai im BBC-Fernsehen: „Lassen Sie mich es ganz klar sagen, dass, wenn diese Dinge wirklich geschehen sind, sie völlig unakzeptabel sind. Wir sind in den Irak gegangen, um solche Dinge abzuschaffen und nicht, um sie selbst zu tun.“

Zweifel an der Echtheit der Folterbilder

Doch es kamen bald Zweifel an der Echtheit der Fotos und der Wahrhaftigkeit der dazu gehörenden Geschichte auf (Schon wieder ein Bilderstreit). Während der Chefredakteur des Daily Mirror, Piers Morgan, auf Nachfragen von Berufskollegen noch stoisch antwortete „Wir haben die Fotos genauestens geprüft und sind davon überzeugt, dass sie echt sind“, hatte der BBC-Verteidigungsexperte Paul Adams längst Ungereimtheiten ausgemacht. Aus Militärkreisen hatte er erfahren, dass die im Mirror abgebildeten Waffen- und Militärfahrzeugtypen von den britischen Truppen im Irak überhaupt nicht eingesetzt wurden.

Erfahrene Journalisten hatten zudem bemerkt, dass das T-Shirt des angeblich misshandelten Irakers blütenweiß war und auch nach vermeintlich stundenlangen Quälereien nicht einmal Schweißränder aufwies, obwohl zu dieser Zeit in Basra Temperaturen von annähernd 40 Grad Celsius geherrscht haben müssen. Layoutern in den Redaktionen war ohnehin schon die brillante Qualität der Digitalbilder aufgefallen, die auf professionelle Fotografen schließen ließ.

Als der Daily Mirror von anderen Medien schon offen der Fälschung bezichtigt wurde, ließ Chefredakteur Piers Morgan sein Blatt noch an den folgenden Tagen mit Aufmachern wie „Wir haben die Wahrheit gesagt“ (Montag, 3. Mai 2004) erscheinen. Am Freitag, 7. Mai, stürzten sich dann fast alle britischen Tageszeitungen auf den Mirror. Konkurrent The Daily Express hatte keinen Zweifel mehr, das die Soldaten des Queen's Lancashire Regiments „falsch beschuldigt“ wurden. Marktführer Sun forderte gleich offen eine Entschuldigung der Mirror-Chefetage. Es sollte aber noch eine weitere Woche dauern, bevor der Daily Mirror einräumen musste, Fälschungen veröffentlicht zu haben.

Am 14. Mai hatte Oberst David Black, der ehemalige Befehlshaber des Queen's Lancashire Regiments, aus dessen Reihen die Folterer nach Informationen des Mirror angeblich stammten, in einer spektakulären Pressekonferenz detailliert nachgewiesen, dass die Beschuldigungen zu Unrecht bestanden. Anhand von Uniformstücken, Fahrzeugen, Ausrüstungsgegenständen und Waffen hatte er demonstriert, dass die angeblichen Folterbilder nur gestellt sein konnten. Auch gab es stichhaltige Beweise dafür, dass die Aufnahmen gar nicht im irakischen Basra, sondern in der britischen Provinz Lancashire entstanden waren. Die Regierung in London hatte die Fotos von den angeblichen Misshandlungen bereits zuvor auf Grund von Untersuchungen der Militärpolizei als Fälschungen entlarvt. In Fernsehinterviews sagte Black, ein Militäroberst alter Schule, mit Blick auf Piers Morgan, es sei an der Zeit, "dass das Ego eines Chefredakteurs an dem Leben eines Soldaten gemessen wird". Die gestellten Fotos hätten Soldaten im Irak in Gefahr gebracht und dienten als "Rekrutierungsplakate für die Terrororganisation Al-Qaida“, schimpfte Oberst David Black vor der Presse.

Chefredakteur wurde gefeuert

Noch am selben Tag wurde Piers Morgan als Chefredakteur des Daily Mirror von seiner Verlagschefin Sly Bailey gefeuert. Die Londoner Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Gina Thomas, beschrieb in ihrem am 17. Mai 2004 veröffentlichten Beitrag Morgans Abgang so: „Nach einem zwei Minuten dauernden Gespräch mit Sly Bailey wurde Morgan kurzerhand von einem Sicherheitsbeamten aus dem Hochhaus in Canary Wharf abgeführt. Seine Jacke hing noch über dem Stuhl seines Büros im zweiundzwanzigsten Stock. Er durfte sie nicht holen.“ In den folgenden Tagen war in englischen Zeitungen zu lesen, dass Morgan die fristlose Kündigung mit einer Abfindung von umgerechnet rund 2,5 Millionen Euro zumindest finanziell erträglich gemacht wurde.

Am nächsten Tag, Samstag, 15. Mai 2004, erschien der Daily Mirror schon unter dem neuen Redaktionsleiter Des Kelly mit der Headline „Sorry… we were hoaxed“ – „Entschuldigung, wir wurden angeführt“. In der Titelgeschichte hieß es weiter „die uns ausgehändigten Bilder über die Misshandlung irakischer Kriegsgefangener waren Fälschungen" und „wir bedauern dem Ansehen der britischen Truppen im Irak geschadet zu haben und sichern eine vollständige Zusammenarbeit bei der Untersuchung des Betrugs zu“.

Doch mit der Entschuldigung des Mirror und dem Rauswurf des Chefredakteurs war die Sache längst noch nicht zu Ende. Die entscheidenden Fragen

  1. wer denn die Zeitung „angeführt“ hatte?
  2. und was mit Veröffentlichung der Fotos im Daily Mirror beabsichtigt wurde?

blieben bis heute weitgehend unbeantwortet.

Es gab zwar Spekulationen in britischen und internationalen Medien, aber eben keine überzeugenden Antworten. Redakteure, die über den Fall rätselten, hätten sich selbst besser einige der zur journalistischen Grundausbildung zählenden so genannten „W-Fragen“ stellen sollen, bevor sie mit haarsträubenden Spekulationen an die Öffentlichkeit gingen. Dabei kommt zunächst der Frage Wann? eine herausragende Bedeutung zu.

Es bleiben „W-Fragen“

Wann sind die Bilder von der angeblichen Misshandlung des Irakers an den Daily Mirror gelangt? Vom ehemaligen Chefredakteur Morgan und von der Verlagsleitung gab es dazu niemals konkrete Auskünfte. Fest steht allerdings, dass die Folterfotos allerspätestens bis zum Mittag des 30. April beim Mirror vorgelegen haben müssen, schließlich wurden sie in der Ausgabe vom 1. Mai veröffentlicht und der Andruck lag schon am Vorabend unter anderem auch bei der BBC vor.

Da Morgan später angab, Bilder und Angaben genauestens geprüft zu haben, ist sogar fest davon auszugehen, dass diese bei der Redaktion mindestens schon einen weiteren Tag vorher, also am Donnerstag, 29. April 2004, eingegangen sein müssen. Es ist auch kaum nachvollziehbar, dass ein erfahrener Blattmacher wie Morgan solch brisantes Material sofort nach Erhalt veröffentlichen lässt. Viel wahrscheinlicher ist indes, dass die Bilder schon Tage beim Mirror vorgelegen haben, bevor sie veröffentlicht wurden. Es kann durchaus sein, dass die Berichterstattung über Abu Ghraib den Chefredakteur zur Veröffentlichung der vermeintlichen Folterbilder erst ermutigt oder animiert hatte.

Folglich wurden die aufwendigen Fälschungen zu einem Zeitpunkt produziert, als die CBS-Bilder aus Abu Ghraib in England noch nicht verbreitet – und deren Wirkungen bei weitem noch nicht einzuschätzen waren. Wie schon erwähnt, strahlte die BBC die ersten Meldungen über den 60 Minutes II-Beitrag erst am Mittag des 29. April aus. Das führt zum Ausschluss etwaiger „Trittbrettfahrer“ des CBS-Berichts bei der „Tätersuche“.

Selbst wenn man unterstellt, dass die Mirror-Redaktion die Fälschungen selbst inszeniert hat, würde man an der „Wann-Frage“ scheitern, zumindest dann, wenn man den 60 Minutes II-Bericht als „Vorbild“ dieser Aktion ansehen würde. Wenn dagegen Ex-Chef Morgan mit einigen seiner Leute die Aktion von langer Hand vorbereitet hätte, um die (Anti-)Kriegs- und Besatzungsberichterstattung in seinem Blatt interessanter zu machen, wäre das späte Erscheinungsdatum ungewöhnlich. Immerhin waren nach einem Bericht des konkurrierenden Boulevardblatts Sun schon im Juni 2003, also 11 Monate zuvor, Foltervorwürfe gegen britische Soldaten im Irak laut geworden. Seitdem gab es immer wieder Berichte und auch Beweise für solche Übergriffe (Der Folterskandal der britischen Armee).

Die „Wann-Frage“ kann also journalistisch nur sauber beantwortet werden, indem „Nachahmer“ bzw. „Trittbrettfahrer“ des CBS-Berichts, einschließlich der Mirror-Redaktion selbst, von der Liste der „Verdächtigen“ gestrichen werden.

Wenn nun „Trittbrettfahrer“ des 60 Minutes II-Berichts und die Redaktion selbst als Initiatoren der Fälschungen ausscheiden, könnten zwei weitere „W-Fragen“ bei Annäherung an die tatsächlichen Hintermänner weiterhelfen: Wer hat dem Daily Mirror die Folterbilder zugespielt und was wurde mit der Veröffentlichung bezweckt?

Owen Gibson, Chefreporter der renommierten englischen Tageszeitung The Guardian, hatte sich in einem am 18. Mai 2004 veröffentlichten Beitrag ausführlich diesen Fragen angenommen. Der erfahrene Journalist wollte herausgefunden haben, dass weder der gefeuerte Chefredakteur des Daily Mirror, Piers Morgan, noch sein Nachfolger Des Kelly die Identität der beiden angeblichen Soldaten kannten, die als Informanten aufgetreten und die Folterbilder der Redaktion überlassen hatten.

Nach Gibsons Informationen kannten drei Mirror-Mitarbeiter die geheimnisvollen Informanten: der Journalist Paul Byrne, der die Geschichte geschrieben hatte, Stephen White, der damals für Nordengland zuständige Regionalredakteur und Nachrichtenchef Connor Hanna. Trotz intensiven Befragungen durch Verlagschefin Sly Bailey rückten sie die Namen ihrer Informanten nicht heraus und beriefen sich dabei auf den Informantenschutz, über den die britische „Press Complaints Commission“ noch stärker wacht, als in Deutschland der vergleichbare Presserat über die Einhaltung der Regelungen des Pressekodex. Gibson – und andere britische Kommentatoren begrüßten das Verhalten ihrer Berufskollegen und wiesen dabei auch auf die erst zehn Monate zurückliegende Tragödie um den Waffenexperten David Kelley hin.

Erfolglose Tätersuche

Bei Beantwortung der „Wer-Frage“ sind grundsätzlich mehrere Varianten ins Kalkül zu ziehen. Militante Kriegsgegner in England oder islamitische Fundamentatlisten könnten durchaus ein Interesse daran gehabt haben, durch Veröffentlichung von Folterbildern die Stimmung gegen die Besetzung des Iraks weiter anzuheizen. In britischen Medien wurde zudem viel darüber spekuliert, dass die Fälscher auch aus der eigenen Truppe kommen könnten, so genannte „Whistleblower“. Gemeint sind dabei Leute, die mit solchen „Aktionen“ auf schlimme Zustände in der Armee aufmerksam machen wollen. Die BBC meldete denn auch am 15. und 19. Mai, dass mehrere Soldaten vorläufig festgenommen worden seien. Die weiteren Ermittlungen verliefen jedoch im Sande, die Verdächtigen mussten wieder freigelassen werden.

Alle diese Gruppen von möglichen Verdächtigen mussten allerdings damit rechnen, dass der Schwindel rasch auffliegen würde und die britischen Truppen – trotz anderer nachgewiesener Vergehen im Irak – plötzlich wieder als „Saubermänner“ dagestanden hätten.

Interesse an einem solchen Szenario könnten aber durchaus die britische Regierung und die Streitkräfte ihrer Majestät der Königin gehabt haben. Nachdem die Kriegsteilnahme auf der Insel ohnehin auf breite Ablehnung gestoßen war, sorgten Berichte von Übergriffen englischer Soldaten seit Juni 2003 zusätzlich für schlechte Stimmung an der „Heimatfront“. Es gab bereits eine Reihe Beweise dafür, dass britische Truppen im Irak gefoltert – und Häftlinge getötet hatten. Die Tageszeitung Economist meldete am 13. Mai 2004 unter Bezugnahme auf Berichte des Roten Kreuzes, dass bis zu diesem Zeitpunkt mindestens 37 Zivilisten im Irak durch englische Soldaten ums Leben gekommen seien.

Die Londoner Regierung und die Militärführung einschließlich der Geheimdienste dürften auch einen entscheidenden zeitlichen Vorsprung vor möglichen „Trittbrettfahrern“ des CBS-Beitrags gehabt haben. Es ist davon auszugehen, dass die USA ihrem getreuesten Verbündeten im Irak spätestens Mitte April Kopien der Aufnahmen aus Abu Ghraib zukommen ließen. CBS hatte auf ausdrücklichen Wunsch des US-Verteidigungsministeriums die Erstsendung des Beitrags um zwei Wochen bis zum 28. April 2004 hinausgezögert. Das gab auch den Verantwortlichen in der britischen Regierung und in der Militärführung genügend Zeit, sich auf die Situation am Tag X – mit Veröffentlichung der Abu Ghraib-Bilder – vorzubereiten.

Die Mitteilung aus Washington muss in der britischen Regierung Hektik ausgelöst haben. Schließlich war die eigene Armee seinerzeit wesentlich stärker mit Foltervorwürfen im Irak belastet worden, als das etwa siebenfach so große Truppenkontingent der Amerikaner. Es war zu erwarten, dass sich englische Journalisten sofort auf die Suche nach weiteren Verfehlungen in der eigenen Truppe begeben – und vermutlich auch fündig würden.

Immerhin – am Sonntag, 2. Mai 2004, also nur einen Tag nach Veröffentlichung der vermeintlichen Folterszenen im Daily Mirror, zitierte der als seriös geltende Independent on Sunday Veteranen des Queen's Lancaster Regiments, aus dessen Reihen die Folterer von Basra stammen sollten. Sie erinnerten sich angewidert an die Prahlereien ihrer aktiven Kameraden, die sich mit derartigen Misshandlungen im Irak gebrüstet und ähnliche Fotos herumgereicht hätten. Die Veteranen wurden – im Gegensatz zu den Informanten des Daily Mirror – namentlich zitiert.

Verdacht fällt auf britische Regierung

Weitere Abläufe legen nahe, dass die britische Regierung bzw. die Militärführung hinter den Fälschungen beim Mirror standen: Englische Journalisten wurden zuerst aus Militärkreisen „unter der Hand“ darüber informiert, dass mit den Folterbildern etwas nicht stimmen könne. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch das Timing mit dem diese „vertraulichen Informationen“ an die Redaktionen gingen.

Zunächst wurde sichergestellt, dass neben dem Mirror möglichst alle wichtigen Medien an diesem Samstag, 1. Mai 2004, über den vermeintlichen Folterskandal berichten. Im Anschluss gab es dann erste Gerüchte aus Militärkreisen, die die Echtheit der Aufnahmen in Frage stellten. Es ist nicht nachvollziehbar, dass die Pressestellen des Verteidigungsministeriums und der britischen Armee nicht sofort reagierten und die Öffentlichkeit umfassend über die gewonnenen Erkenntnisse unterrichteten. Die Militärs hatten Gelegenheit dazu, seitdem ihnen der Andruck des Daily Mirror vom 1. Mai 2004 am Abend zuvor, also am 30. April, vorgelegen hatte. In dieser brisanten Situation kann es unmöglich Tage gedauert haben, um falsche Uniformen, falsche Waffen oder falsche Militärlastwagen am falschen Platz zu identifizieren und dieses auch offiziell mitzuteilen.

Die dem Daily Mirror zugespielten Folter-Fotos entsprachen zudem genau dem Klischee, dass auch die von CBS gezeigten Bilder aus Abu Ghraib vermittelten: Brutal prügelnde Besatzungssoldaten, die ihre abartigen Handlungen auch noch mit offenkundiger Lust zur Schau stellten. In Abu Ghraib mussten sich muslimische Häftlinge gegenseitig mit dem Mund vor feixenden Bewachern befriedigen – in Basra urinierte angeblich ein Soldat auf den Gefangenen vor ihm.

Nur wer genügend Zeit hatte, die Abu Ghraib-Bilder zu sichten und ein auf die britische Armee angepasstes Szenario zu entwickeln, kann für die Fälschung verantwortlich sein. Es ist durchaus denkbar, dass – wenn die britische Regierung tatsächlich Drahtzieherin war – die „operative Durchführung“ bei einem der englischen Geheimdienste lag. Zumindest ist die zufallsfreie Inszenierung ein deutliches Anzeichen für diese These.

Was hätten nun Regierung und Militärführung erreicht, wenn sie tatsächlich hinter den Mirror-Fälschungen steckten. Die Frage nach Motiven und Ergebnissen der „Aktion“ lässt sich schlüssig beantworten:

  1. Mit Enttarnung der Fälschung ist von tatsächlichen Übergriffen der Engländer im Irak abgelenkt worden.
  2. Die Glaubwürdigkeit der Medien wurde nachhaltig untergraben. Bei weiteren Berichten über Verbrechen britischer Soldaten im Irak würden Zweifel aufkommen.
  3. Journalisten und ganze Redaktionen wurden nachhaltig verunsichert – und wie im Fall des Daily Mirror vollständig diskreditiert.

Wie weit diese Verunsicherung unter den englischen Journalisten gehen musste, zeigt allein die Tatsache, dass es bislang keinen Beitrag in den Inselmedien gab, die die Regierung Blair mit den Mirror-Fälschungen in Verbindung brachte.

Für Owen Gibson, den Chefreporter des Guardian, sind die falschen Folterbilder, die der Daily Mirror am 1. Mai 2004 veröffentlichte, der schlimmste Medienskandal in Großbritannien seit 1983. Damals hatte die Sunday Times die angeblichen Hitler-Tagebücher des deutschen Magazins Stern veröffentlicht.

Hinweis: Horst Müller ist Professor für Redaktionspraxis im Fachbereich Medien an der Hochschule Mittweida (FH). Weitere Informationen zu dem Projekt „Folter frei“ hier.

(Horst Müller)